Sie kommen aus unterschiedlichen Generationen und Welten und wollen nun gemeinsam die erste deutsch-polnische Gay-Parade („Pride“, zu deutsch: „Stolz“) organisieren. Sylvia Thies, 69, ist Sozialarbeiterin im Frankfurter Mehrgenerationenhaus Mikado.  Ronja Zimmermann, 19, studiert Jura an der Viadrina und ist Sprecherin der „Landesarbeitsgemeinschaft Queer Berlin-Brandenburg“ der Linken.
Ein Streitgespräch.
Sylvia: Ich lehne grundsätzlich alles ab, was radikal ist, egal in welcher Form.
Ronja: Ich nicht. Wir haben das Recht, wütend zu sein.
Sylvia: Aber dann sollten wir uns auch auf die Situation hier einstellen! Das fängt schon beim Name an: Pride! Der Otto-Normalverbraucher weiß erst mal gar nicht, was das ist. Wir haben hier ganz andere Kämpfe zu kämpfen als in Berlin.
Ronja: Wir brauchen als erstes Plätze, wo wir uns treffen können.
Sylvia: Können wir! Wir können uns eine Gaststätte aussuchen und dort treffen!

Keine Anlaufstellen

Ronja: Wenn sich eine queere Person outet, dann braucht sie eine feste Anlaufstelle, wo sie Beratung bekommt. Es heißt immer: Fahr doch nach Berlin! Es darf nicht sein, dass sich die ganze Infrastruktur auf Berlin konzentriert, weil die queeren Jugendlichen aus Frankfurt später alle nach Berlin ziehen.
Sylvia: So wie ich damals! Denn da gab es ja die entsprechenden Treffpunkte, wo man sich kennen lernen konnte. Ich habe ja auf dem Dorf gewohnt und 75 geheiratet, weil ich mich nicht getraut habe, dazu offen zu stehen!
Ronja: Eine Scheinehe! So sehr musste man das damals verheimlichen?
Sylvia: Ich hatte erst in Hoheneck (dem berüchtigten Frauengefängnis in Stollberg, Anm. d. Red.) mein Herz für Frauen entdeckt, da habe ich mich in eine Wärterin verliebt!
Ronja: Du warst im Gefängnis wegen Paragraph 151?  („Verbot von homosexuelle Handlungen zwischen erwachsenen und Jugendlichen“, Anm. der Red.)
Sylvia: Ne, Republikflucht! Ich habe mich mit meiner Mutter nicht verstanden und wollte zu meinem Ziehvater in West-Berlin. Ich war total unwissend, bis ich 20 war und hab mitgegröhlt auf dem Dorf: Wir sind ja warm und schwesterlich, doch warme Schwestern sind wir nicht!

Anzeige in der Wochenpost

Ronja: Ich habe bei einer Filmpremiere von Leuten gehört, wie schwierig es in der DDR für...
Sylvia: Nein, das war keine Sache der DDR. In der Stadt war man eigentlich recht frei.
Ronja: Aber hat man denn in Frankfurt andere Lesben einfach kennen lernen können?
Sylvia: Ich hab eine Annonce in die „Wochenpost“ gesetzt: „Lesbe sucht schwule und lesbische Menschen in Frankfurt“, und da hat sich einer gemeldet. Und da haben wir gemeinsam den „Klub gleichgeschlechtlich Liebender“ gegründet. Da hatten wir unseren ersten Treffpunkt hier, im Mikado. Ich hatte eigentlich nie Probleme, die Männer finden das ja nur bei Schwulen eklig; Lesben finden sie hocherotisch.
Ronja: Das ist ja Teil des Problems, dass Lesben als Sexobjekt gesehen werden.
Sylvia: Hetero-Frauen doch auch! Das führt doch nur zu Abwehr von dem ganzen Thema, wenn man ständig angegriffen reagiert.
Ronja: Ich mag es nicht, wenn man marginalisierten Gruppen wie Schulen, Transsexuellen, aber auch Schwarzen immer sagt: Seid doch ein bisschen netter! Wir haben seit Jahrhunderten so viel Gewalt erfahren, wir haben ein Recht darauf, wütend zu sein!
Sylvia: Aber dann schaukelt sich die Gewalt doch nur weiter hoch!
Ronja: Es gibt Situationen, wo du mit nett Reden nicht weiter kommst, zum Beispiel gerade in Polen. Wegen der Propaganda der Regierung denken viele Menschen, wir seien Pädophile. Queere Menschen werden auf der Straße zusammengeschlagen, auch in Slubice. Die Community versucht es da schon so lange mit „nur reden“.
Sylvia: Ich war im Gefängnis Hoheneck. Ich habe dort und zu Hause so viel Gewalt erfahren, dass ich der Gewalt abgeschworen habe. Das kann nicht der Sinn des Lebens sein, Leute zu verprügeln. Ich will diese Gewalt, die ich erfahren habe, nicht weitertragen.
Ronja: Ich bin auch niemand, der in Diskussionen Menschen verbal beleidigt. Aber ich würde auch niemanden verurteilen, der zurückbeleidigt, wenn er beleidigt wird.
Sylvia: Aber ist das auch momentan das Richtige? Immer zu schreien: Ich, ich, ich. Ich bin es, der besonders benachteiligt wird!?
Ronja: Es gibt noch viele Formen von gesellschaftlicher Diskriminierung in Deutschland, und ich finde es wichtig, auf jede einzelne aufmerksam zu machen.
Sylvia: Wir müssen in Frankfurt kleine Brötchen backen. Wir können nicht die Leute von vornherein vor den Kopf stoßen, die keine Ahnung davon haben.
Ronja: Wir können nicht immer nur das fordern, was der heteronormativen Gesellschaft ins Bild passt!
Sylvia: Das ist richtig, aber wir müssen uns mit Heterosexuellen zusammen für Toleranz einsetzen!

Radikal oder nicht?

Ronja: Junge Schwule und Lesben müssen sich erst einmal über ihre Diskriminierungserfahrungen austauschen können. Sie müssen verstehen: Ich bin kein Einzelfall, sondern das ist ein strukturelles Problem. Im akademischem Kontext werden solche Diskussionen natürlich radikaler geführt als hier im Alltag.
Sylvia: Mit Radikalisierung kommt man nie dahin, wo ich hinwill: dass es für die Leute egal ist, ob ich Lesbe bin, schwul oder transsexuell.
Ronja: Aber die queere Bewegung ist doch nur heute da, wo sie ist, weil Leute radikale Aktionen gemacht haben. So ist doch überhaupt der Christopher-
Street-Day entstanden.
Sylvia: Ich möchte nach vorn gucken, nicht immer zurück. Wir haben dank Alice Schwarzer jede Menge erreicht.
Ronja: Ich sehe sie sehr kritisch, aber ich bin den älteren Generation dankbar dafür, was sie für Frauen erreicht hat. Trotzdem muss sie auch Kritik ertragen können. Die haben damals immer noch diskriminierende Sachen im Kopf gehabt. Der Feminismus der 1. und 2. Generation hat sich zum Beispiel nicht um schwarze Frauen geschert, und andere Gruppen.

Getrennte Wege

Sylvia: Das ist der Punkt, wo sich unsere Wege trennen. Der Otto-Normalverbraucher, für den ist dieser Streit zu komplex. Die wissen schon über den Feminismus kaum was.
Ronja: Das sind ja alles Forderungen, die wir nicht an die normalen Frankfurter Zivilgesellschaft haben. Das ist ja für die Institutionen gedacht.
Sylvia: Aber wir müssen die Normalos hinter uns haben, damit wir politische Forderung stellen können. Es sollten auf jeden Fall heterosexuelle Menschen mitgehen in der Parade.
Ronja: Klar, es macht keinen Sinn, wenn eine Minderheit Krach schlägt. Wir brauchen Heteros, die uns unterstützen. Aber wenn die unsere Diskriminierungserfahrungen kommentieren wollen, werde ich sagen: Danke für deine Unterstützung. Aber du lebst nicht mein Leben!

Der große Streit


Es wird gestritten in diesem Land wie schon lange nicht mehr. Um die Maske, um Pegida, darum, ob man Witze über  Juden machen darf und welche Gruppen mehr benachteiligt werden. Der Ton  in den Auseinandersetzungen wird rauer und aggressiver, und das, obwohl die meisten keine direkten materielle Sorgen haben. Wie passt das zusammen? Was steckt hinter dem Ärger?

Mit diesen Fragen beschäftigt sich die MOZ anlässlich der ersten deutsch-polnischen Pride-Parade in Frankfurt (Oder), die ein Zeichen der Solidarität setzen soll mit Schwulen und Lesben in Polen. Aber auch die „Pride“-Organisatoren streiten sich: um das Motto „Liebe grenzenlos“ beispielsweise. Auf dieser Seite lassen wir die Streitenden selbst zu Wort kommen. Auf der folgenden Seite erklärt der Dresdner Wissenschaftler Hans Vorländer, woher die Verhärtung kommt und warum die Gesellschaft so extrem zerstritten ist.