Festival: Berlinale-Doku über Christoph Schlingensief

Berlinale, Panorama Dokumente: "Schlingensief · In das Schweigen hineinschreien". Noch immer hat der Ausnahmekünstler in Berlin extrem viele Fans. Entsprechend viele blieben bei der Berlinale ohne Karte. Dafür gab es Mini-Plakate des Films und Sprücheschilder.
Jörg CarstensenViele weitere Menschen blieben ohne Ticket im Foyer zurück. Dort verteilten junge Leute Sticker mit Schlingensief-Zitaten wie „Du bist die Katastrophe“ oder „Das Filmen muss schneller werden“. Wer wollte, konnte sich diese Sprüche auch auf seine Klamotten bügeln lassen oder ein Plakat mit dem Konterfei des 2010 verstorbenen Regisseurs, Autors und Aktionskünstlers mit nach Hause nehmen.
Zurück ins Oberhausen der Sechziger
Dorthin nahm auch der Film die Zuschauer mit: In Christoph Schlingensiefs Zuhause in Oberhausen, wo die Eltern 1960 endlich das erste und auch das einzige von sechs ersehnten Kindern bekamen. Beeindruckend komponiert Bettina Böhler alsdann in chronologischer Abfolge ausgewählte Lebensstationen das Ausnahmekünstlers – inklusive seiner Theaterstücke, Aktionen und Filme. Teile des von ihr genutzten Materials waren bis dato unveröffentlicht oder sind gerade neu digitalisiert worden.
Bettina Böhler, die auch einige von Christoph Schlingensiefs Filmen montiert hat, zeichnet so das Bild eines dauerkritischen Kreativen, der stets lauthals hinterfragt und angeprangert hat, was ihm als falsch erschien.
Ein Kommentar zur Gegenwart
Schnell wird dabei klar: Christoph Schlingensief war seiner Zeit weit voraus. Denn vieles von dem, was er schon vor Jahren entlarvt hat, ist auch heute noch oder wieder aktuell: Die vielen Menschen aus Ostdeutschland, die ihre Biografien nach der Wiedervereinigung nicht wertgeschätzt sahen, der aufkeimende Rechtspopulismus im Land oder das Integrieren von Menschen anderer Herkunft. Und so wirkt der Film weniger wie eine Biografie, ist dafür umso mehr wuchtiger Kommentar zur Gegenwart.
Bettina Böhler fasste es schön zusammen, bevor der Film lief: „Die Zustände in Deutschland werden immer unerträglicher. Die rechtsrassistischen Anschläge müssen aufhören. Vielleicht sollten wir alle lauter werden und anfangen, so laut zu schreien, wie Christoph es getan hat. Er fehlt gerade heute enorm.“
„Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“: Panorama, 26.2. 13 Uhr Cubix 9, 27.2. 21.30 Unr Cinemaxx 3