Es ist ein beschauliches und rustikales Leben, von dem der erste Wettbewerbsbeitrag auf dem diesjährigen Filmfest Eberswalde erzählt. Zur Eröffnung des achttägigen Festivals am Samstagabend (8.10.) lief der noch dazu betont langsam erzählte Streifen „Der Staub des modernen Lebens“, in dem eine entlegene Dorfgemeinschaft am Rande des Dschungels in Vietnam besucht wird. Der Film bildet zugleich den Auftakt der Wettbewerbssparte für lange Dokumentarfilme.
Die Einwohner in diesem entlegenen Dorf gehören der ethnischen Minderheit der Sedan an und leben überwiegend von landwirtschaftlichen Erzeugnissen– von dem also, was der Urwald ihnen zu bieten hat. Einmal im Jahr unterwerfen die jungen Männer in diesem Dorf sich einem archaisch anmutenden Ritual. Sie ziehen für eine Woche als Gruppe in den Urwald, um dort mit einfachster Ausstattung zu campieren. Ihre Nahrung sammeln, pflücken und jagen sie während dieser Zeit selbst.
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Mit dem Smartphone am Lagerfeuer

Ganz so traditionsverhaftet, wie sich das auf Anhieb anhören mag, ist diese Auszeit von der Dorfgemeinschaft und von der Ordnung des Alltags allerdings nicht. Die jungen Männer nehmen ihre Smartphones mit in den Urwald, und das frühe 21. Jahrhundert bricht noch in einigen weiteren Details in das abgeschiedene Refugium ein, bei ihrer Camping-Ausstattung zum Beispiel. Den „Staub des modernen Lebens“ wollen sie mit ihrem Ritual gewissermaßen symbolisch von ihren Ärmeln abschütteln, und sie tragen ihn damit doch unweigerlich bis in den letzten Winkel des Waldes.
Regisseurin Franziska von Stenglin, Jahrgang 1984, liefert einen genau beobachteten ethnographischen Film ab, sie mischt sich niemals in die Dramaturgie der Geschehnisse ein und manipuliert ihre Figuren auch nicht durch Fragestellungen oder inszenierte Momente. So ist es ein ernsthafter Versuch der Annäherung an eine bedrohte Kultur, die längst auf dem Weg in die Moderne ist. Zudem wirken die Beharrungskräfte und der Willen der vorgestellten jungen Männer zum Festhalten an alten Traditionen sehr sympathisch.

Genaue Beobachtung mit einfacher Botschaft

Der Preis dieser Genauigkeit und Zurückhaltung ist freilich, dass der Film auch Längen hat. Und zwischendurch mag einem beim Zusehen auch der Gedanke kommen, dass es auch gut investierte Lebenszeit gewesen wäre, statt dieser langsam erzählten Wald-Expedition zu folgen, lieber selbst einmal wieder einen ausgedehnten Waldspaziergang zu unternehmen.
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Auf jeden Fall aber transportieren die unaufgeregt und geduldig gefilmten Szenen von Kameramann Diego Garcia unweigerlich eine simple, starke Botschaft: Es scheint ein kulturübergreifendes Bedürfnis danach zu geben, dem Trubel des Alltagslebens und der starren gesellschaftlichen Ordnung für eine Weile zu entfliehen. Das war schon vor Erfindung dem Anbruch des technischen Zeitalters so, und das wird wohl auch in Zukunft so sein. Am Ende, auf ihrer Reise zurück in das arbeitsreiche Familienleben, singen die jungen Männer euphorisch gemeinsam Lieder.
Dieser Film wurde zuvor bereits auf einem Festival gezeigt, und zwar im Juli 2021 auf dem Marseille International Film Festival.
„Der Staub des modernen Lebens“, D/F/VN 2021, Regie: Franziska von Stenglin, 82 min, OmU
Das Filmfest Eberswalde läuft noch bis zum 15. Oktober. Veranstaltungsort ist das Haus Schwärzetal in der Weinbergstraße 6a