Vom Obermarkt zuckelt der Doppeldecker quer durch die Görlitzer Film- und Stadtgeschichte. Unweit vom Start schneite es für den Film "Goethe!" Kunstschnee auf dem Untermarkt. Für die Jules-Verne-Verfilmung "In 80 Tagen um die Welt" verwandelte sich der Platz in das Paris des 19. Jahrhunderts. Vorbei geht es am Lutherplatz, wo Kate Winslet den "Vorleser" drehte, und am Jugendstil-Kaufhaus. Der imposante Bau gelangte durch Wes Andersons "Grand Budapest Hotel" weltweit – und in Hollywood – zu großer Bekanntheit.
Schließlich erhielt der Regisseur für seine Komödie vier Oscars, auch für das beste Szenenbild. Insgesamt sechs Mal durften sich die Görlitzer schon über Oscar-Ehren freuen, mehr als 100 Kino- und Fernsehfilme entstanden in Deutschlands östlichster Stadt. Im vergangenen Jahr inszenierte Dominik Graf vier Wochen lang Teile der Erich-Kästner-Verfilmung "Fabian – Der Gang vor die Hunde" mit Tom Schilling, Saskia Rosendahl und Albrecht Schuch in den Hauptrollen. Die ARD-Krimireihe "Wolfsland" macht regelmäßig Abstecher ins historische Görlitz.
Über das Altstadtpflaster holpert der rote Doppeldecker täglich vier Mal. Die Geschichten von "Görliwood" erzählt der bekannte Synchronsprecher Engelbert von Nordhausen. Er ist unter anderem die Erzählerstimme in Quentin Tarantinos Oscar-prämierten "Inglourious Basterds". Der Film wurde im Herbst 2008 gedreht – in Görlitz. Sollte das Tonband einmal ausfallen, könne auch Menzel übernehmen. "Ich habe den Text für die Stadtrundfahrt geschrieben, bin inzwischen oft mitgefahren", sagt der 31-jährige Unternehmer. Das Projekt hat er gemeinsam mit dem Busunternehmer Patrick Schulze auf den Weg gebracht.
Über solche Initiativen freut sich Oberbürgermeister Octavian Ursu (CDU). Er sieht im Thema Film Entwicklungspotenzial für seine Heimatstadt und die lokale Wirtschaft. Vom Stadtrat hat er im Mai den Auftrag erhalten, ein Konzept für eine Filmakademie mit Partnern zu entwickeln. Die Idee: Filmspezifische Fachkräfte für Bühnenbau, Ausstattung, Requisite, Kostüm, Filmcatering und Lichttechnik sollen in Görlitz ausgebildet werden.
Für Ursu hätte ein solches Ausbildungszentrum gleich aus mehreren Gründen einen Mehrwert für Görlitz. "Filmproduktionen könnten künftig auf technische Unterstützungsleistungen vor Ort zurückgreifen. So wäre die Stadt für größere Produktionen noch attraktiver – und es fördert den Namen Görlitz als Filmstadt, sodass die Region wirtschaftlich profitieren kann", sagt er.
Zur Rückendeckung hat sich Ursu prominente Unterstützer geholt. Dazu zählen neben anderen die Produzenten Stefan Arndt ("Babylon Berlin"), Peter Hartig ("Systemsprenger") und Felix von Böhm (Lupa Film GmbH) sowie Veit Quack und Professor Peter Badel von der Filmuniversität Babelsberg in Potsdam. Auch die Mitteldeutsche Medienförderung (MDM) konnte er gewinnen. Für deren Geschäftsführer Claas Danielsen bietet "Görliwood" als international anerkannter und regelmäßig genutzter Drehort den "idealen Standort, um die für die Filmakademie wichtige Kombination von Theorie und Praxis zu garantieren."
Die Idee sei weiterhin eine Reaktion auf den immer größer werdenden Fachkräftemangel in der Filmbranche. "So fehlt es deutschlandweit an Regieassistenten, Produktionsleitern, Kostümbildnern, Filmgeschäftsführern, Kameraassistenten und Requisiteuren", sagt Danielsen. Für das Ausbildungsprogramm der Filmakademie sei ein modulares Programm für die wesentlichen Gewerke der Filmherstellung geplant, das Nachwuchskräften ermöglicht, sich die Grundfähigkeiten für das jeweilige Gewerk anzueignen.
Initiativen zur Linderung des Fachkräftemangels im Film- und Medienbereich, weiß Danielsen, existierten auch in einigen anderen Bundesländern. So solle an der Fachhochschule Ansbach (Bayern) ein duales Studium für Produktionsberufe entstehen.
Neben der MDM wollen die Görlitzer für ihre Idee den Freistaat Sachsen sowie die Hochschule Zittau/Görlitz mit an ihr Zukunftsset holen, um so schnell wie möglich ein Konzept für die Filmakademie für "Görliwood" auf den Weg zu bringen. Jetzt heißt es, Fördermittel zu akquirieren, damit so schnell wie möglich die erste Klappe für die Sächsische Filmakademie in Görlitz fallen kann.

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