Graphic Novel „Seid befreit“: Illustratorin Sandra Rummler über ihren Comic – Aufwachsen in Ost-Berlin

Mit nuancierten Farbspielen trotzt Sandra Rummler in ihrer Graphic Novel „Seid befreit“ selbst den heruntergekommensten Fassaden eine poetische Qualität ab.
avant verlagEs ist nicht einfach, dem Grau ein Leuchten abzugewinnen. Umso erstaunlicher, welche atmosphärische Kraft Sandra Rummlers Ost-Berliner Stadtansichten entfalten. Mit nuancierten Farbspielen trotzt die Illustratorin in ihrem Erstlingswerk „Seid befreit“ selbst den heruntergekommensten Fassaden eine poetische Qualität ab. Triste Hinterhöfe, verlassene Industriestätten, Brachen entlang der Mauer – allesamt ungeahnt schön.
Endgültig lesenswert wird die Graphic Novel „Seid befreit“ aber dank der geschilderten Coming of Age-Story über das Aufwachsen im Ost-Berlin vor und nach der Wende. In Teilen ist es Rummlers eigene Geschichte. Die Cartoonistin kam 1976 in der Hauptstadt der DDR zur Welt und verbrachte ihre Jugend dort. Ihre subjektiven Eindrücke und Erfahrungen erzählt sie aber durch die Augen von Hauptfigur Mo.
Aufwachsen mit Blick auf die Mauer
Auch Mo wächst in Ost-Berlin auf – in einer Mietskaserne mit Blick auf die Mauer. Dahinter befindet sich für die 13-Jährige der „Ort ihrer Fantasie“. Ihre Familie ist ins System der DDR fest integriert. Der Vater arbeitet für die Armee, die Mutter im Kulturministerium. Mo ist Teil einer Pioniergruppe. Täglich trainiert sie, um als Leistungssportlerin einmal Medaillen für ihr Land zu holen. Sie tut, was man von ihr verlangt: „Ich war ein stilles, verträumtes Kind. Den Erwartungen an mich, versuchte ich gerecht zu werden“, lässt Rummler sie an einer Stelle sagen.
Doch Mo sucht ihren eigenen Weg. Sie bleibt dem Training fern, schwänzt die Schule. Stattdessen zieht sie durch die Straßen Ost-Berlins, erkundet leerstehende Häuser. Die steinernen Zeugen vergessener Biografien üben eine starke Faszination auf sie aus. Nach der Wende füllen sich diese Ruinen mit Leben. Farbe hält Einzug ins Grau, sei es durch Konsumgüter oder Graffiti an den Fassaden.
Gemobbt und beschimpft als „Ossi“
An die Stelle gefühlter Verheißung, Hoffnung und Befreiung tritt jedoch schnell nüchterne Realität. Ihre neuen Mitschüler in West-Berlin, wo Mo jetzt lebt, mobben und beschimpfen sie als „Ossi“. Nazis tummeln sich auf den Straßen, auf der Suche nach dem nächsten Opfer zum Verprügeln. Der Vater wird arbeitslos, die Mutter verdingt sich als Kassiererin im Supermarkt. Noch im Erwachsenenalter findet sich Mo in einem anderen Land wieder, „ohne jemals umgezogen zu sein.“

Viel Lob für ihr Debüt "Seid befreit": Illustratorin Sandra Rummler in ihrer Wohnung in Templin.
Michael HeiderDie Graphic Novel nimmt auch Bezug zu größeren historischen Ereignissen, die Friedliche Revolution etwa. Und sie illustriert das Lebensgefühl des Nachwende-Berlins mit improvisierten Technopartys, Drogen und einer wachsenden Street-Art-Szene.
„Mir tat es gut zu sehen, was es für unterschiedliche Gefühle gab“
Für Sandra Rummler gleicht das Buch einer Aufarbeitung eigener Emotionen. „Mir tat es gut zu sehen, was es für unterschiedliche Gefühle gab“, sagt die Illustratorin in Templin, wo sie zeitweise lebt. Bis heute würde bei vielen Ostdeutschen noch Frustration übrig sein, auch sie spürte diese. „Das hängt sicher mit unbearbeiteten Gefühlen aus dieser Zeit zusammen.“ Die Arbeit an ihrem Buch half, die Trauer nicht nur wahrzunehmen, sondern ein Stück weit loszulassen, sagt Rummler. „Gefühle werden immer dann problematisch, wenn sie weggedrängt werden.“
Mit „Seid befreit“ – ein Wortspiel mit dem Pionier-Appell „Seid bereit“ – gab die Zeichnerin aber auch ihrer Faszination für Stadträume gebührenden Platz. Wie auf Rummlers Website unschwer zu erkennen ist, spielt das Thema Stadt auch sonst eine große Rolle in ihrer Kunst. „Ich habe mich schon immer für Häuser interessiert, die gelebt haben. Ich habe ja selbst so in so einem Haus gelebt, das noch Einschusslöcher vom Krieg hatte.“ Als Orientierung für die Ost-Berlin-Ansichten diente ihr ein Fotoband von Robert Paris, der seine Heimatstadt wieder und wieder dokumentierte.

Sandra Rummler: "Seid Befreit", avant, 264 S., 29 Euro
avant verlagDie vor Details und Farbspielen nur so strotzenden Stadthintergründe unterscheiden sich dabei stark zu den rudimentär gezeichneten Figuren in „Seid befreit“. Eine bewusste Entscheidung, wie Rummler gesteht. „Ich wollte einen Kontrast zur Stadt herstellen, vielleicht auch eine Irritation.“
Auf Storyboards verzichtete Rummler komplett
Drei Jahre hat es bis zum fertigen Erstlingswerk gedauert. „Ich habe einen unstrukturierten Arbeitsstil und folge mehr meinem Gefühl“, erzählt sie. Auf Storyboards, also das Skizzieren eines mehr oder weniger genauen Arbeitsplans, verzichtete die Künstlerin. „Manche Illustratoren bereiten das komplett von Anfang bis Ende vor, darauf hatte ich überhaupt keine Lust. Ich musste mir eigene Arbeitswege überlegen, um so lange dranzubleiben.“
Für ihren Stil, der mehr einer Sammlung atmosphärischer Gemälde gleicht und komplett ohne klassische Comic-Kacheln auskommt, erfährt Sandra Rummler viel Lob – und Aufmerksamkeit. Gerade letztere ist für die eher zurückgezogene Berlinerin ungewohnt. Abgeschreckt hat es die Illustratorin aber nicht. Derzeit arbeitet sie bereits an einem neuen Buchprojekt.


