Figuren zum Verlieben
: Regisseurin Soleen Yusef über die Netflix-Serie „Skylines“

Es ist die Diversität der Milieus, die sie fasziniert.
Von
Inga Dreyer
Berlin
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  • Harte Geschäfte: Murathan Muslu als Plattenboss Kalifa in der Netflix-Serie "Skylines"

    Harte Geschäfte: Murathan Muslu als Plattenboss Kalifa in der Netflix-Serie "Skylines"

    Christian Lüdeke/Filmverleih
  • Soleen Yusef.

    Soleen Yusef.

    dpa
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Frau Yusef, was hat Sie am Frankfurter Hip-Hop-Milieu interessiert?

Ich glaube, das ist die Mischung. Das Milieu ist divers und komplex. Es gibt Figuren, die aus verschiedenen Welten kommen und ein buntes Bild der Stadt zeigen, mit dem sich viele Menschen identifizieren können. Ich glaube, das ist das Paradox von Frankfurt: Auf der einen Seite High-Class-Life, Skylines und hart arbeitende Elite. Auf der anderen Seite stehen die Menschen von der Straße mit dem großen Traum, oben mitzuspielen.

Hatten Sie Berührungspunkte zum Stoff der Serie?

Frankfurt-Bezug hatte ich wenig. Die Berührungspunkte sind für mich Deutschrap und Hip-Hop, mit denen ich aufgewachsen bin. Auch als Berlinerin war ich eher Fan von Rappern aus Frankfurt, die den deutschen Hip-Hop sehr geprägt haben.

Sie haben Dokumentationen über die NSU-Morde gemacht. Ihr Debütfilm handelte von drei Geschwistern, die ihre Mutter in der kurdischen Heimat beerdigen  wollen. Das klingt ganz anders  als die Krimi-Serie „Skylines“?

Ich glaube, die Kontinuität besteht in der Auseinandersetzung mit komplexen Lebenswelten. Natürlich ist „Skylines“ Unterhaltung, aber ich möchte auch beleuchten, wie Subkulturen funktionieren. Vielleicht ist der rote Faden, dass ich Menschen immer in einem gesellschaftlichen und politischen Kontext sehe. Aber ich möchte nicht in einer Schublade landen. Deshalb versuche ich, so viel unterschiedliches Zeug wie möglich zu drehen.

Zum Beispiel?

Ich drehe gerade parallel die Amazon-Serie „Deutschland 89“. Ich, die 1996 mit neun Jahren aus dem Irak nach Deutschland gekommen ist, kriege die Chance, eine Serie über die DDR und den Fall der Mauer zu drehen. Ich glaube, die Macher sahen die Berührungspunkte im Erleben von Flucht und in der Erfahrung, ein neues Leben anzufangen.

Was unterscheidet das Drehen fürs Fernsehen oder für einen Streaming-Dienst?

Ich hatte das Glück, mit Redakteuren zu arbeiten, die sehr offen waren. Deswegen kann ich keine Schreckensgeschichten von Öffentlich-Rechtlichen Sendern erzählen, mit Redakteuren, die sich zu sehr einmischen. Tatsächlich ist bei Netflix mehr Geld da, was auch dazu führt, dass man qualitativ hochwertigere Sachen machen und komplexere Geschichten erzählen kann. Es hat außerdem immer einen internationalen Touch. Der Anspruch ist, auch Zuschauer am anderen Ende der Welt zu erreichen. Bei den Öffentlich-Rechtlichen ist man relativ festgefahren und bietet an, was sich alle wünschen. Bei den Streaming-Diensten blickt man in Welten, die man so in der Fernsehlandschaft noch nicht sehen durfte – weil sie vielleicht zu speziell sind. Oder weil man sich denkt, die Oma oder der Opa in Bayern interessieren sich nicht dafür.

Ist das bei „Skylines“ gelungen? Interessiert die Serie auch den Opa in Bayern oder die Oma in Ostbrandenburg?

Ich glaube, sie bietet Figuren, in die man sich verlieben kann. Es gibt die Krimi-Schiene, an der man sich als „Tatort“-Fan erfreuen wird. Dann gibt es die Musik-Szene und die Bankenwelt. Aber insgesamt geht es doch um Freundschaft und Familie. Ich kann mir vorstellen, dass Hip-Hop für ältere Zuschauer erst mal abschreckend ist. Aber wenn man sich darauf einlässt, findet man vieles, womit man sich identifizieren kann.

Arbeiten Sie neben Serien auch an neuen Film-Projekten?

Ich habe gerade die Förder-Zusage für einen Kinderfilm bekommen. Es geht um meinen alten Schullehrer, Fußballtrainer und mich. Über den Fußball lernt ein kleines Mädchen, hier in Deutschland anzukommen. Ansonsten will ich sehr gerne wieder einen kurdischen Film schreiben. Und dann gibt es natürlich auch die Option, „Skylines“ weiter zu machen, wenn die Serie fortgesetzt wird.

Infokasten

Skylines. Die Netflix-Serie dreht sich um die Hip-Hop-Branche, die Finanzwelt und das organisierte Verbrechen in der Bankenmetropole Frankfurt am Main. Der junge Musikproduzent Jinn (Edin Hasanovic) wittert seine Chance, als er bei einem großen Plattenlabel unterschreibt – doch dann wird er in finstere Machenschaften verwickelt. Die Lage spitzt sich zu, als der kriminelle Bruder des Label-Inhabers, ein Rap-Star, aus dem Exil zurückkehrt und seinen Anteil einfordert. Die erste Staffel besteht aus sechs Episoden, zu den Hauptdarstellern zählt Richy Müller als Investmentmanager. In weiteren Rollen sind Rap-Größen wie Azzi Memo und Nimo zu sehen.

Regisseurin Soleen Yusef, geboren 1987 im irakischen Duhok, floh mit ihrer Familie als Neunjährige nach Deutschland und studierte an der Filmakademie Baden-Württemberg. Ihr Debüt-Kurzfilm "Nos" von 2011 lief auf zahlreichen Festivals. Für ihren Spielfilm "Haus ohne Dach" von 2015 gewann sie mehrere Preise, darunter den "First Step Award". ⇥red