In einem fotografierten Gesicht muss man lesen können. So wie bei der älteren Frau aus Jakutien, die Volkmar Billeb 1975 auf einer seiner Dienstreisen fotografierte. "Daraus spricht eine Güte und ein innerer Reichtum", sagt der 80-Jährige. Die Zeit und das Leben haben sich eingegraben. Falten machen es erst interessant. Billebs Porträt strahlt Würde, Stolz und Neugier aus.
Weit über dem nördlichen Polarkreis hielten Wissenschaftler eine Rinderzucht für unmöglich. Die jakutische Bäuerin aber hatte eine Kuh für den örtlichen Kindergarten angeschafft. Das imponierte dem Fotografen. Er legte schon immer Wert auf Kontext: die Geschichte hinter den Fotos. "Mit Fotografie lassen sich Zustände erhellen."
Heute lebt der Rentner am Stadtrand von Berlin. In den Siebzigerjahren war er Reisefotograf für die Illustrierte "Freie Welt", kam in ferne Länder und ab 1982 als Moskauer Fotokorrespondent in entlegene Gebiete der ehemaligen Sowjetunion. Wenn es traditionsreiche Feste, einen Diamanttagebau oder neu gebauten Staudamm zu sehen gab, hielt Billeb die Ereignisse mit den dort lebenden Menschen fest. Insbesondere Arbeiter und Frauen im Norden Sibiriens hatte er vor der Kamera. "Es hat mich natürlich auch gereizt, in einer Tiefkältezone zu arbeiten." Er wusste nie, ob sein Filmmaterial 48 Grad Minus aushält oder bricht.
Viele seiner Schwarz-Weiß-Porträts waren ein Nebenprodukt seiner Reportagereisen. Heute sind sie Bilder aus einer vergangenen Zeit, die an die Bildsprache vor der Handy-Zeit erinnern, sagt der Fotograf. Denn sofort anschauen ging früher nicht. Die Gewissheit über ein gelungenes Bild ergab sich aus der Erfahrung: Erst im Labor wurde die Aufnahme fixiert. Es war wichtig zu wissen,"wie der Sonnenstand ist und welche Schatten sich auf dem Gesicht abzeichnen, damit es plastisch wirkt", sagt Billeb. Das mache Fotografie so "authentisch".
Hunderte Apparate
Im Keller seines Einfamilienhauses bewahrt Billeb Hunderte Fotoapparate auf – darunter zweiäugige Spiegelreflex-, historische Platten-, französische Offizierskameras aus dem Ersten Weltkrieg, deutsche Reporterkameras aus den 1930er Jahren und auch Stereo-Apparate. Ein anderes Hobby wollte sich Billeb nie leisten. Die Fotografie ist sein Leben.
Ein Klassenkamerad nahm den Dessauer Schüler Ende der 1940er mit in den Fotozirkel: "Da war ein älterer Herr, der hat mich so fasziniert. Ich habe gestaunt, was alles technisch möglich war." Zusammen mit namhaften Grafikern absolvierte er nach dem Abitur ein Studium als "Diplom-Fotografiker" an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst.
Von 1962 bis 1991 arbeitete er für verschiedene Verlage in Dresden und Berlin, unter anderem bei "Zeit im Bild" und als Bildchef der Programmzeitschrift "FF Dabei", die zum 7. Oktober 1969 erstmals mit farbigen Seiten erscheinen sollte. Billeb erinnert sich: "Ich war Tag und Nacht in irgendwelchen Studios in Ost-Berlin unterwegs, weil wir ein Bildpotenzial schaffen mussten. Wir hatten ja nur Schwarz-Weiß-Fotografien." Für die erste Farbausgabe sollte er "eine gut aussehende Fernsehansagerin" und einen Bauarbeiter vorm frisch gebauten Berliner Fernsehturm ablichten. Der Fotograf stellte den Telespargel "aus gestalterischen Gründen" schief. "Wir bauen in der DDR gerade", hieß es von oberster Stelle. Dann verschwand auch noch die Ansagerin über Nacht in den Westen, erzählt er amüsiert. Die Motive wurden verworfen.
Ein Jahr später, zurück in Dresden, machte Billeb freiberuflich Bildbände, Werbung und war für den Berliner Verlag als Redaktionsfotograf unterwegs – bis ihn die "Freie Welt" 1974 als Leiter der Bildabteilung in Berlin einstellte. Billeb fotografierte weiter selbst und hatte auf seinen Reportagereisen Menschen und Landschaften aus Nordkorea, der Mongolei, Aserbaidschan oder Kuba vor der Linse. Als er 1982 langfristig nach Moskau ging, zog die Familie mit.
In Extrem-Landschaften wie Kam-tschatka waren Beziehungen nötig. Russische Fahrer und Begleiter hatten sie fast immer – meist mit dem KGB verbandelt, plaudert Billeb: "Es war schwierig, an die wirklichen, wahrhaftigen Dinge heranzukommen, ohne dass uns Kommunisten untergeschoben wurden. Das war Erfahrungssache, zu erkennen, ob es sich um eine getürkte Szenerie handelte." Die meisten Themen waren vorgegeben. Aber nicht alle Dokumentationen hatten politische Gründe. "Das Bedürfnis, etwas anderes zu erleben, war immer da – ich wollte raus." Und die "Freie Welt" zeigte ihren Lesern in der Heimat Dinge, die es nicht vor der Haustür gab.
Einmal schaffte er es bis nach Spitzbergen in Norwegen. Sich wie sein ehemaliger Redaktionskollege Norbert Kaiser, Liedtexter der Gruppe Karat, ins westliche Ausland abzusetzen, sei "aus rein menschlichen Gründen" nie infrage gekommen, sagt Billeb: "Wir waren eine große Familie, ich hatte drei Brüder. Und das teile ich mit anderen: Wir hatten die Hoffnung, dass der Staat zur Vernunft kommt." Er mache keinen Hehl daraus, Parteimitglied (SED) gewesen zu sein, räumt Billeb ein. Ein einäugiger Mann, der das KZ Hohenstein überlebte und darüber berichtete, habe ihn Anfang der 1960er-Jahre überzeugt einzutreten.
Nachdem Gorbatschow 1985 an die Macht kam, drangen die "Freie Welt"-Reporter bis in Sperrgebiete vor, wo Raketen gebaut wurden, und besuchten den Fernen Osten: "Eines Abends 1986 klingelte bei mir das Telefon und der Presseattaché von der DDR-Botschaft rief an und sagte, wir können heute Nacht nach Kabul fahren. Die Russen spielten dort Truppenabzug und hatten uns eingeladen." Reisen ins nichtsozialistische Ausland setzten sonst Beantragungswege von mehreren Wochen voraus. Zum Glück habe es in der Botschaft Unterstützer gegeben, erzählt Billeb.
Sie durften nur nicht von "wichtigen" Tauschgeschäften erfahren, die er für gutes Foto-Material machte. So ließ er seine Zufallsbekanntschaft Fred Mayer, einen bekannten Schweizer Fotografen, bei sich in Moskau übernachten und bekam dafür ein paar Kodak-Farbfilme in den Kühlschrank gestellt. Der Verbrauch von fünf bis acht Filmen pro Auftrag mit drei Geräten parallel im Einsatz war ein "Balanceakt", erinnert er sich: "Wir waren Ossis, mit allen Mängeln. Ich hatte zwar unbegrenzt Orwo-Filme im Jahr, aber nur 30 Kleinbild-Farbfilme aus dem Westen zur Verfügung."
Im Wandel der Zeit
1990 bebte es überall politisch. Billeb stand, zurück in der Heimat, vor neuen Herausforderungen. Die Redaktion der "Freien Welt" formierte sich erst zu einem Reisejournal um, wurde dann im April 1991 wie viele andere Ost-Berliner Verlage aufgelöst. "Es gab eine riesige Arbeitslosigkeit." Billeb wurde mit 52 Jahren wieder freischaffend. Mehr als 1000 Seiten "Freie Welt", die er fotografisch gestaltet hatte, hat er sich noch kurz vor seiner Entlassung als persönliche Erinnerung zu einem Werkbuch binden lassen. Die letzte Reporterreise machte Billeb 1991 quer durch die USA. "Das hatte auch eine gewisse persönliche Neugier befriedigt." Solche aufwendigen Arbeitsreisen sind vorbei.
Seit 1992 beschäftigt er sich nur noch mit einheimischer Architekturfotografie, arbeitet für den Deutschen Kunstverlag in München und die Deutsche Gesellschaft in Berlin. Gerade bereitet er eine Ausstellung mit Fotos alter brandenburgischen Herrenhäuser und Schlösser aus den vergangenen Jahrzehnten vor. Deren Zustand dokumentierte er für die Heft-Reihen des Freundeskreises Schlösser und Gärten der Mark – an mehr als 140 Ausgaben war Billeb beteiligt und fotografiert weiter. Auch in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und der Neumark stehe man vor dem Problem, diese alten Bauten retten zu wollen, begründet er seinen Einsatz.
Bei den Wikipedia-Foto-Wettbewerben "Wiki Loves Monuments" ist der Profi außerdem als Juror tätig, um in bebilderte enzyklopädische Artikel von Laien "etwas Kultur und Verständnis reinzubringen". Alles der Fotografie zuliebe.
"fixiert": Treppenhausgalerie in der Arche, Carl-Schmäcke-Str. 33, Neuenhagen bei Berlin, bis 12.2., Mo–Do 8–18 Uhr und Fr 8–14 Uhr