Film: „Russisch-Dok“ zeigt Filme von Valerij Solomin
Es ist die mittlerweile 30. Veranstaltung der „RussischDok“- Reihe, die bundesweit in Programmkinos russische Dokumentarfilme präsentiert, die man sonst in Deutschland nicht im Kino zu sehen bekommt, weil sie keinen internationalen Verleih haben. Ein „nicht-gewerbliches Abspiel“, das nur 2,50 Euro Eintritt kostet.
2017 startete die von Ira Kormannshaus initiierte Reihe mit dem 1972 geborenen, sibirischen Filmemacher Evgeni Solomin, der für seine erste Arbeit als Produzent mit „Der Fischer und die Tänzerin“ 2006 für den Europäischen Dokumentarfilm-Preis nominiert war. Gedreht hatte den Film sein Vaters Valerij, Jahrgang 1938 und eine der Dokumentarfilm-Legenden der Sowjetunion. An diese – im heutigen Russland ein wenig in Vergessenheit geratene – Legende erinnert Russisch Dok jetzt mit einer Auswahl von vier Filmen.
In 45 Jahren als Autor und Regisseur drehte Valerij Solomin mehr als 50 Dokumentarfilme und bekam den Titel „Verdienter Künstler Russlands“ verliehen – was angesichts der kritischen Haltung seiner Filme erstaunlich ist.Kritischer als „Altes Gras“, der längste der an diesem „RussischDok“-Abend gezeigten Filme, kann ein Dokumentarfilm die politischen Zustände in der späten Sowjetunion kaum darstellen. Aber er tut das auf eine so liebe- und kunstvolle Weise, dass man sich fragen könnte, wieso solche Dokumentarfilme heute nicht mehr gedreht werden.
Abgewirtschaftete Kolchosen
Die Antwort auf diese Frage ist gleichzeitig die auf die Eingangsfrage, warum man sich solche „alten Kamellen“ anschauen sollte: Weil Valerij Solomin als Autor eine klare Haltung hat, aber die Menschen und ihre Handlungen nicht bewertet. Er folgt ihnen mit der Kamera, ohne ihnen auf die Pelle zu rücken und sie zu entblößen. Das schafft er, indem er sich jedes Kommentars enthält. Er erzählt knapp als auktorialer Erzähler aus dem Off in etwa diese Rahmenhandlung: „Der Parteisekretär fährt auf die Sowchose in Sibirien, die die größten Produktionsrückgänge hat, um eine Rede zu halten.“ Dann sieht man den Parteisekretär aus dem Fenster seines Zugabteils schauen, vor dem sich das sibirische Tiefland bis zum Horizont dehnt.
Am Bahnhof warten zwei Lada-Jeeps mit schlammverkrusteten Reifen. Die Männer, die ihn begrüßen, haben faltige Gesichter und lachen, als der Städter durch den Morast schlittert. Dann wird erst einmal getrunken und getanzt im Haus des Bruders des Sekretärs, der ein Kolchose-Bauer geblieben ist. Der Funktionär fragt, warum die Leute nicht motiviert arbeiten, eine alte Landarbeiterin beginnt betrunken zu schimpfen, der Bruder murmelt: Sie sagt die Wahrheit.
Danach folgt die Kamera dem Parteimann dabei, wie ihm auf seinen Gängen über die ertraglosen Felder und seinen Gesprächen im heruntergewirtschafteten Dorf bewusst wird, was die Wahrheit ist, die ihm am Schreibtisch verborgen blieb: Dass mit der Zwangskollektivierung das Wissen über und die Bindung an den Boden verloren gegangen ist und die ehemalige Bauern, von unwissenden, selbstgerechten und korrupten Sowchosenchefs befehligt, jegliche Initiative und Hoffnung verloren haben. Aber angesichts der Ankunft des Inspektors befällt sie Trauer und Wut über den Verfall ihres einst blühenden Rayons.
Solomin mischt sich nicht ins Geschehen ein, taucht vor allem nicht selbst vor der Kamera auf und macht sich zum Teil der Handlung, wie es im zeitgenössischen Dokumentarfilm Mode ist. Seine Kamera verharrt lange auf den Gesichtern seiner Protagonisten. Es ist, als wäre sie gar nicht da, so ungezwungen und lebendig verhalten sich diese Protagonisten. Ihre Gefühle sind wechselhaft und von einer solchen Intensität, dass sie einen geradezu von der Leinwand anspringen. In der russischen Welt sind Gefühle etwas Mehrdeutiges, Wehmut und Freude nur zwei Pole desselben Gefühl, das sich „Toská“ nennt.
Der Filmemacher muss keine Worte verlieren, um Charaktere zu zeichnen, seine Kamera erzählt die Geschichte. Es gibt wenige, langsame Schnitte, die Landschaft der sibirischen Tiefebene erscheint nur als Kontur auf der Leinwand. Die Bäume neigen sich einzeln im Wind, wie Fabelwesen sehen sie aus im fahlen Licht. Jedes Ding erscheint mystisch aufgeladen, von einer beinahe religiösen Aura umgeben, die an Tarkowskis „Stalker“ erinnert. Und so klingen auch die Sätze der Männer aus dem Dorf, wenn sie denn mal etwas sagen: wie parabelhafte Erzählungen über die Vergeblichkeit menschlicher Handlungen.
Trotz ihrer Symbolhaftigkeit drängen sich die Bilder von „Altes Gras“ nicht auf. Sie wirken sanft ein auf die Spiegelneuronen, dieses Resonanzsystem des Gehirns, das uns Gefühle anderer Menschen fühlen lässt, ohne dass wir darüber nachdenken müssen – Neuronen, die uns ermöglichen, im wahrsten Sinne des Wortes mitzufühlen.
2017 ist Valerij Solomin gestorben. Mit dieser kleinen Werkschau erinnert Russisch Dok an mehr als an sein filmisches Werk: an eine Dokumentarfilm-Kunst, die über ihren Betrachtungsgegenstand – das Sibirien der Perestroika-Ära – über ihren Ort, ihre Zeit hinausweist.
Eine Schule des Lebens, in der man eigentlich viel öfter Zeit verbringen sollte.
Eine nicht-kommerzielle Filmreihe
RussischDok findet ein Mal im Monat in Programmkinos in Neustrelitz, Hamburg, Heidelberg, München und Saarbrücken statt – und in Berlin, wo sich das Acud, die Brotfabrik und das Sputnik beteiligen. In letzterem läuft die Reihe in der Regel an jedem dritten Montag im Monat um 19 Uhr. Im Acud gibt es eine Vorstellung am 11. 3. um 20 Uhr. In Neustrelitz laufen Solomins Filme am 27. Februar in der Kachelofenfabrik. ⇥mh


