So ist das auch mit dem Landgut in Neuendorf im Sande (Oder-Spree), das auch "Schloss" genannt wird. Dabei hat das einstmals abgebrannte, große und graue Hauptgebäude heute nur noch wenig Herrschaftliches an sich.
Früher war das anders. Eine große Freitreppe führte damals zum Haus, erzählt Harald Lordick, Mitarbeiter im Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte an der Universität Duisburg-Essen. Während einer Führung über das Gelände deutet er auf eine Tafel im Garten, die ein Foto der sogenannten "Argentinier-Gruppe 15" zeigt. Junge Männer und Frauen mit weißen Kragen, dunklen Krawatten und gescheiteltem Haar haben sich zum Gruppenfoto auf der Freitreppe aufgestellt. Auf dem Landgut haben sie sich auf ihre Auswanderung nach Lateinamerika vorbereitet. Ziel der meisten, die sich dort zwischen 1932 und 1942 in Gartenbau, Landwirtschaft und Hauswirtschaft ausbilden ließen, war jedoch Palästina.
Der historische Wert des Landgutes liegt auch darin begründet, dass viel noch so ist wie damals. Ein Pferdestall, der so aussieht wie in den 1930ern, eine einfache Wohnbaracke und weitere landwirtschaftliche Gebäude geben einen Eindruck davon, wie groß der Betrieb war. "Hier wurde nicht nur ,just for fun’ gelernt", sagt Harald Lordick und unterstreicht die Bedeutung der wenige hunderte Meter entfernten Station der Oderbruchbahn, mit der Waren nach Berlin und in verarbeitende Betriebe gebracht wurden. Die Ausbildung war hart. "Es ging hier um 3.30 Uhr los, da mussten die ersten raus", sagt Lordick.
Der Aufenthalt in Neuendorf war für die meisten ein kurzer Abschnitt im Leben. "Aber ein sehr bedeutender", betont der Sozialwissenschaftler. "Das hier war ein Nullpunkt, an dem sie von Neuem anfangen mussten." Vor 1933 wurden beispielsweise arbeitslose Jugendliche ausgebildet, doch mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich die Lage. Die Auswanderung schien vielen Jüdinnen und Juden nun die einzige Hoffnung auf Rettung zu sein. Dafür war eine geeignete Berufsausbildung ein entscheidendes Kriterium, berichtet Lordick.
Das NS-Regime habe sich gegenüber der Hachschara, der systematischen Vorbereitung auf die Auswanderung, widersprüchlich verhalten. Einerseits entsprach die Auswanderung ihren Zielen, andererseits litten solche Ausbildungsstätten unter Restriktionen. 1938 wurde auch das Gut in Neuendorf Zeuge eines Überfalls der Nazis. Eva Gillett, eine der damaligen Auszubildenden, berichtet in einem Videointerview von diesem Erlebnis. Für fünf Tage kamen die Bewohnerinnen und Bewohner in Schutzhaft, erzählt sie. "Nur die Leute, die Tiere versorgten, durften raus." Da ihr Partner im Pferdestall arbeitete, sei sie trotz der großen Gefahr nachts dorthin geschlichen, um mit ihm zu reden. Im Zuge des Überfalls wurde die Belegschaft des Gutes nach Sachsenhausen verschleppt, später jedoch wieder freigelassen.
Von 1941 bis 1943 fungierte das Gelände als Sammel- und Zwangsarbeitslager der Nazis und war für viele Jüdinnen und Juden die letzte Station vor der Deportation. Bis 1945 diente es dann als Arbeitsstätte für Kriegsgefangene. Zu DDR-Zeiten wurde es wieder als landwirtschaftlicher Betrieb genutzt.
Geschichte liegt noch im Dunklen
Viele Details aus der Geschichte des Gutes sind bis heute unbekannt. Nach und nach aber ändert sich das. Vor einem Jahr ist es dem Verein "Zusammen in Neuendorf – S.A.N.D.E." (ZuSaNe) gelungen, das Landgut von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben zu erwerben. Ein zweiter, Ende 2018 gegründeter Geschichts-Verein will sich um die Aufarbeitung des historischen Erbes kümmern und auf dem Gut einen Informations- und Gedenkort einrichten.
Einer der Zwangsarbeiter, die in Neuendorf untergebracht waren, war der spätere Moderator Hans Rosenthal (1925–1987), bekannt durch die Sendung "Dalli-Dalli". Am "Neuendorfer Dorfgespräch" Ende September nahm dessen Sohn Gert Rosenthal teil. Ursprünglich war sein Vater von der Familie zur Vorbereitung seiner Auswanderung auf das Lehrgut Jessen (Niederlausitz) geschickt worden. Nach dessen Auflösung kam Hans Rosenthal nach Neuendorf, wo er unter anderem als Totengräber auf einem Friedhof in Fürstenwalde arbeiten musste. Gert Rosenthal teilt humorvolle wie bittere Anekdoten seines Vaters. Eines Tages habe dieser ein Grab für zwei SS-Männer ausheben müssen, die bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren. Vorsichtshalber grub er 20 Zentimeter tiefer – man könne ja nie wissen. In seiner Autobiografie schrieb Hans Rosenthal: "Ich habe gedacht, dass ich wohl der einzige Jude war, der Nazis unter die Erde bringen konnte."
Neuendorfer erinnern sich noch, wie der Moderator zu DDR-Zeiten eines Tages mit seinem Auto auf dem Landgut einfuhr. "Überall haben die Gardinen gewackelt", erzählt Jörg Weilbach, der auf dem Gut aufgewachsen ist. Natürlich habe man Rosenthal aus dem Westfernsehen gekannt – aber nicht gewusst, wie man reagieren solle. Mit viel Glück, Hilfe und einem Versteck in einer Berliner Kleingartenkolonie hatte Hans Rosenthal die NS-Zeit überlebt. Er ging zum Rundfunk – um zu zeigen, dass Juden nicht anders als andere Menschen sind, erzählt Gert Rosenthal. Sein Vater wurde ein Entertainer, der sich immer auch politischen Themen widmete.
Beunruhigend sei, dass der Antisemitismus heute wieder zunehme, sagt Gert Rosenthal. Für die beiden Neuendorfer Vereine bedeutet das, sich nicht nur der Vergangenheit zu widmen – sondern auch der Frage, was zu tun ist, damit sich Geschichte nicht wiederholt. Ziel sei, eine Brücke vom Gestern ins Heute und in die Zukunft zu schlagen, betonen Tanja Tricarico und Bernd Pickert vom Verein "Geschichte hat Zukunft". An die Tradition des Gutes sollen Ausbildungsplätze im Handwerk, in der Jugendarbeit und in der biologischen Landwirtschaft anknüpfen. Unterstützung beim Aufbau erhielten die Vereine im Sommer von Wandergesellen, die unter anderem einen Spielplatz angelegt haben.
Das Landgut soll ein Ort des Austauschs werden. Wie Einheimische berichten, stand es bisher immer etwas für sich. Es gab die Kinder, die im Dorf aufwuchsen – und solche, die ihren Lebensmittelpunkt am "Schloss" hatten. "Wir haben hier die ganze Welt erforscht und sind in jedes Loch geklettert", erzählt Frank Rupnow, einer der Bewohner des Gutes. Die 16 Mietparteien haben unruhige Zeiten hinter sich. "Jeden Tag kamen irgendwelche Leute, die das Gut kaufen wollten", berichtet Rupnows Ehefrau Ramona. Vor allem die älteren Leute hätten Angst gehabt. Der ZuSaNe-Verein möchte die Bewohner bei der Entwicklung einbeziehen. Die geben sich beim Dorfgespräch abwartend und offen. Es sei gut, an die Vergangenheit zu erinnern, sagt Frank Rupnow. "Damit das hier nicht zerfällt und zu Staub wird."