Ein blasses Mädchen im Nachtbus, die Wange ans Fenster geschmiegt, wohin mag sie fahren? Vom Gesicht sieht man nur, was Haar und Fellkragen freilassen; man bildet sich eine feine Spur Tränen ein, aber wahrscheinlich ist es dann doch nur der Regen. Eine Momentaufnahme an der Bushaltestelle, von schräg unten fotografiert von dem Düsseldorfer Künstlerpaar Dagmar Keller und Martin Wittwer für ihre Serie „Passengers“ (2011).
Drei Fotoausstellungen in Neuhardenberg

Fotografie Drei Fotoausstellungen in Neuhardenberg

Elf Künstler aus ganz Europa

Ein Bild, das hängenbleibt – wie viele andere in der Ausstellung „Portrait II“ auch. Wer – weil er wie wir alle täglich auf allen Kanälen mit Schnappschüssen bombardiert wird – vergessen hatte, dass das Medium Fotografie ein künstlerisches Ausdrucksmittel ist, lernt hier wieder staunen. „Positionen zeitgenössischer Fotografie“ ist der Untertitel der größten von drei Ausstellungen, die am Wochenende in Neuhardenberg eröffnen. Die Kuratoren, Laurenz Berges und Gertrude Wagenfeld-Pleister, haben mit ihrer Auswahl tatsächlich eine beeindruckende Vielfalt an künstlerischen Strategien versammelt. Thema  der elf Künstler aus Europa und den USA ist das Porträt. Auf ganz unterschiedliche Weise nähern sie sich jeweils der Person vor ihrer Kamera, versuchen ihr Wesen einzufangen, zu verdichten und festzuhalten.
Da ist die junge Frau mit Mütze, die Annette Kelm in mehreren ähnlichen Einstellungen vor knallblauem Himmel abbildet – erst nach und nach erkennt man, fast wie in einem Daumenkino, Veränderungen in Mimik und Gesten. Oder die Teenager, die Janina Wick über Jahre in Berlin-Schöneweide fotografiert hat, nah und doch respektvoll. Daneben perfekt ausgeleuchtete Studio-Porträts von Bernhard Fuchs. Oder die Jugendlichen im Zwielicht, atmosphärisch-dicht und geheimnisvoll, die Tobias Zielony bei Partys am Rande der Stadt wie der Legalität trifft.

Diesmal ist die jüngere Generation am Zug

Bereits 2016 gab es eine große Porträt-Ausstellung in Neuhardenberg; damals mit Altmeistern des Genres wie Diane Arbus. Die aktuelle Schau konzentriert sich jetzt auf die (etwas) jüngeren Vertreter, von Mitte 30 bis 60.
Ein dokumentarischer Ansatz überwiegt, vorbei die Zeit, als man sein Modell ins Studio bestellte und exakt dirigierte; etliche befragen auch das eigene Genre, die Möglichkeiten und Bedingungen – das Mädchen, das sein Gesicht verbirgt, ist das überhaupt noch ein Porträt? Oder dieser tätowierte Bauch? Was charakterisiert eigentlich einen Mensch? Eine gute Fotografie rege zum Nachdenken an; Bilder mit allzu eindeutiger Aussage ärgerten ihn, sagt Laurenz Berges.

Verlassene Orte in Brandenburg

Der Fotograf, Meisterschüler von Bernd Becher, ist einer der Kuratoren. Ein paar Schritte weiter, in den historischen Räumen des Schlosses, stellt er in „Intervention“ eigene Arbeiten aus: leerstehende Gebäude in Brandenburg, die wie im Dornröschenschlaf zu liegen scheinen.
Bezüge zwischen den Ausstellungen gibt es noch mehr: Das kleine Mädchen aus der Sammlung der tschechischen Fotografin Jitka Hanzlová etwa – sie taucht als junge Frau in der Serie „LOT“ von Bernhard Fuchs wieder auf. Und ein Pferdebild legt bereits eine kleine Spur zu Hanzlovás Serie „Pferde“ drüben im Schloss. Die historischen Räume werden, in Kooperation mit C/O Berlin erstmals bespielt – die Fotografien halten charmant Zwiesprache mit den antiken Möbeln und Kronleuchtern, dazwischen blickt man in den Park.

Schüler von Ute Mahler und Göran Gnaudschun

Die dritte Schau  „Die Rose ist ohne Warum“ steht dann im Zeichen des echten Nachwuchses – hier präsentiert sich die Abschlussklasse an der Ostkreuzschule für Fotografie Berlin. Die Schüler von Ute Mahler und Kunstpreisträger Göran Gnaudschun bekamen eine vermeintliche altmodische Aufgabe: Blumen und Pflanzen. Auch sie haben völlig unterschiedliche Lösungen gefunden – von wilder Brennnessel in schwarz-weiß bis zu – Querverweis! – Porträts von Floristinnen.

Infokasten


„Portrait II. Positionen zeitgenössischer Fotografie“ (Ausstellungshalle, Di-So 12-18 Uhr) und „Intervention“ (Schloss, nur Sa/So 12-18 Uhr), bis 6.12.; „Die Rose ist ohne Warum“ (Foyer Großer Saal, Di-So 12-18 Uhr), bis 29.11.;ab 26.10. gelten veränderte Öffnungszeiten, schlossneuhardenberg.de