Erschwerter Besuch
: Das Kino verliert in der Corona-Krise doppelt

Corona und die Gegenmaßnahmen setzen den Kinos weltweit auf doppelte Art und Weise zu. Sie hindern den Zuschauer am Besuch und eröffnen ihm gleichzeitig neue Möglichkeiten am heimischen Bildschirm.
Von
Ellen Hasenkamp,
Christina Sleziona
Berlin
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Menschenleer ist das Foyer des Kinos Corona KinoPlex.

Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Nun soll allmählich wieder Leben in die Buden kommen, aber die Sorgen sind trotzdem groß. Die Branche hat mit mehr zu kämpfen als mit den Folgen einer Pandemie. Auch die Wiedereröffnungspläne fallen alles andere als glamourös aus. Die strengen Gesundheitsvorgaben stellen manche Betreiber vor schier unlösbare Aufgaben.

Steinmeier setzt ein Signal

Im Kino International war bereits Anfang vergangener Woche ein bisschen was los: Der Bundespräsident kam vorbei und wie fast immer, wenn Frank-Walter Steinmeier ein Termin besonders wichtig ist, brachte er auch seine Ehefrau Elke Büdenbender mit. Gemeinsam mit dem Produzenten und Regisseur Andreas Dresen und dem Vorsitzenden der Gilde deutscher Filmkunsttheater, Christian Bräuer, setzten sie sich im altmodischen Foyer unter die Kristalllüster. Das sollte vor allem ein Signal sein: Denn natürlich hätte sich auch im Schloss Bellevue ein Raum gefunden, aber Steinmeier wollte Aufmerksamkeit für seine Botschaft: „Kino ist Kultur“ und „Kultur braucht auch uns.“ Geld oder Gesetze zum Schutze der Filmkunst hat ein Staatsoberhaupt natürlich nicht dabei, das weiß auch Dresen. „Wir freuen uns einfach über das Interesse an unserer Branche“, sagt er nach der Begegnung. Ansonsten aber ist der Filmemacher ("Halbe Treppe“, „Sommer vorm Balkon") hauptsächlich besorgt um die hiesige Branche; die Kinos selbst, die mittelständischen Verleiher, die kleinen Produktionsfirmen. Er wünscht sich beispielsweise einen staatlichen Filmausfallfonds für Fälle, in denen sich wegen Corona eine Produktion verzögert.

Bräuer, der auch Geschäftsführer der Yorck-Gruppe ist, schaut wiederum mit Besorgnis auf die Wiedereröffnungspläne für Kinos. Er freut sich zwar, dass die Zwangsschließungen vorbei sind. Der Normalbetrieb sei aber für die meisten Häuser weiterhin undenkbar. Grund dafür sind die Abstandsauflagen, die für die meisten Kinos bedeuten, nur 20 Prozent der Plätze verkaufen zu können. „Davon kann man nicht leben“, sagt Bräuer.

Besonders harte Auflagen müssen Kinobetreiber in Rheinland-Pfalz erfüllen. Die Kinogäste dürfen ihre Masken in den Kinosälen nicht abnehmen. Essen und Trinken wird damit unmöglich – von dessen Verkauf sind die Kinos aber abhängig. „50 Prozent der Erlöse durch die Eintrittskarte werden an die Filmverleiher weitergegeben. Der Betreiber finanziert sich daher auch durch den Popcornverkauf“, erklärt Fabian Schauren, Geschäftsführer des Bundesverbands für kommunale Filmarbeit. Er sei daher nicht verwundert, dass viele Kinos nicht öffnen wollen. Mit den wenigen Einnahmen das Personal zu bezahlen, sei mitunter teurer als geschlossen zu bleiben.

Trotzdem könnte die Situation um einiges schlimmer sein, ist Gilde-Chef Bräuer überzeugt. „Es hätte bereits sehr viele Insolvenzen gegeben, wenn der Bund und die Länder nicht schnell gehandelt hätten.“ Zu Beginn des Lockdowns im März wurden mehrere Hilfsprogramme aufgesetzt. So konnten zunächst weiterhin Mieten gezahlt, Darlehen bedient, Mitarbeiter, Minijobber und Studenten versorgt werden. Auch im neuen Konjunkturpaket sind eine Milliarde Euro für die Kultur insgesamt und auch die Filmwirtschaft vorgesehen. „Ein entscheidend wichtiges Signal“, lobt Steinmeier, der von sich sagt, er sei ein „alter Kinogänger“.

Die Kinobetreiber investierten außerdem in neue Sicherheitsmaßnahmen. „Die Kinos mussten zum Beispiel das Kassensystem für die Kontaktverfolgung verbessern oder sich Plexiglasscheiben anschaffen“, sagt Bräuer. Wichtig sei nun auch das Vertrauen der Menschen, dass ihre Gesundheit im Kinosaal nicht stärker gefährdet sei als anderswo.

Eine weitere Voraussetzung gilt ganz unabhängig von Corona: gute Filme. Dass den Kinos die Blockbuster fehlen, ist für Andreas Heidenreich, Vorsitzender des Bundesverbands für kommunale Filmarbeit, ein großes Problem. Es sei aber auch kein unüberwindbares: „Die Kinos machen einfach mit den Filmen weiter, die im März frisch rauskamen. Also mit Filmen wie ‚Die Känguru-Chroniken‘ und ‚Die perfekte Kandidatin‘“, erklärt er.

Und dann sind da natürlich noch Streamingdienste wie Netflix, Amazon Prime, Disney+ und Co. So mancher hat sich womöglich in den vergangenen Wochen an den Filmgenuss auf dem heimischen Sofa gewöhnt. Die „neuen Sehgewohnheiten“, wie Steinmeier das nennt, setzen gerade den Arthouse-Kinos nicht erst seit Corona-Zeiten zu.

Heidenreich fürchtet aber keine allzu große Konkurrenz: „Die besteht vielmehr für Fernsehsendungen. Es wird immer Menschen geben, die Lust haben, auf einer großen Leinwand und in größerer Gesellschaft Filme zu erleben“, sagte er. Sein Kollege Schauren ergänzt: „Das Kino wird überleben – es hat die Videokassette und das Privatfernsehen in den 80er-Jahren überdauert, jetzt wird es auch das Streaming und die Corona-Krise überstehen.“

Hintergrund: Der Kampf hat begonnen

Netflix, Amazon prime und Disney+ boomen in der Corona-Zeit. Die Frage ist, ob sie ihre Erfolge auch verteidigen können.

Es klingt wie eine Kampfansage: Das Kino werde „noch stärker zurückkommen“, sagte der Leiter des Filmfestivals in Cannes, Thierry Frémaux, kürzlich in einem Interview. Die Adressaten sind nicht nur die Zuschauer, die in Zeiten geschlossener Kinosäle auf gemeinsames Filmvergnügen verzichten müssen. Es sind auch Konzerne wie Netflix, Amazon und Disney+. „Das Kino ist ‚geschlossen‘, und die Streamingplattformen reißen die Szene an sich“, beklagt der Cineast.

Während bei Kinobetreibern Depression herrscht, knallen bei den Streamingkonzernen die Champagnerkorken. Um 15,8 Millionen schoss die Anzahl der Bezahlabos beim Marktführer Netflix auf insgesamt 183 Millionen in die Höhe. Das übertraf alle Erwartungen. Vor allem im März, als die Menschen in immer mehr Ländern wegen des Coronavirus zuhause bleiben mussten, legte die Zahl rasant zu. Der große Rivale Disney+ boomt ebenfalls. Fünf Monate nach dem Start hatte die Plattform im April bereits 50 Millionen zahlende Abonnenten und damit beinahe jene Marke geknackt, die man erst in fünf Jahren erreichen wollte.

Die neuen Plattformen machen den Kinos das Leben dabei nicht erst seit Corona schwer. Längst haben sie außer Serien auch hochkarätig besetzte Filme wie „The Irishman“ von Martin Scorsese oder „Marriage Story“ mit Scarlett Johansson im Programm. Die letzte Oscar-Verleihung geriet so zum Showdown zwischen Netflix und den klassischen Hollywood-Studios. Zwar gingen am Ende nur zwei der begehrten Trophäen an den Herausforderer aus dem kalifornischen Los Gatos.

24 von mehr als 120 Nominierungen an den Streamingdienst zeigen jedoch, das etwas in Bewegung geraten ist in der Filmbranche. Der Filmtheater-Betreiber AMC, zu dem in Deutschland die UCI-Kinos gehören, hat deswegen bereits die Abwehrschlacht begonnen: Er will keine Filme des Studios Universal mehr zeigen.

Universal nämlich hat es gewagt, den Animationsfilm „Trolls World Tour“ aufgrund der geschlossenen Kinos direkt in den Online-Verleih zu bringen, ohne ihn vorher exklusiv in Kinotheatern zu zeigen. Man werde auch jeden Nachahmer boykottieren, droht AMC. Ob das Universal beeindrucken wird, bleibt abzuwarten. Allein in den USA spielte „Trolls World Tour“ in den ersten drei Wochen 100 Millionen Dollar ein.