Geschichte
: Paradies mit dunklen Flecken - Sacrow und seine Geschichte

I"Preußens Arkadien“ nennt man Sacrow mit Schloss und Heilandskirche. Doch man lebt hier auch mit dunklen Erinnerungen.
Von
Christina Tilmann
Sacrow
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  • Wie ein Leuchtturm: die Sacrower Heilandskirche stand zu DDR-Zeiten im Grenzbereich.

    Wie ein Leuchtturm: die Sacrower Heilandskirche stand zu DDR-Zeiten im Grenzbereich.

    Christina Tilmann/MOZ
  • Abgeriegelt: Sacrow war durch die Mauer vom Wasser abgeschnitten, wer in den Ort wollte, brauchte eine Sondererlaubnis.

    Abgeriegelt: Sacrow war durch die Mauer vom Wasser abgeschnitten, wer in den Ort wollte, brauchte eine Sondererlaubnis.

    Christina Tilmann/MOZ
  • Jens Arndt, Dokumentarfilmer

    Jens Arndt, Dokumentarfilmer

    Christina Tilmann/MOZ
  • Heimspiel: Dokumentarfilmer Jens Arndt arbeitet zum dritten Mal in Sacrow.

    Heimspiel: Dokumentarfilmer Jens Arndt arbeitet zum dritten Mal in Sacrow.

    Christina Tilmann/MOZ
  • Abgeriegelt: Sacrow war durch die Mauer vom Wasser abgeschnitten, wer in den Ort wollte, brauchte eine Sondererlaubnis.

    Abgeriegelt: Sacrow war durch die Mauer vom Wasser abgeschnitten, wer in den Ort wollte, brauchte eine Sondererlaubnis.

    Jens Arndt
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Einerseits. Die andere Sicht stammt aus Interviews mit Zeitzeugen, die Arndt für ein Projekt geführt hat, das in diesem Sommer eigentlich als Ausstellung im Schloss zu sehen sein sollte. „Das verwundete Paradies“ sollte sie heißen, und was das für Verwundungen sind, zählt Thomas Friese auf. Jüdische Anwohner, die von den Nationalsozialisten aus ihren Villen an der Havel vertrieben wurden, der Umbau des Gutshauses für den NS-Funktionär Friedrich Alpers, die Abriegelung des Ortes als Grenzbereich zu DDR-Zeiten, die Nutzung von Gutspark und Gutshaus durch die Zollverwaltung der DDR samt Grenzhundausbildung. Nach 1990 erfolgte ein erneuter Austausch der Bewohner – von den ursprünglichen Sacrowern lebten vielleicht noch zehn Prozent hier, bilanziert Friese bitter. Seine Familie, die direkt am Fährsteig das Café Inselblick betrieb, bekam 1953 die Gewerbegenehmigung entzogen. Heute ist Friese Ortschronist von Sacrow, einer, der eine ganze Kiste mit Fotos und Dokumenten besitzt – und Tränen in die Augen bekommt, wenn er zurückdenkt an die ganzen Geschichten. „Im Paradies passiert so etwas nicht.“

„Häutungen der Geschichte“ nennt Jens Arndt das, und in der Tat, was in dem kaum 150 Einwohner zählenden Flecken am Ufer der Havel wie in einem Brennglas zusammenkommt, ist deutsche Geschichte in allen Facetten und allen Höhen und Tiefen. Und immer gibt es mehrere Ansichten. So erzählt der ehemalige Schloss-Kastellan Günter Voegele, der noch heute in einem Nebengebäude des Schlosses wohnt und den Kulturverein ars sacrow mitbetreut, der jeden Sommer Ausstellungen und Kulturabende im Schloss veranstaltet, wie eines Tages eine über achtzigjährige Dame im Schloss erschienen sei und erzählt habe, sie habe hier früher gewohnt – es war eine Tochter von Alpers. Doch über die Vergangenheit wollte sie so wenig sprechen wie manche andere aus dem Dorf. Es wird viel geschwiegen in Sacrow.

Einer, der gern und viel erzählt, ist der Filmproduzent Joachim von Vietinghoff, der seit 1998 im Ort lebt und sich hier offensichtlich einen späten Lebenstraum verwirklicht hat, im zauberhaft restaurierten Holzhaus mit großem Garten. Wer mit ihm durch den Ort radelt, erfährt, wo Max Raabe wohnt und wo Rosemarie Trockel, wo die Fernsehserie „Weissensee“ und der Netflix-Thriller-Reihe „Dark“ gedreht wurden, wo der Widerstandskämpfer Hans von Dohnanyi wohnte und die Ufa-Schauspielerin Jenny Jugo, deren Villa im Bauhaus-Stil immer noch traurig verfällt. Doch auch Vietinghoff sagt: „Die Narben sind Teil des Ortes“. Und prompt hält ein Autofahrer und pöbelt die Fahrrad-Gruppe an.

Für Jens Arndt, der lange in der historisch ebenso interessanten Enklave Klein-Glienicke auf der anderen Seite der Havel gelebt und geforscht hat und darüber ebenfalls eine Ausstellung und ein Buch verfasst hat, ist Sacrow ein Faszinosum. Das Gartenreich, das so brutal von der Mauer zerschnitten wurde, hatte er schon in „Gärtner führen keine Kriege“ thematisiert, hat auch einen Film gedreht über die Heilandskirche, die so lange jenseits der Mauer im Niemandsland stand, von keinem erreichbar aus Ost und West. 1989 wurde zum ersten Mal in der Kirche wieder Weihnachten gefeiert. Nun ist es noch einmal eine Tiefenbohrung geworden, die sich hauptsächlich über Zeitzeugen erzählt. Über Eva Tanner, die liebevoll ein Haus sanierte und siebzehn Jahre lang die Geschichte der Familie Redelsheimer recherchierte. Hinter einer Scheuerleiste habe sie ein Foto-Negativ mit einer jungen Frau darauf gefunden, erzählt sie im Interview, das war die Tochter der Familie. In der Bibliothek der Gedenkstätte Wannsee-Villa fand sie den Nachweis der Deportation. Tanner muss 2010 aus finanziellen Gründen dann ihr Paradies verlassen: „Das hat mir das Herz gebrochen“.

Oder über Christel Hempelmann und Ilona Lange, deren Bruder Lothar Hennig 1975 von Grenzsoldaten auf der Straße erschossen wurde, von hinten – eine Stele erinnert heute an den Ort. Nach dieser Geschichte habe lange niemand mit ihnen gesprochen, erzählen sie, man habe sie im Ort gemieden. Fluchtgeschichten gibt es einige, wer zurück blieb, hatte Angst, aus dem Ort ausgewiesen zu werden. Wie sagt einer der Befragten: „Dieses Paradies trägt auch die Hölle in sich.“

Buch & Film

Das Buch "Sacrow - das verwundete Paradies" von Jens Arndt erscheint im September im L&H-Verlag Berlin. Zeitgleich strahlt die ARD voraussichtlich am 14. September den Film aus.

Die Ausstellung, die als Teil des diesjährigen Kulturland-Brandenburg-Themenjahrs "Krieg und Frieden" ab August in Schloss Sacrow hätte gezeigt werden sollen, ist um ein Jahr verschoben und wird von August bis Dezember 2021 zum 60. Jahrestag des Mauerbaus gezeigt.

Weitere Bücher von Jens Arndt sind: "Gärtner führen keine Kriege" (L&H-Verlag 2019) und "Glienicke: Vom Schweizerdorf zum Sperrgebiet" (Nicolai, 2009).