Friedenspreis des Deutschen Buchhandels: Russland-Experte Schlögel spricht von Ratlosigkeit

Aufrüttelnde Worte: der Historiker und Publizist Karl Schlögel, Historiker und Publizist, spricht anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Paulskirche in Frankfurt/Main.
Michael Probst/Pool AP/AP/dpa- Karl Schlögel erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für seine Osteuropa-Forschung.
- In der Frankfurter Paulskirche spricht er über die Folgen des Ukrainekriegs und seine persönliche Betroffenheit.
- Schlögel kritisiert Russlands Propaganda und die fehlende Einheit in Deutschland.
- Laudatorin Katja Petrowskaja lobt Schlögels Einsatz für die Ukraine und rührt mit ihrer Rede zu Tränen.
- Schlögel betont: „Ohne eine freie Ukraine kann es keinen Frieden in Europa geben.“
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Dass die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), an der der Historiker Karl Schlögel seit 1995 unterrichtete, viel verbindet mit seiner Forschung, ist ein Topos, der in der Feierstunde zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche gleich mehrfach bemüht wurde. Die Neugier, der Aufbruch in den Osten, das Lesen der Landschaften und Menschen jenseits der Oder, mit der er eine Generation von Osteuropa-Historikern prägte, mündeten in den Begriff einer Mitte Europas. Einer Mitte, in der die heutige Freiheit vor der Folie einstiger Zusammengehörigkeit und grausamer Kriegserfahrungen im 20. Jahrhundert gelebt und verteidigt werden.
Ein Historiker, der Telefonbücher und Kinos, Adressverzeichnisse, Stadtpläne und Zugfahrpläne nutzt als Material, um die Gegenwart vor der historischen Folie zu beschreiben - das ist Karl Schlögels große Kunst, die ihn zum besten Kenner unserer östlichen Nachbarländer gemacht hat. Für diesen humanistischen Ansatz des Verstehenswollens „von der Seitenlinie“, wie es Karin Schmidt-Friederichs vom Deutschen Börsenverein formuliert, wird er in diesem Jahr mit dem Friedenspreis geehrt. Dass dabei, mit den Worten Walter Benjamins, wer den Frieden will, vom Krieg reden müsse, ist dabei die bittere Pointe einer Feierstunde, die zur Gewissensprüfung geriet.
So ehrt die in Kiew geborene und in Berlin lebende Schriftstellerin Katja Petrowskaja („Vielleicht Esther“), die die Laudatio hält, das unermüdliches Engagement für Osteuropa, das Schlögel seit 2014 hauptsächlich in der Ukraine festmacht, mit großer Dankbarkeit: „Ich bin nur eine Stimme in einem Chor von Menschen, denen Ihre Stimme wichtig ist“, ruft sie dem Friedenspreisträger am Ende einer Rede zu, die nicht nur ihn zu Tränen rührt. Weil sie beschreibt, wie nah, wie vertraut die Orte und Menschen sind, die seit nunmehr zehn Jahren unter der Aggression eines Angriffskriegs leiden.

Schriftstellerin Katja Petrowskaja, in Kiew geboren und in Berlin lebend, ehrt Karl Schlögel für seinen Einsatz für die Ukraine.
MICHAEL PROBST/AFPPetrowskaja beschreibt auch, was für ein Weg es für einen Bauernjungen aus dem tiefsten Bayern bedeutete, der im Internat durch einen Lehrer, der aus sowjetischer Gefangenschaft heimkehrt, Russisch lernt, und lange vor dem Fall des Eisernen Vorhangs Russland und die damaligen Staaten der Sowjetunion als Mitte Europas wiederentdeckt hat, auf „friedlichen Feldzügen“, mit dem Glück einer Friedensgeneration, die von diesem Glück nun, in neuen kriegerischen Zeiten, nicht lassen will.
Persönliche Erschütterung angesichts des Ukrainekriegs
Dass Schlögel, der Russland lange als zweite Heimat begriff und mit einer russischen Autorin verheiratet ist, heute nicht mehr in Russland einreisen darf, ohne eine Verhaftung zu riskieren, macht die persönliche Tragödie dieses Forscherlebens spürbar. Und das Bild, das Katja Petrowskaja aufruft, Karl Schlögel am Rande einer Demonstration auf dem Berliner Bebelplatz wenige Tage nach dem 24. Februar 2022, in eine ukrainische Flagge gehüllt und in Tränen aufgelöst, zeigt, wie ehrlich er diese Erschütterung auch in die Öffentlichkeit getragen hat.
Was für einen Erfahrungsbruch 2014 für ihn, den Russlandkenner, bedeutete, macht Karl Schlögel selbst in seiner Dankesrede schonungslos deutlich. Er spricht von seiner tiefen Ratlosigkeit, davon, wie es ihm, so wie vielen, die Sprache verschlagen hat, wie schwer er und seine Generation sich getan haben, sich auf eine neue Kriegswirklichkeit in der Nachbarschaft einzustellen und nun noch einmal neu denken lernen muss. Und davon, wie wirkungsvoll Russlands Propaganda gerade in dem immer noch nicht zur Einheit und Selbstsicherheit gefundenen Deutschland wirkt: „Es gibt in Deutschland viele Russland-Versteher, aber zu wenige, die von Russland etwas verstehen“, sagt er mit Blick auch auf die deutsche Politik.
Um dann, Satz für Satz, sowohl Russlands Kriegstechnik als auch die neue Erfahrungswirklichkeit des Kriegs in der Ukraine zu beschreiben. Sein Gruß, sein Dank von der Kanzel der Paulskirche, gilt den Soldaten an der ukrainischen Front und den Zivilisten im Krieg. Weil sie für das kämpfen, was in der Paulskirche als europäische Freiheitswerte mitbegründet wurden. „Ohne eine freie Ukraine kann es keinen Frieden in Europa geben“, heißt es in der Begründung für den Friedenspreis.


