Bald erwischte man den 16-jährigen Schüler Mugur Calinescu auf frischer Tat, als er eines Nachts eine weitere regierungskritische Losung auf einer Wand verewigen wollte. Die Suchaktion und das Verhör des "Täters" blieben in den Akten der Securitate erhalten und dienten als Vorlage für ein Theaterstück, das Regisseur Radu Jude nun zu einem sehenswerten experimentellen Film adaptiert hat.
Dem Geist des literarischen Originals treu bleibend, inszeniert er Verhöre von Calinescu, seiner Familie und seinen Freunden und Aussagen von Securitate-Leuten wie Szenen eines Theaterstücks. Die Figuren schauen direkt in die Kamera und sagen die dokumentierten Texte auf. Dabei charakterisieren sie ein sparsames, oft farbenfrohes Bühnenbild im Hintergrund sowie aussagekräftige Requisiten.
Eingeblendet werden Propagandafilme des Staatsfernsehens
Unterbrochen werden die Theatersequenzen regelmäßig von Bildern damaliger sozialistischer Propaganda. In Ausschnitten aus Wochenschauen und Sendungen des Staatsfernsehens sieht man militärische Aufmärsche, Folkloretänze, sozialistische Schlagersänger oder den Diktator Ceausescu persönlich auf Tuchfühlung mit der Bevölkerung.
Der Kontrast von Unterdrückung, Einschüchterung und psychologischer Folter hier und der Beschwörung einer heilen sozialistischen Welt dort sorgt für Beklemmung, aber aufgrund des selbstentlarvenden Charakters der Einspieler stellenweise auch für Lacher. Auch gelingt es Regisseur Radu Jude sowohl durch seinen verfremdenden Stil als auch durch die chronologische Erzählweise, Spannung aufzubauen und den von vorauseilendem Gehorsam, Unterwürfigkeit und Machtmissbrauch geprägten Geist der Epoche wieder aufleben zu lassen.
Wie der so aufmüpfige wie mutige Jugendliche, der von einigen seiner Freunde fallen gelassen und von den Eltern bedrängt wurde, in die Isolation und später höchstwahrscheinlich durch die Securitate in den Tod getrieben wurde, macht der willentlich künstliche Charakter des Films besonders deutlich. So bewegt sich "Tipografic majuscul" geschmeidig zwischen Dokumentation und Inszenierung und empfiehlt sich als stilistisch überzeugendes und aufrüttelndes Stück Kino.
"Tipografic majuscul": Berlinale Forum, 29.2. 12 Uhr Arsenal, 1.3. 10:30 Uhr Cubix