Fontane
: Robert Rauh auf Spuren von Fontane in Berlin-Buch

Fontane schildert Julie von Voß als „pikante historische Person“. Doch in Berlin-Buch erinnert wenig an die Gräfin.
Von
Robert Rauh,
Gabriele Radecke
Berlin
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  • Fontane forschte zu Julie von Voß; erst Fußnote, später eigenes Unterkapitel.
  • Julie (1766–1789) wurde 1787 morganatisch getraut; 1789 starb sie an Schwindsucht.
  • Grabmal 1795 im Schlosspark Buch, Relief nach Genelli-Zeichnung, lateinische Inschrift.
  • Schloss 1964 abgerissen, Kirchturm seit 1943 weg, Grabmal in den 1950ern zerstört.
  • Relief im Depot der Alten Nationalgalerie; Standort des Denkmals im Park wiedergefunden.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

  • Gefunden: der ehemalige Standort des Denkmals im Bucher Schlosspark im Jahre 2019. Der Autor Robert Rauh hat gemeinsam mit Fontane-Kennerin Gabriele Radecke nach Spuren von Julie von Voß gesucht.

    Gefunden: der ehemalige Standort des Denkmals im Bucher Schlosspark im Jahre 2019. Der Autor Robert Rauh hat gemeinsam mit Fontane-Kennerin Gabriele Radecke nach Spuren von Julie von Voß gesucht.

    Archiv Rauh
  • Erinnerung: Denkmal für Julie von Voß im Bucher Schlosspark, Postkarte um 1910. Nur das Relief hat überdauert.

    Erinnerung: Denkmal für Julie von Voß im Bucher Schlosspark, Postkarte um 1910. Nur das Relief hat überdauert.

    Archiv Rauh
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Julie von Voß (1766–1789) wurde jedoch keine Romanheldin, sondern hielt Einzug in Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. Zunächst nur als Fußnote. Weil man über sie „sehr wenig“ wisse, so Fontane, dessen Recherche sich nahezu ein Vierteljahrhundert hinzog. Als jedoch 1876 die Memoiren von Julies Tante, Sophie Marie von Voß, veröffentlicht wurden, gelang der Mätresse von Friedrich Wilhelm II. in den „Wanderungen“ ein fulminanter Aufstieg: von der Fußnote in den Haupttext. Erst erschien Julie 1862 als Anmerkung im „Buch“-Kapitel des ersten Bandes, der später den Titel „Die Grafschaft Ruppin“ erhielt. Und 1882, als das Kapitel – geografisch nun korrekt – in den Band „Spreeland“ wanderte, wurde Julie endlich ein separates Unterkapitel gewidmet.

Ehefrau „zur linken Hand“

Fontane startete seine Nachforschungen vor Ort – im Gut und Dorf Buch, das bis 1898 der Familie Voß-Buch gehörte. Der Ausflug vom 16. auf den 17. Juni 1860 ist detailliert dokumentiert: durch die Briefe an seinen Verleger Wilhelm Hertz, der ihn begleitete, und durch Notizbuchaufzeichnungen, die der Wanderer vor Ort anfertigte. „Ich freue mich recht sehr auf die Partie und flehe die Reisegötter um gutes Wetter an“, schrieb Fontane kurz vor der Fahrt an Hertz, dem er auch die Route mitteilte. Geplant sei kein „Aufenthalt in Pankow und Schönhausen, sondern gleich weiter“. Dabei befindet sich in Schönhausen das Schloss, in dem Julie 1784 den preußischen Kronprinzen, den späteren König Friedrich Wilhelm II. (1744–1797) kennen und lieben lernte.

Schloss Schönhausen war die Sommerresidenz der von Friedrich dem Großen verschmähten Königin Elisabeth Christine. Der Kronprinz hatte dagegen ein inniges Verhältnis zu seiner Tante Elisabeth Christine, bei der Julie seit 1783 als Hofdame tätig war – und schnell zum Objekt seiner Begierde wurde. Was nicht verwundert, wenn man Fontanes Beschreibung glaubt: „Julie von Voß war eine Schönheit im Genre Tizians, schlank und voll zugleich, von schönen Formen und feinen Zügen, blendend, aber von einer marmorähnlichen Blässe, die noch durch ein überaus reiches rötlich blondes Haar gehoben wurde.“

Obwohl der Kronprinz längst verheiratet, geschieden und wiederverheiratet war, wollten weder er noch Julie ihre leidenschaftliche Beziehung aufgeben. So ließen sich beide im Frühjahr 1787 morganatisch trauen. Ein halbes Jahr später erhielt Julie, die nicht die einzige Ehefrau „zur linken Hand“ war, den Titel Gräfin Ingenheim verliehen. Das geteilte Glück währte jedoch nicht lang. Im März 1789, wenige Wochen nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes Gustav, starb die erst 22-jährige Julie an der „galoppierenden Schwindsucht“. Ihr Leichnam wurde auf den Familiensitz nach Buch überführt. Einige Jahre später wurde ihr im Park ein Denkmal errichtet.

Fontane plante, vor Ort „Kirche, Schloss, Park zu mustern“. Zusammen mit seinem Verleger Hertz erreichte er am Abend des 16. Juni 1860 Buch, wo er im „Schlosskrug“ übernachtete. In dem noch erhaltenen Gebäude befindet sich heute das „Ristorante Il Castello“, in dem die „Fontane-Freunde Buch“ mit einer kleinen Ausstellung an den prominenten Besucher erinnern. Gegenüber dem Gasthof befindet sich die Kirche. „(O)hne allen Prunk im Innern, aber äußerst gediegen (,) macht sie den Eindruck großer Vornehmheit“, notierte Fontane in seinem Notizbuch. Im Anschluss hielt er ein Detail fest, das er in den gedruckten Text nicht übernahm: „18 Jahre nach Erbauung der Kirche“ (1731–1736) sei der Blitz eingeschlagen – „wie ein Schuß, durch das Fenster(,) das den Kirchenstuhl nach vorn hin abschließt.“ Man habe die Scheibe nicht repariert.

Darüber hinaus erfuhr Fontane, so erzählt er es in den „Wanderungen“, dass es Julies letzter Wunsch gewesen sei, nicht in der Familiengruft beigesetzt zu werden, sondern in einem „Grab unter der Kirchenkuppel, in der Nähe des Altars“. In seinem Notizbuch skizzierte er den Grundriss, auf dem die „Gruft der Ingenheim“ eingezeichnet ist. Allerdings fanden sich an dieser Stelle bei späteren Untersuchungen weder Grab noch Gebeine. Fontane hätte misstrauisch werden müssen, denn er entdeckte auch keinen Grabstein mit ihrem Namen.

Ein Grabmal für Julie

Ihr Name stand auch nicht auf dem Grabmal, das Julies Bruder 1795 im Schlosspark errichten ließ. Es ist ein klassizistisch gestaltetes Kenotaph mit antikem Motiv: Der Tod erscheint nicht als Knochenmann, der den Verstorbenen ins Grab zieht. Stattdessen zeigt das figürliche Relief auf der Vorderseite einen jungen Todesengel, der die Sterbende, eine junge Frau, stützt und mit einem Gewand einhüllt. Sie liegt auf einer Chaise en grec, einem Stuhl in griechischem Stil, und hält in ihrer Hand des herabgesunkenen Armes einen Blumenkranz. Links steht ein Säulenmonument mit Vasenbekrönung.

Das Denkmal stammt nicht von irgendwem. Es ist nach der Zeichnung eines renommierten Architekten entstanden: Hans-Christian Genelli (1763–1823), der in Kopenhagen geboren und aus einer römischen, später nach Dänemark ausgewanderten Künstlerfamilie stammt. Fontane hat das Relief in seinem Notizbuch skizziert und darüber die lateinische Inschrift notiert: „Soror optima, amica partriae (Beste Schwester, Freundin des Vaterlands)“.

Spurensuche im Schlosspark

160 Jahre später gestaltet sich die Spurensuche in Buch etwas komplizierter. Das Schloss fiel 1964 der Abrissbirne zum Opfer, der Kirche fehlt seit einem Bombenangriff 1943 der Turm, und Julies Grabmal wurde in den 1950er-Jahren mutwillig zerstört. Nur das Relief wurde gerettet. Es kam ins Märkische Museum und wurde 1987, zur 750-Jahr-Feier Berlins, ein Exponat im neu eröffneten Schinkelmuseum in der Friedrichswerderschen Kirche. Zu sehen bekommt man es derzeit nicht, weil das Gebäude 2012 aufgrund erheblicher Schäden – verursacht durch den Bau von Tiefgaragen für Luxuswohnungen – geschlossen werden musste. Die Ausstellungsstücke wurden ausgelagert, und das Relief verschwand im Depot der Alten Nationalgalerie. Inzwischen wurde die Friedrichswerdersche Kirche nach abgeschlossener Sanierung im Januar 2020 wiedereröffnet, die Skulpturen sind bisher aber noch nicht zurückgekehrt.

Ungeachtet dessen wollten wir in Erfahrung bringen, wo genau sich im Bucher Schlosspark der ehemalige Standort von Julies Denkmal befindet. In Fontanes Lageplan ist er nicht eingezeichnet, und Befragungen vor Ort ergeben ein widersprüchliches Bild. Das weit verzweigte Areal einfach abzusuchen, macht angesichts der 26 Hektar großen Parkanlage keinen Sinn. Da entdecken wir am Eingang ein großes Schild, auf dem alle Firmen aufgelistet sind, die zurzeit an der Rekonstruktion der Parkanlage beteiligt sind. So auch die Firma Gehrke Landschaftsarchitektur, die uns einen Grabungsplan des Berliner Landesdenkmalamtes von 1995/96 zur Verfügung stellt. In ihm ist zu unserer Überraschung auch der Standort eingezeichnet: im nördlichen Teil des Parks – gleich neben einer Panke-Brücke. Mithilfe dieses Plans und historischer Fotos lässt sich der Standort nun identifizieren. Wir greifen nach Stöcken und beginnen in den dichten Brennnesselbüschen nach dem Fundament zu wühlen. Ohne Ergebnis.

Skeptisch beobachtet werden wir von zwei Frauen, die an uns vorbeispazieren. „Sie suchen aber nicht nach einer Leiche?“, fragt die Ältere. Die Jüngere zischt „Mutti, lass’ doch!“ und versucht, ihre Begleiterin am Arm weiterzuziehen. Die Mutter lässt sich aber nicht dirigieren – und als wir erklären, wonach wir suchen, sagt sie freudestrahlend, sich an das Denkmal erinnern zu können. Nun dirigiert sie uns. „Hier muss es sein!“ Dann entdecken wir unter den Brennnesseln Reste des Fundaments und kleine Marmorstückchen mit Ornamenten.

Der Fund böte die Gelegenheit, im Rahmen der Rekonstruktion des Schlossparks mit einer Hinweistafel an die prominente Bucherin und an Fontane zu erinnern: am ehemaligen Standort von Julies Grabmal. Solange aber das Relief im Depot und das Fundament im Unterholz verborgen sind, bleibt Fontanes Feststellung gültig: „Überall in Buch begegnet man den Spuren der schönen Gräfin, aber nirgends ihrem Namen.“

Die Autoren

Gabriele Radecke ist Literaturwissenschaftlerin und Herausgeberin der digitalen Fontane-Notizbuch-Edition.Die Digitalisierung von Fontanes Notizbücher ist einsehbar unter:fontane-nb.dariah.eu/index.html

Robert Rauh, Historiker und Sachbuchautor, hat mehrere Bücher über Theodor Fontane geschrieben, zuletzt "Fontanes Frauen" (2018) und "Fontanes Ruppiner Land" (2019).

Beide zusammen sind Herausgeber des Auswahlbandes "Theodor Fontane. "Wundersame Frauen", der 2019 im Manesse Verlag erschienen ist.

Ihre Recherchen auf Fontanes Spuren sind auch nach Ende des Fontane-Jahres noch lange nicht abgeschlossen. Ihre Funde und Erkenntnisse veröffentlichen sie unterwww.fontanes-wanderungen.de.