Film
: Mit Audiodeskription soll Kino auch für Blinde erlebbar werden

Die neue Webseite „Kino für alle“ listet Angebote auf. Noch aber sind es zu wenig.
Von
Inga Dreyer
Berlin
Jetzt in der App anhören

Nun auch mit Hörfassung: Almila Bagriacik spielt in dem Film "Nur eine Frau" Harun Sürücü. Per Audiodeskription können ihr auch Sehbehinderte im Kino folgen.

dpa

So klingt der Beginn der Hörfassung des Filmes „Nur eine Frau“ von Sherry Hormann. Die Frauenstimme gehört der Schauspielerin Almila Bagriacik in der Rolle von Hatun Sürücü, die 2015 in Berlin von einem ihrer Brüder erschossen wurde. In den Dialogpausen beschreibt ein Sprecher in schnellen, präzisen Worten, was um sie herum passiert: „Vor ihr betritt eine Brünette in Jeansjacke die Straße.“

Eine gute Audiodeskription zu erstellen, sei gar nicht so einfach, sagt Jan Meuel vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV). „Man sollte als blinde Person zu jedem Zeitpunkt gut informiert sein. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe.“ Die Gesprächspausen sind meist kurz. Außerdem soll nicht so viel geredet werden, dass die Stimmung des Filmes verloren geht. „Man muss mit präzisen Worten so knapp wie möglich viel vermitteln“, sagt Meuel.

Der Kulturwissenschaftler beschäftigt sich schon lange mit Film. Seit er unter einer Sehbehinderung leidet, nutzt er selbst gerne Hörfassungen. „Manchmal fehlt mir etwas, weil ich zum Beispiel Personen nicht so gut erkenne“, erklärt er. Im Fall von „Nur eine Frau“ sei die Audiodeskription sehr gelungen, findet Meuel. Das fand auch die Jury, der die Hörfassung für den vom DBSV vergebenen Deutschen Hörfilmpreis nominiert hat, der im März vergeben wird.

Im Fernsehen seien es vor allem die öffentlich-rechtlichen Sender, die Hörfassungen anbieten – bei den Privaten gäbe es Nachholbedarf, sagt Jan Meuel. Die Angebote im Fernsehen würden gerne genutzt. Trotzdem sei es wichtig, dass auch die Kinolandschaft zugänglicher werde. „Kino hat diesen inklusiven Charakter. Da geht es auch um die Begegnung und das Miteinander.“

Um herauszufinden, welche Kinos entsprechende Angebote haben, musste man sich die Infos bisher auf unterschiedlichen Internetseiten zusammensuchen, erklärt Meuel. Für den DBSV arbeitet er an der neuen Webseite „Kino für alle“, die zur Berlinale online gegangen ist.

Das Projekt ist eine Nachfolgerin der Seite hörfilm.info. Das neue Angebot richte sich auch an Hörbehinderte oder Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, und könne auch von Nichtbehinderten genutzt werden, erklärt Meuel.

Vor allem seit der Novellierung des Filmförderungsgesetzes (FFG) im Jahre 2013 werden immer mehr Hörfilmfassungen produziert. Denn seitdem ist die Herstellung einer barrierefreien Fassung eine Bedingung für die Förderung. Eine barrierefreie Fassung beinhaltet neben der Audiodeskription auch erweiterte Untertitel für hörbehinderte Menschen.

Solche Fassungen zu produzieren, ist der erste Schritt. Aber: Sie müssen auch zugänglich gemacht werden, betont Meuel. Dafür gibt es unterschiedliche Möglichkeiten. Zum einen das Kino-System „Cinema Connect“, bei dem die Audiodeskription oder die Untertitel direkt von der digitalen Filmkopie im Kino abgerufen werden können. „In Deutschland sind aber erst etwa 20 Kinos mit der entsprechenden Technik ausgestattet“, sagt Meuel.

Viel verbreiteter sind Apps. Die bekannteste unter ihnen heißt „Greta“. Über sie können Hörfilmfassungen und Untertitel heruntergeladen werden. Blinde und Sehbehinderte können so die Audiodeskription in jedem Kino über ihr eigenes Smartphone und Kopfhörer anhören. Auch das aber funktioniert nicht für jeden Film. Denn die Verleiher müssen die Bereitstellung über die App beauftragen und bezahlen. So waren 2019 von 108 geförderten Filmen nur 33 bei „Greta“ zu finden, berichtet Meuel. „Wir wollen, dass alle Filme, die gefördert werden, auch bei Greta landen“, betont er. Neben den geförderten Produktionen sind über die App auch andere Filme verfügbar, für die es eine Audiodeskription gibt.

Die neue Seite „Kino für alle“ solle Kinos und Verleiher für das Thema sensibilisieren, sagt Meuel. Auch bei der Berlinale will das Team für Audiodeskription und die Webseite werben. Auch dort laufen Filme mit Hörfassung. Es könnten aber noch viel mehr sein, findet Meuel.

Inklusion auf der Berlinale

Auch die Berlinale setzte verstärkt auf Inklusion: Es gab Filmgespräche, die von Gebärdendolmetschern begleitet wurden, zum Beispiel in den Sektionen Generation Kplus, Perspektive Deutsches Kino und Forum, und neun Filme liefen über die neue App GRETA mit Audiodeskription, darunter "Undine", "Freud", "Berlin Alexanderplatz" und der restaurierte Stummfilmklassiker "Das Wachsfigurenkabinett", der vom Ensemble Musikfabrik begleitet wurde. Eine Podiumsdiskussion, an der auch Barbara Fickert als Kinoblindgängerin teilnahm, soll der Auftakt verstärkter Aktivitäten in den kommenden Jahren sein. ⇥red