Filmfest Eberswalde 2024
: „Provinziale“-Programm wartet mit einer Besonderheit auf

35 Wettbewerbsfilme buhlen ab 12. Oktober im Haus Schwärzetal um die Trophäen. Festivalleiter Kenneth Anders erzählt von den Debatten darüber und blickt ins Programm.
Von
Boris Kruse
Eberswalde
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Der Film "Antier Noche" läuft auf dem Filmfest Eberswalde in der Kategorie Dokumentarfilm lang. Der Beitrag von Regisseur Alberto Martín Menacho erzählt von vier junge Leuten in der ländlichen Provinz Südspaniens.

Der Film „Antier Noche“ (Deutsch: „Vergangene Nächte“) läuft auf dem Filmfest Eberswalde in der Kategorie Dokumentarfilm lang. Der Beitrag von Regisseur Alberto Martín Menacho erzählt von jungen Leuten in der ländlichen Provinz Südspaniens.

Alberto Martín Menacho
  • Filmfest Eberswalde 2024 zeigt 35 Wettbewerbsfilme vom 12. bis 19. Oktober im Haus Schwärzetal.
  • Festivalleiter Kenneth Anders betont die Vielfalt und Tiefe der gezeigten Dokumentar- und Kurzfilme.
  • Zuschauer wählen Trophäen "Rose" und "Distel" für emotionalste und relevanteste Beiträge.
  • "Antier Noche" und "Vista Mare" sind einige der Highlights.
  • Regionalfilmtag mit "Polizeiruf 110" und Flüchtlingsdoku am 13. Oktober.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Dieses Festival verlangt seinen Besuchern einiges ab. Geschichten über entlegene Dörfer in Kasachstan, über einen Bauern in den Niederlanden, der der Zersiedelung seines Landstriches trotzt, oder auch ein Beitrag über eine ältere Frau, die in Frankreich am Waldesrand ohne fließend Wasser lebt. Darauf muss man sich erst einmal einlassen. Auf das ruhige Erzähltempo, auf die Handlungsarmut, auf das Übermaß an Landschaft überall. Die Provinziale in Eberswalde stellt Sehgewohnheiten infrage.

Zum 21. Mal geht es vom 12. bis 19. Oktober beim Filmfest Eberswalde wieder um entlegene Lebensräume und die Menschen darin. Um Zu- und Wegzug, um eine sich wandelnde Arbeitswelt, Umweltzerstörung und um ermutigende Initiativen, mit denen das Leben in der Provinz attraktiv – oder überhaupt erst wieder möglich – wird.

Festivalleiter Kenneth Anders spricht augenzwinkernd von einem „Tal, das man erstmal durchschreiten muss“ – zumindest bei einigen der langen Dokumentationen, die mit geduldiger Kamera vom Alltag in den Provinzen dieser Welt erzählen. „Aber man wird am Ende dafür belohnt“, betont der promovierte Kulturwissenschaftler.

Wie in den Jahren zuvor, werden Beiträge in vier Sparten gezeigt: Dokumentarfilm lang und kurz, Kurzspielfilm und Animation. Insgesamt 35 Filme sind in den Wettbewerben zu sehen; dies ist die Auswahl aus rund 600 eingesendeten Beiträgen. Der Ort der Filmvorführungen ist auch in diesem Jahr wieder das Haus Schwärzetal.

Eine Rose und eine Distel für die Sieger

Ins zweite Jahr geht die eigenwillige Preisvergabe, für die das Votum des Publikums gefragt ist. Das Publikum wird gebeten, Emotionalität und Relevanz der gesehenen Beiträge quer durch alle Kategorien zu beurteilen. Für die Filme mit den meisten Stimmen gibt es als Trophäen die „Rose“ und die „Distel“. Ein Versuch, das Publikum dazu zu animieren, den analytischen Blick zu schulen. „Wir wissen nicht, ob das wirklich der Königsweg ist“, sagt Kenneth Anders. Er betont aber, dass er immer wieder eine Fülle an reflektierten und klugen Zuschriften mit Gedanken zu den gezeigten Wettbewerbsbeiträgen erhält.

Die Auswahl der Filme ist sehr heterogen. Brandaktuell beispielsweise die italienisch-österreichische Dokumentation „Vista Mare“, die eine Sommersaison lang das Strandleben an der italienischen Adriaküste beobachtet. Die Filmemacher Julia Gutweniger und Florian Kofler zeigen privatwirtschaftlich betriebene und gnadenlos mit Sonnenliegen zugepflasterte Strände. Hier musste das italienische Parlament unlängst mit einem neuen Gesetz eingreifen, nachdem die EU das schon vor Jahren angemahnt hatte. Die spanisch-schweizerische Langdoku „Antier Noche“ erzählt von jungen Leuten, die in ihrer ländlichen Heimat einen erstaunlichen Spagat zwischen Tradition und Gegenwart vollziehen.

Der österreichische Kurzspielfilm "Hollywood" von Leni Gruber erzählt von der jungen Schauspielerin Anna (Marlene Hauser), deren Karriere nicht abheben will.

Der österreichische Kurzspielfilm „Hollywood“ von Leni Gruber erzählt von der jungen Schauspielerin Anna (Marlene Hauser), deren Karriere nicht abheben will.

Leni Gruber, Alex Reinberg

Manchmal sind es gelungene und anrührende Mini-Ethnografien. So etwa die 18 Minuten kurze Langzeitdokumentation „Marx gibt auf“ über einen Weidemilchbauern in Schleswig-Holstein, der längst begriffen hat, dass die Zeit über ihn hinweggerollt ist. Manchmal sind die Filme flüchtige Momentaufnahmen von Menschen, die ihren Lebensraum noch suchen. Oft mit dem etwas holprigen Charme einer Filmuni-Abschlussarbeit.

Beispiel „Hollywood“. Leni Grubers und Alex Reinbergs Kurzspielfilm ist eigentlich die Rückübersetzung des Journey-Songs „Don`t Stop Believin`“ in Bilder. Der Klassiker der US-Band, zu hören im Abspann, erzählt von einem „small town girl“, das von der weiten Welt träumt und den „midnight train going anywhere“ nimmt, den Mitternachtszug nach irgendwo, um ihrem Schicksal zu entfliehen.

Die Protagonistin Anna will Schauspielerin werden, aber der Traum von der Karriere scheint fern: Sie hält sich mit wenig glamourösen Jobs als Unfallopfer bei Übungen der örtlichen Feuerwehr über Wasser. Ihr Vater will, dass sie eine Banklehre beginnt. Sie sucht nach einem Ausweg. Eine hübsche Idee, aber noch keine ausgefeilte Geschichte.

Themen, an denen sich ein Riss in der Gesellschaft zeigt

Das Eberswalder Filmfest verhandelt traditionell viele der Themen, an denen sich in jüngster Zeit die politischen Kontroversen entzünden: Umweltzerstörung und –schutz, Migration, Wandel der wirtschaftlichen Koordinaten, soziale Unsicherheiten, kulturelle Unterschiede zwischen Stadt und Land. Nehmen die Festivalmacher den Riss, der durch die Gesellschaft geht, auch in ihrem Publikum wahr?

Eher nicht, sagt Kenneth Anders, aber natürlich könne es sein, dass Menschen, die sich aus Frust schon ein Stück weit aus den öffentlichen Debatten zurückgezogen haben, überhaupt nicht mehr kommen. „Wir haben uns zumindest darum bemüht, die Einladung an alle ernsthaft auszusprechen.“

Im Übrigen findet er es besser, als Festival in der Frage politischer Positionierungen etwa zum Krieg in der Ukraine „einen Schritt zurückzutreten“. Das Programm müsse für sich sprechen, und die eingesendeten Beiträge spiegelten eben in erster Linie Trends der Branche wider, nicht die Meinungen des 14-köpfigen Auswahlteams in Eberswalde.

Hinter den Kulissen, erzählt Kenneth Anders, werden jedes Jahr engagierte Debatten über die Auswahl der Wettbewerbe geführt. Ist die Bildsprache überzeugend, sind die Dialoge realistisch und authentisch? Ist Authentizität im jeweils vorliegenden Fall überhaupt die richtige Kategorie? Über die Jahre sind die Eberswalder zu Filmexperten geworden, denen es in jedem Herbst gelingt, interessante Filmteams zu Auftritten und Debatten in die Kreisstadt des Barnim zu locken.

Eine Besonderheit im diesjährigen Festival: Am Sonntag (13. Oktober) wird der Wettbewerb zugunsten eines Regionalfilmtages ausgesetzt. Zu Beginn gibt es ein Jugendfilmprogramm. Sodann flimmert der neue „Polizeiruf 110“ über die Leinwand, der in Eberswalde und Umgebung spielt – noch bevor er am selben Abend in der ARD ausgestrahlt wird. Außerdem läuft die Doku „Von Uns Über Uns – Tell Them About Us“, in der Geflüchtete in Eberswalde zu Wort kommen.

21. Provinziale – Filmfest Eberswalde vom 12. bis 19. Oktober im Haus Schwärzetal, Eberswalde. Programm und Tickets gibt es hier.