Die Schauspielerin Angelica Domröse hat einen der wichtigsten Filme der deutschen Geschichte gedreht. „Die Legende von Paul und Paula“ erzählte in den 1970ern nicht nur vom Alltag in der DDR, sondern von einer Grundfrage: Hat der Mensch einen Anspruch auf Glück? Domröse übernahm damals neben Winfried Glatzeder die Hauptrolle, an diesem Sonntag wird sie 80 Jahre alt.
„Ein paar Dinge lassen sich einfach gelassener sagen und empfinden im Alter“, sagt sie. In der Jugend strample man noch herum, ringe um Anerkennung und sei zu ehrgeizig. „Ehrgeiz muss sein“, betont Domröse, aber zu viel dürfe es nicht sein. „Meinen Sie nicht?“
Die Berlinerin gehört noch zu den Schauspielerinnen, die mit einem „die“ geadelt werden. Dann ist sie einfach nur „die Domröse“. Wenn man ihr gegenübersitzt, trifft man eine zierliche Person, die auch mal schweigen kann und nach vielen Theaterjahren noch immer aus dem Stegreif Bertolt Brecht zitiert.

Lieblingsfilm von Kanzlerin Merkel

„Manches ist jetzt schöner, gelassener“, sagt Domröse. Wenn man jung sei und im Zenit stehe, habe man auch einen gewissen Trott. „Text lernen, Rolle proben, Freundschaften schließen, Freundschaften brechen, lieben, unglücklich sein.“
Als Bundeskanzlerin Angela Merkel vor einigen Jahren ihren Lieblingsfilm vorstellen sollte, entschied sie sich für das Defa-Drama „Die Legende von Paul und Paula“, zu dem die Puhdys mit Liedern wie „Geh zu ihr“ und „Wenn ein Mensch lebt“ den einprägsamen Soundtrack lieferten. Domröse spielt eine alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, die mit ihrer Liebe zu dem verheirateten Paul gegen gesellschaftliche Normen und Anpassungsideologien aufbegehrt. Birnenschnaps kommt vor – und ein Bett, das über Berliner Gewässer segelt. Alles ziemlich irre.
Regisseur Heiner Carow und Drehbuchautor Ulrich Plenzdorf zeigten auch das Schlangestehen beim Einkaufen und das Kohleschleppen. „Das war damals sensationell, dass die Realität so im Kino erschien“, sagte Merkel bei der Filmvorstellung. Da sei nichts depressiv, sondern zeige Lebenskraft und habe trotzdem ein Stück Ironie. Das Filmteam befürchtete lange ein Verbot des Filmes in der DDR.

1980 verlassen sie und Hilmar Thate die DDR

Die „Paula“ ist vielen im Gedächtnis geblieben – als Frau, die mit großer Selbstverständlichkeit mehr will vom Leben. „Es muss doch noch was anderes geben als schlafen, arbeiten. Und wieder schlafen und arbeiten“, sagt sie in einer Szene. Domröse lobt noch heute das Drehbuch und die Erzählweise.
Eine Zäsur in ihrem Leben ist das Jahr 1976, als sie die Petition gegen die Ausbürgerung des DDR-Liedermachers Wolf Biermann unterschreibt. Die DDR-Obrigkeit legt der Schauspielerin fortan Steine in den Weg. 1980 reisen sie und ihr zweiter Mann, der Schauspieler Hilmar Thate (1931–2016), schließlich aus. Sie spielt erfolgreich am West-Berliner Schiller-Theater und an anderen Bühnen. Sie übernimmt wieder Fernsehrollen und verkörpert ab 1994 dreimal die Kommissarin Vera Bilewski im „Polizeiruf 110“. In den 90ern entdeckt sie auch die Regie für sich und inszeniert am Theater. 2008 trifft sogar das einstige Defa-Traumpaar Domröse und Glatzeder in einem Stück am Potsdamer Hans-Otto-Theater noch einmal zusammen.
In Zeitungen von früher wird Domröse als exzellent gelobt, als diszipliniert und fleißig. Das Wort „Publikumsliebling“ fällt oft. Im Westen hätten sie manche Journalisten aber auch „Dornrose“ getauft, heißt es in ihrer Biografie „Ich fang mich selbst ein“ (2003). Weil sie so spröde gewesen sei und Reportern auch mal gesagt habe, wenn sie eine „besonders dämliche Frage“ stellten.

Schwierige Kindheit und Alkoholprobleme

Geschildert wird im Buch eine schwierige Kindheit in einer kaputten Stadt, Domröses Abneigung gegen den Geruch von U-Bahnhöfen und ihre Vorliebe für harte Bälle beim Völkerball. Ihre erste Filmrolle hatte sie in Slatan Dudows „Verwirrung der Liebe“. Sie fing noch unter Helene Weigel am Berliner Ensemble an. Später wechselte sie an die Volksbühne.
Das Buch erzählt aus Domröses Perspektive vom Mauerbau („Jetzt müssen wir wieder die dicken Strümpfe tragen!“), von ihrer ersten Ehe mit dem tschechischen Schauspieler Jiří Vršťala („Clown Ferdinand“) und ihrer Vorliebe für PS-starke Autos. Zu Beginn ihrer Karriere änderte sie übrigens ihren Namen: „Angelika mit k sah einfach zu eckig aus.“ Sie spart auch die dunklen Kapitel nicht aus – das Alkoholproblem zum Beispiel, mit dem sie früher kämpfte.

Ihr Leben taugt selbst zum Filmstoff

Domröses Leben taugt schon selbst zum guten Filmstoff. Sie denke heute nicht mehr so oft zurück, sagt die Schauspielerin. Sie lese jetzt viel – über die Antike zum Beispiel. In jungen Jahren neige man ja dazu, die eigene Zeit immer für die interessanteste zu halten. Dabei habe es doch vieles schon früher gegeben.
Einen solchen Erfolg wie mit der „Paula“ habe sie nie wieder gehabt, sagt Domröse. „Und ich hatte doch eine ganze Menge, ich kann mich nicht beschweren.“ Wenn andere Generationen heute noch sagten, sie verstünden den Film und fänden ihn interessant, sei das eine Erfüllung.