Gender: Queere Themen auf der Berlinale

"Always Amber" im Panorama der Berlinale. Mehr als 40 Filme beschäftigen sich mit Fragen der Identität. Doch LGBTIQ ist in ihnen nicht das dominierende Thema.
Story ABAmber fühlt sich vor der Kamera wohl — das war schon in der Kindheit so, als der Vater ständig filmte. Weil er wusste, dass er bald sterben würde, wollte er Erinnerungen für seine Tochter schaffen. Damals wurde sie noch selbstverständlich als Mädchen angesprochen. Als Jugendliche wird „Amber“ klar, dass das Pronomen „sie“ nicht mehr passt. Mit 17 wählt Amber das schwedische, geschlechtsneutrale „hen“ für sich.
Nur einer von 40 Filmen
„Always Amber“ ist einer von mehr als 40 Filmen bei der Berlinale, die LGBTIQ — also homo–, bi– und intersexuelle sowie Transgender– oder queere — Themen berühren. Der schwedische Dokumentarfilm ist ein eindrucksvolles Beispiel für die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschlechtsidentität, weil er unmittelbar aus der jugendlichen Lebenswirklichkeit hervorgesprudelt zu kommen scheint.
Die beiden jungen Filmemacherinnen Lia Hietala und Hannah Reinikainen beziehen dabei Amber und die zweite Hauptfigur, Sebastian, bewusst in den Prozess des Filmemachens mit ein, indem sie ihnen eine Kamera in die Hand drücken. Teil des Films sind Unmengen von privaten Filmschnipseln, die Amber und ihre Freundinnen und Freunde auf Social–Media–Kanälen teilen. Die beobachtende Distanz der Regie wird eingetauscht gegen einen direkten Sprung in die Realität der Teenager.
Auffällig ist, dass bei „Always Amber“ und anderen Berlinale–Filmen, die Geschlechtsidentität nur ein Thema neben anderen ist. Der schwedische Film erzählt die universelle Geschichte einer Freundschaft. „Er war die erste Person, die mich akzeptierte, wie ich war“, sagt Amber über Sebastian. Ihre Freundschaft begann in der Kindheit — nachdem sie jemanden verloren hatten. Später merken sie, dass sie noch mehr verbindet — das Gefühl, nicht in das Korsett binärer Geschlechtsidentitäten zu passen.
Coming Out ist nicht das einzige Thema
Bei den Berlinale–Filmen geht es häufig um junge Menschen, aber das „Coming–Out“ ist nicht das bestechende Thema. Vorbei scheinen die Zeiten, in denen es in erster Linie darum geht, beispielsweise über die eigene Homosexualität sprechen zu können und Akzeptanz zu erfahren.
Amber hat eine aufgeklärte, verständnisvolle Mutter — die zumindest über das Meiste im Bilde ist, was ihr Kind so treibt. Zumindest das direkte Umfeld bildet einen sicheren, unterstützenden Rahmen dafür, ein Leben jenseits von Geschlechtszuweisungen zu führen.
Auch Leonie Krippendorff erzählt in „Kokon“ eine Geschichte, bei der nicht die Homosexualität das vordergründige Problem ist. Die 14–jährige Nora, die am Kottbusser Tor in Berlin aufwächst, ist zwar verunsichert, als sie sich in ein Mädchen verliebt. Doch viel größer ist ihre allgemeine Unsicherheit dem Leben gegenüber. Die Akzeptanz, die sie in der Beziehung findet, stärkt sie — auch wenn es eine schmerzvolle Erfahrung ist. Als sie einem Freund erzählt, sie sei in ein Mädchen verliebt, entgegnet er: „Ich finde das eigentlich cool.“ Fertig.
Auch in „Las Mil y Una“ der argentinischen Regisseurin Clarisa Navas leben drei Geschwister in einer offenen, liebevollen Umgebung. Einer der Brüder steht offensichtlich auf Männer. Die Hauptfigur Ines hingegen mag Frauen. Aber das Schwierigste für sie scheint zu sein, überhaupt erotische Anziehung zuzulassen. Sie tut so, als sei der Sport alles für sie. „Ich bin ein Engel“, sagt sie der jungen, wilden und mysteriös wirkenden Frau, in die sie verknallt ist.
Ein Hauch von Alltäglichkeit
Durch solche Erzählungen bekommen queere Themen neben allen Problemen auch etwas Leichtes und einen Hauch von Alltäglichkeit. Sie reihen sich in viele andere Fragen rund um Liebe, Erwachsenwerden und Selbstfindung ein.
Sexualität und Identität werden als etwas Fluides — und auch als etwas Schönes und Spannendes — dargestellt. Es muss dabei nicht immer alles einen Namen haben. In „Nackte Tiere“ porträtiert Melanie Waelde Jugendliche in der deutschen Provinz kurz vor dem Abitur. Sie kommen einander näher und driften voneinander weg. Die Hauptfigur, die traditionell männlich konnotierte Attribute verkörpert, ist eine Frau. Wer wen mag, wird nicht immer klar — und auch nicht, wer auf Männer oder Frauen steht. Vielleicht lässt sich das nicht immer so genau sagen. Vielleicht spielt das auch gar keine Rolle.
Faraz Shariat porträtiert in „Futur Drei“ einen Sohn iranischer Eltern in Niedersachsen, dessen Leben sich um Sex, Pop und Musik dreht. Er verliebt sich in einen iranischen Flüchtling, den er kennenlernt, weil er Sozialstunden in einer Unterkunft ableisten muss. In Alice Júnior geht es um eine junge transidente YouTuberin, die aus der brasilianischen Großstadt Recife in ein konservatives Städtchen ziehen soll.
Queere Themen spielen sich in den Berlinale–Filmen in unterschiedlichen Ländern und unterschiedlichen Kontexten ab — auf dem Land wie in der Stadt. Eine Übersicht findet sich auf der Seite des Teddy Awards, der LGBTIQ–Filmpreis, der in den Kategorien Best Feature Film, Best Documentary Film, Best Short Film, Jury Award und TEDDY Readers Award verliehen wird. Die Preisverleihung mit Party findet am 28. Februar in der Volksbühne statt.
http://www.teddyaward.tv/de/programm/