Filmmuseum: Wiederentdeckte Meisterwerke aus der DDR

Ankunft in Berlin: Johannes (Arno Wyzniewski, l.) und Lämmchen (Jutta Hoffmann, M.) werden von Mia (Inge Keller) empfangen; Szene aus "Kleiner Mann – was nun?" (1967).
Filmmuseum PotsdamDie berührende Geschichte verhilft dem seinerzeit angeschlagenen Rowohlt-Verlag wieder zu wirtschaftlichem Aufschwung. Und der Roman weckt rasch das Interesse der Filmindustrie. Doch eine angedachte sozialkritische Version des Stoffes kommt nicht zustande, weil sich Regisseur Erich Engel und Fallada nicht auf einen Drehbuchentwurf einigen können. Der Film wird schließlich unter Regisseur Fritz Wendhausen und ohne Falladas Beteiligung realisiert und feiert am 3. August 1933 im Berliner „Capitol am Zoo“ Premiere – wenngleich stark zensiert. Fallada hatte einige Monate zuvor im „Film-Kurier“ geschrieben, er sei zwar „glücklich“, dass sein Roman auf die Leinwand komme, doch habe das Drehbuch nur sehr wenig mit seinem Buch gemein …
Damals auch im Westen gelobt
Knapp dreieinhalb Jahrzehnte später hätte Fallada (1893–1947) sich vermutlich euphorisch über eine Filmadaption seines Bestsellers geäußert. 1967 wagt sich die Defa an den Stoff und dreht einen Zweiteiler für den Deutschen Fernsehfunk. "Kleiner Mann – was nun?“ in der Regie von Hans-Joachim Kasprzik ist eine kongeniale Umsetzung des Romans und zählt zu den gelungensten Literaturverfilmungen des DDR-Fernsehens. Auch im Westen wird die Schwarz-Weiß-Produktion damals gebührend gelobt; eine Fernsehzeitschrift jenseits der Elbe notiert: „… unwahrscheinlich, was es in der DDR für brillante Schauspieler gibt.“
Nur: Das vielgestaltige Erbe des DDR-Filmschaffens ist bis auf wenige Defa-Klassiker und die beliebten Märchenfilme hinaus heute kaum noch sichtbar. Besonders die Produktionen fürs Fernsehen fristen ihr Dasein in Archiven und geraten zunehmend in Vergessenheit. Dem möchte das Filmmuseum Potsdam entgegenwirken und startet jetzt die Filmreihe „OstSofaKino“. Sie zeigt diskussionswürdige Filme mit hohem künstlerischem Niveau, deren Wieder- oder gar Neuent-deckung lohnt, darunter „Bahnwärter Thiel“ (1982) mit Martin Trettau sowie den Fünfteiler „Daniel Druskat“ (1975) mit Manfred Krug, Ursula Karusseit und Hilmar Thate. Zum Auftakt der Filmreihe am 26. Januar laufen aber erst einmal beide Teile von „Kleiner Mann – was nun?“.
Regisseur Kasprzik (1928–1997), der mit „Wolf unter Wölfen“ (1965) und „Jeder stirbt für sich allein“ (1970) zwei weitere Bestseller Falladas fürs DDR-Fernsehen verfilmt, lehnt seine unter anderem in Görlitz und Leipzig gedrehte Adaption von „Kleiner Mann – was nun?“ eng an den Roman an. Und er kann selbst die kleinsten Rollen mit großartigen Mimen besetzen, etwa Inge Keller als Pinnebergs ungeliebte Mutter Mia, Wolf Kaiser als deren zwielichtiger Freund Holger Jachmann und Heinz-Dieter Knaup als Pinnebergs Freund Heilbutt. Es sind aber vor allem Jutta Hoffmann als Lämmchen und Arno Wyzniewski (1938–1997) als Johannes Pinneberg, die den Film zu einem Meisterwerk machen. Wie sie den Charakteren so viel Gefühl, so viel Wahrhaftigkeit und Tiefe verleihen: das ist große Schauspielkunst. Unvergessen bis heute, wie Wyzniewski den naiven, hoffnungsgläubigen, in die Zermürbung und in den sozialen Abstieg getriebenen Pinneberg als ein zerbrechliches Wesen mit großen, staunenden Augen spielt.
„Kleiner Mann – was nun?“, 26.1., 17 Uhr, Filmmuseum Potsdam, Breite Str. 1A, Potsdam, Tel. 0331 2718112, www.filmmuseum-potsdam.de