Noch am Tag zuvor hatte das „große C“ zugeschlagen, erzählt Wolfgang Katschner, der künstlerische Leiter der lautten compagney bei der Konzerteröffnung in der Kulturkirche Neuruppin. Zwei Sänger des Ensembles amarcord plus fielen aus. Doch es fand sich Ersatz, sehr adäquater Ersatz. Das Vokalensemble aus Leipzig, dessen Mitglieder allesamt wie Solisten agieren, spielt sich die musikalischen Bälle so virtuos zu, als seien sie seit Ewigkeiten eingeübt. Wobei: eigentlich sind es keine Bälle, sondern Blitze und Pfeile. Denn auf dem Programm steht Claudio Monteverdis Buch der „Madrigali guerrieri et amorosi“ von 1638, und in diesem frühbarocken Vokalwerk geht es im Kampf der Herzen ausgesprochen kriegerisch zu. Da wird zu den Waffen gerufen und von harten Kämpfen und kühnen Schlachten gesungen, mehr Mars als Amor.

Klagelied der Nymphe

Dass das kein Schlachtengetümmel, sondern so virtuose wie amüsante Liebeshändel sind, liegt an der spürbaren Lust, mit der Sänger:innen und Instrumental:istinnen in Dialog treten, etwa wenn die Sopranistin Angelika Lenter das berühmte Klagelied der Nymphe (Lamento della Ninfa) umrahmt von drei Kollegen voll zu Herzen gehender Abschiedstrauer singt, oder der Bassist Holger Krause in der finalen Sinfonia „Altri canti d‘Amor“ die Koloraturen nur so sprudeln lässt. Wie wortmalerisch, wie dramatisch und anschaulich hier gesungen wird, ist weniger korrekte Wiedergabe nach Noten als absolute Vergegenwärtigung. So hörbar, so lebendig war Monteverdi selten.
Spaß mit Monteverdi: Eröffnungskonzert des Festivals Aequinox in der Kulturkirche in Neuruppin
Spaß mit Monteverdi: Eröffnungskonzert des Festivals Aequinox in der Kulturkirche in Neuruppin
© Foto: Marcus Lieberenz/bildbuehne.de

Crossover an verschiedenen Orten

Es war ein adäquater Start: Denn das beliebte Festival, das die lautten compagney rund um Wolfgang Katscher sonst immer zur Tag- und Nachtgleiche im März in Neuruppin ansetzt und im vergangenen und in diesem Jahr aus Pandemiegründen in den vermeintlich sichereren Sommer verlegt hat, zeichnet sich seit eh und je durch beherztes Crossover, kluge Themenmischungen und absolut virtuose Künstler aus. Und auch wenn Organisatorin Gabriele Lettow sich noch etwas mehr Bewegung an der Konzertkasse wünschen würde und die aktuelle Zurückhaltung beim Besuch von Kulturveranstaltungen schmerzhaft zu spüren bekommt – die drei Tage Alte und Nicht-ganz-so-alte Musik in Neuruppin, zwischen Konzertkirche, Siechenhauskapelle, Neumühle und dem Hangar 312 sind ein einziges Fest.
Musikalischer Dialog: Joel Frederiksen und Emma-Lisa Roux mit ihrem Leonard Cohen-Programm in der Sichenhauskapelle in Neuruppin
Musikalischer Dialog: Joel Frederiksen und Emma-Lisa Roux mit ihrem Leonard Cohen-Programm in der Sichenhauskapelle in Neuruppin
© Foto: Marcus Lieberenz/bildbuehne.de

Cohen-Kombi mit Renaisance-Musik - geht das?

Dass das Monteverdi-Programm des Eröffnungskonzerts noch zu toppen ist, beweisen der amerikanische Bassist Joel Frederiksen mit seinem Ensemble Phoenix Munich im Nachtkonzert am Freitag in der intimen Siechenhaus-Kapelle. Er kombiniert Songs von Leonard Cohen mit französischen Renaissance-Chansons, und zwar nicht hintereinander, sondern er mischt die Stücke strophenweise, unterlegt manchmal, wie bei „Dance Me To The End OF Love“ auch die Cohen-Melodiellinie tatsächlich mit einer Galliarde von Pierre Attaingnant, und wenn man eigentlich denkt, das geht ja gar nicht zusammen, wird man auf magische Weise eines Besseren belehrt. War doch Cohen eigentlich selbst immer ein Barde, und Frederiksen mit seinem warmen, souveränen Bass ein congenialer Interpret.
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Da ist der Weg zwischen Orlando di Lassos „Susanne un jour“ und Cohens berühmtem Lied „Suzanne“ nicht weit. „Hey, that‘s no way to say good-bye“ klingt nicht nur thematisch wunderbar mit Jasquin des Prez‘ „Adieu mes amours“ zusammen, und wenn in Cohens Spät- und Abschiedssong „You Want it Darker“ die Sopranistin Emma-Lisa Roux immer wieder klagend ein „Helas Triste Fortune“ aus Thomas Créquillons Stück „Quand me souvient de ma triste fortune“ einwirft, ist das ein zeitlos gültiger Kommentar zu Cohens Abrechnung mit dem Schöpfergott. Und die Gamben- und Lautenbegleitung sorgen dafür, dass die vierhundert Jahre, die zwischen den Komponisten liegen, harmonisch ineinanderfließen. Am Ende klingt „Hallelujah“ mit Henry Purcell zusammen, zum Jubel des Publikums. Hallelujah, dass es dieses Festival gibt.

Weiteres Programm

Samstag, 9. Juli, 19.30 Uhr Kulturkirche:
TIME TRAVEL – Baroque goes Pop.Songs by Henry Purcell & The Beatles
Sonntag, 10. Juli, 11 Uhr, Neumühle Alt-Ruppin:
Behold a wonder here. John Dowland und der RUNDE TISCH um 1600, mit Corinna Harfouch
Sonntag, 10. Juli, 16 Uhr, Hangar-312:
TIME ZONES. Satie trifft Scheidt
Programm und Infos unter www.lauttencompagney.de/aequinox/aktuelles. Es gibt noch Tickets.