Erzählzeit
: Wiedersehen nach 35 Jahren - Günter Jeschonneks Senftenberg-Projekt

1984 inszenierte der Regisseur Günter Jeschonnek in Senftenberg „Stadt ohne Liebe“. Eine Schulklasse wirkte damals beim Programmheft mit. 35 Jahre später hat er sie wiedergetroffen und nach ihrem Leben befragt.
Von
Christina Tilmann
Senftenberg
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Wiedersehen nach 35 Jahren - Günter Jeschonneks Senftenberg-Projekt.

Günter Jeschonnek

Es ist ein unglaubliches, unwahrscheinliches Langzeitprojekt, das dem Regisseur Günter Jeschonnek da in den Schoß gefallen ist – vergleichbar vielleicht Winfried und Barbara Junges Golzow-Beobachtungen, nur längst nicht so kontinuierlich und geplant. Als er 1984 am Senftenberger Theater „Stadt ohne Liebe“ inszeniert, ein Text des Russen Lew Ustinow, war es eigentlich nur ein Nebenaspekt, ein Programmheft, in dem örtliche Schüler ihre Ideen für die Stadt aufschrieben. Jeschonnek hatte ganz andere Sorgen: seine kritische Inszenierung, von der er bis heute nicht versteht, warum er die damals machen durfte. Drei Jahre später, an seinem 37. Geburtstag, verlässt er mit seiner Familie die DDR.

Das Programmheft ist ihm jetzt wieder in die Hände gefallen, und er staunt, was die Kinder damals so schrieben. Was würden sie machen, wenn sie im Jahr 2000 Bürgermeister von Senftenberg wären, war damals die Frage an die Zwölfjährigen. Sie wünschten sich eine Entschwefelung, damit die Luft sauber wird, einen Safaripark und einen Kleinsthubschrauberausleihdienst, träumten von Dachgärten, Luxuswohnungen, oder schrieben eine ganze Seite über das Leben in der grauen Stadt: „Die Menschen fühlen sich nicht wohl; die Eintönigkeit drückt sie schwer. Sie möchten fliehen aus ihrer Stadt, aus der Starre, aus dem Grau, aber sie tun es nicht. Sie wissen nicht wohin, sie kennen keine andere Welt.“.

Die Gespräche mit den heute fast 50-Jährigen, die Jeschonnek 2019 fast alle wiedergetroffen hat, sendet der Deutschlandfunk seit einigen Wochen immer mittwochs im „Zeitfragen“-Magazin zwischen 19.05 Uhr und 19.30 Uhr. Man erlebt selbstbewusste Menschen, die die Umbrüche, die sie als Jugendliche erlebten, als Chance erfuhren und gern zurückblicken. Michael Menzel, der als Produktmanager in Senftenberg arbeitet, bilanziert: „Ich würde keine Abkürzung nehmen wollen, nichts irgendwo zur Seite legen, damit ich es jetzt vielleicht einfacher hätte.“ Diese Generation der Wendekinder ist tatsächlich gut im Leben angekommen.