Generation: Leonie Krippendorffs „Kokon“ auf der Berlinale

Lena Urzendowsky, Lena Klenke, Elina Vildanova in Leonie Krippendorffs "Kokon". Die Regisseurin, die in Babelsberg studiert hat, erzählt von den Verwirrungen eines Sommers
Martin NeumeyerFrau Krippendorff, Sie sind selbst Berlinerin. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Ihren Film am Kottbusser Tor in Kreuzberg spielen zu lassen?
Ich habe die Geschichte erst aufs Land geschrieben und dann gemerkt, dass ich mich da zu schlecht auskenne und in Gefahr gerate, in Klischees zu verfallen. Deshalb bin ich auf den Kotti gekommen. Ich habe in Schöneberg gewohnt, aber viel Zeit in Kreuzberg verbracht und quasi im Prinzenbad aufgewachsen. Der Kotti ist ein Ort, an dem Menschen mit sehr diversen kulturellen Hintergründen neben– und miteinander leben. Und auch ein Ort, an dem viele queere Bars sind. Der kreisförmige Platz fühlt sich an wie dieses Aquarium, das Nora am Anfang des Filmes beschreibt. Ich fand, dass das eine schöne Metapher für die Jugend ist: Man ist einerseits geschützt, aber auch gefangen in kindlichem Trott und äußeren Strukturen. Gleichzeitig entwickelt man sich weiter. Von ihrem Balkon guckt Nora auf diesen eingeschlossenen Platz, aber oben ist der Himmel, die Freiheit. Mich hat auch das Umfeld interessiert — die jungen Menschen sind dort alle gleich, egal welchen Background die haben.
Die der Welt der Jugendlichen sind unterschiedliche kulturelle Hintergründe völlig normal. Wie haben Sie in dieser Lebenswirklichkeit recherchiert?
Die Jungs im Film leben alle direkt in dem Haus, in dem wir gedreht haben, oder sind zumindest in der Nähe des Kottis aufgewachsen. Wir haben ein großes Casting veranstaltet und mit vielen Jugendlichen gesprochen. In der Zusammenarbeit waren sie für mich ein Korrektiv, wenn sie beispielsweise erklärt haben: „So würden wir das nie sagen“ Oder: „Wir machen da keinen Unterschied.“ Ich war sehr dankbar, die Entscheidung getroffen zu haben, mit den Leuten von dort zu drehen.
In welchen Momenten haben die Jugendlichen Sie korrigiert?
Es heißt zum Beispiel, die Jugendlichen mit türkischem Background gehen eher ins Prinzenbad und die mit arabischem eher ins Sommerbad Neukölln. Das habe ich angesprochen, aber sie haben gesagt: Das ist Quatsch, wir hängen alle miteinander ab. Außerdem gab es viele Dialoge, die korrigiert wurden. Die Jugendlichen haben dann in ihren eigenen Worten ausgedrückt, was die Figur sagen sollte.
Die Hauptfigur, Nora, ist ein zurückhaltendes, beobachtendes Mädchen, das sich eher mitziehen lässt. Was hat Sie an dieser Figur interessiert?
Erstens finde ich, dass es in so einem rauen, lebendigen Umfeld, in dem man sich durchkämpfen muss, meistens nur sehr toughe Mädchen– oder junge Frauenfiguren gibt. Ich wollte gern ein eher passives, verletzliches Mädchen zeigen, weil die Vorsichtigen genauso ihre Überlebensstrategien entwickeln. Ein weiterer Ansatz für die Figur war, dass ich diese Veränderung auf der Schwelle zwischen Mädchen und Frau sehr körperlich darstellen wollte. Das Sujet, dass die Protagonistin zum ersten Mal ihre Tage bekommt, wird in vielen Coming–of–Age–Filmen als Nebenstrang und sehr ästhetisch dargestellt, mit einem kleinen Fleck im Slip. Das ist nicht die Realität.
„Kokon“ zeigt, was für ein überforderndes Erlebnis das ist. Und es wird deutlich, dass Nora damit sehr alleine ist. Sie guckt sich YouTube–Tutorials an, um herauszufinden, was sie machen soll…
Ja. Ich habe mir die Frage gestellt, ob bei dieser Generation, die mit Social Media großgeworden ist, eine größere Kluft zu den Erwachsenen entstanden ist als bei mir und meinen Eltern. Ich gehöre zu dieser Übergangsgeneration. In Noras Alter habe ich intime Fragen meiner Mutter gestellt. In ihrem Fall besteht zwar ein liebevolles Verhältnis zur Mutter, aber die ist sehr auf sich und ihren Alkoholismus konzentriert. Da habe ich mich gefragt: Wenn im Umfeld niemand zum Sprechen da ist, was sind dann Vor– und Nachteile davon, einfach das Internet fragen zu können?
Warum haben Sie sich entschieden, eine Liebesgeschichte zwischen zwei Mädchen zu erzählen?
Nach meinen Recherchen gibt es keinen deutschen Kinofilm, der die Liebe zwischen zwei so jungen Mädchen erzählt — was ich erstaunlich fand, weil das das Alter ist, in dem man anfängt, sich für Liebe und Sexualität zu interessieren und viele zum ersten Mal ihre Homosexualität spüren. Ich wollte diese Geschichte unbedingt erzählen, weil ich denke, es braucht Filme, mit denen man sich identifizieren kann und von denen man sich verstanden fühlt. Ich hatte auch den Anspruch, eine schöne Liebesgeschichte zu erzählen, in die man sich fallenlassen kann. Wie viele junge Lieben ist sie auch schmerzhaft, aber das Lesbischsein ist nicht per se das Problem.
Man bekommt das Gefühl, dass das jugendliche Umfeld damit lockerer umgeht als zum Beispiel die Lehrerin…
Es gibt diese Szene mit der Sexualkunde–Lehrerin, die sagt: Warte erst mal ab, du bist erst 14, da hat man so viele verschiedene Gefühle. Es ist einerseits wichtig, dass man sich jeden Tag neu erfinden darf. Andererseits ist es auch wichtig, den aktuellen Zustand aussprechen zu können und sich eine Identität geben zu können. Von der Lehrerin fühlt sich Nora nicht ernst genommen. Das geht ihr mit ihrem Bekannten Ahmad ganz anders. Er ist erstmal erstaunt: „Du bist in ein Mädchen verknallt?“ Aber dann sagt er: „Ich finde das cool.“ Mehr hat er dazu gar nicht zu sagen, aber es reicht irgendwie.
Der Film spielt in einer Generation, die sich ständig über Social–Media–Kanäle mitteilt. Auch Kokon selbst scheint mit einer Instagram-Ästhetik zu spielen?
Wir haben uns viele Gedanken gemacht, wie man die verschiedenen Formate verbindet. Es beginnt mit dem Handy–Video. Dann wechselt das Format zu 4:3. Das habe ich aber gar nicht an Instagram angelehnt gewählt, sondern eher, weil Nora am Anfang noch dieses klaustrophobische Gefühl verfolgt. Sie hat sich noch nicht richtig entfaltet. Erst, wenn sie sich in dieser Liebesgeschichte fallenlässt, fährt das Bild auf und wird ein bildfüllendes Kinoformat. Viele merken das gar nicht, was ich gut finde, weil ich glaube, dass es trotzdem spürbar ist.
Ihr Abschlussfilm „Looping“ an der Filmuniversität Babelsberg handelte von drei Frauen in der Psychiatrie. Er gewann Preise, lief auf Festivals und im Kino. Hat das Druck für diesen zweiten Film aufgebaut?
Man hört alle möglichen Sachen. Zuerst heißt es: Den ersten Langfilm zu machen, sei das schwerste. Wenn man den gemacht hat, heißt es: Der zweite ist der schwerste. Es heißt auch, der zweite sei das, woran dich alle messen. Das erzeugt natürlich Druck. Aber ich glaube, dass es ganz wichtig ist, sich davon ein bisschen frei zu machen, damit man seine innere künstlerische Stimme entwickeln kann und nicht von den äußeren Erwartungen verwirrt wird.
Was war das für ein Gefühl, mit dem Film auf der Berlinale Premiere zu feiern?
Total schön. Ich bin Berlinerin und die Berlinale ist für mich emotional sehr wichtig. Im Winter, wenn es kalt ist und man keine Kraft mehr hat, ist die Berlinale eine besondere Zeit. Deswegen ist es so schön für mich, dass der Berliner Film hier Premiere hat. Ich bin außerdem geprägt von der Sektion „Generation“. Auch die Hauptdarstellerin Lena Urzendowsky hat dort ihren ersten Film gesehen, nach dem sie aus dem Kino gekommen ist und gesagt hat: Ich möchte Schauspielerin werden. Es ist ein bisschen so, als würde sich ein Kreis schließen.
Was haben Sie als nächstes vor?
Ich schreibe an zwei Kinofilm–Projekten, über die ich noch gar nicht so viel sagen will. Es ist das erste Mal, dass ich gleichzeitig zwei Stoffe entwickele. Ansonsten wissen wir, dass Kokon eine große Festivalreise vor sich hat. Da muss ich aufpassen, dass ich die Balance halte und nicht zu viel unterwegs bin.
„Kokon“: Generation, Noch einmal 1.3. Cinemaxx 3