Als Ratte 1984 aus dem Gefängnis im thüringischen Unterwellenborn kommt, steht die Entscheidung fest: weg hier. Raus. Einfach nur weg. Ratte ist Punk und nach einer Sprühaktion im Leipziger Plattenbauviertel Grünau im DDR-Knast gelandet. Haft für Parolen. Sieben Monate. Ratte ist zu diesem Zeitpunkt 19 Jahre alt.
„Meine Entwicklung empfand ich als völlig natürlich“, ist er auch später noch überzeugt. „Schule-Lehre-Beruf-Heiraten, ich dachte immer, so einen Weg zu gehen, das ist doch nicht normal“. Also entscheidet er sich – wie viele andere Jugendliche in der DDR – Anfang der 1980er Jahre zum Ausstieg. Er wird Punk. Aus Maik Reichenbach wird Ratte.

Fast überall in der DDR gab es seit Anfang der 1980er-Jahre Punks

Rund 1.000 von ihnen zählte der DDR-Geheimdienst, die Staatssicherheit, zu dieser Zeit. Plus 10.0000 Sympathisanten. In zahlreichen Städten des Landes gibt es kleinere oder größere Punkcliquen, Bands und Konzerte – meistens illegal, viele unter dem Dach der Kirche. Jugendklubs und Discos sind für die ausgetickte DDR-Jugend zu dieser Zeit genauso tabu wie viele Kneipen. In den Betrieben werden Punks schräg angeschaut oder offen angefeindet. Auf der Straße setzt es nicht selten gleich Prügel.

Youtube L’Attentat ist eine der bekanntesten Punk-Bands in der DDR. Maik „Ratte“ Reichenbach spielte dort den Bass.

Nachdem er die Gitterstäbe und den Stacheldraht von Unterwellenborn hinter sich gelassen hat, dauert es nicht lange, bis Ratte die Ausreise aus der DDR beantragt. Familie und Freunde würde er zurücklassen – sein Vater ist als SED-Sekretär ein hohes Tier, Ratte also ein Parteikind.

Der Vater Partei-Sekretär, der Sohn „negativ-dekadent“

„Wir hatten immer heftige Diskussionen“. Aber auch der Vater kommt ins Grübeln, als sein Sohn im Gefängnis sitzt. Die Diskussionen gehen weiter. Bis Ratte schließlich ausreisen kann, vergehen fast fünf Jahre: „Es war erlösend, aber man ließ eben auch viele Freunde hier und eine vertraute Umgebung. Ich wurde auf dem Bahnhof verabschiedet, aber auf der anderen Seite der Friedrichstraße standen dann schon wieder 20 Freunde, die mich empfingen“.
Die Geschichte von Ratte ist kein Einzelfall. Hunderte Jugendliche landeten in den 1980er-Jahren in der DDR im Gefängnis. Ihr Stempel „negativ dekadent“. Sie waren Punks, Skinheads, Heavy-Metal-Fans, Hooligans oder Friedensaktivisten; kurzum: unangepasste Jugendliche, für die nach Auffassung des SED-Regimes kein Platz in der DDR war. Alternative Lebensentwürfe und Kritik am System bestrafte der „Arbeiter- und Bauern-Staat“ oft gleichermaßen hart. Nicht wenige Jugendliche wollten freiwillig raus – nicht selten nach einem Aufenthalt im Gefängnis.
DDR-unangepasst - Punks, Blueser und Skater in Leipzig

Bildergalerie DDR-unangepasst - Punks, Blueser und Skater in Leipzig

„Freiheit für Jana, Mita und A-Micha!“ Das war eine der Parolen, die Maik „Ratte“ Reichenbach in Grünau gesprüht hatte. Jana, Mita und A-Micha waren die Mitglieder der Punkband „Namenlos“, die kurz zuvor im Knast gelandet waren. Ihre Texte waren kompromisslos, die Berliner sangen etwa über „Nazis wieder in Ostberlin“ und verglichen das Ministerium für Staatssicherheit in ihren zweieinhalb minütigen E-Gitarren-Attacken mit der Waffen-SS. Die Obrigkeit trafen die Texte wie ein Hammer, der Staat reagierte mit eiserner Faust und dem Mielke-Befehl „Härte gegen Punk“. Namenlos fielen dieser Härte ebenso zum Opfer wie Ratte und seine Freunde, die 1983 wegen der Graffiti-Sprüherei in Leipzig-Grünau verhaftet wurden.

„Haare auf Krawall“ ist eine einmalige Oral History der DDR-Jugendkulturen

Mit dabei war auch Rattes Freundin Connie Mareth. Sie wird 16 Jahre später ein Buch herausbringen: „Haare auf Krawall“. Rattes Geschichte sollte eigentlich auch drin sein, wird dann aber gestrichen. „Haare auf Krawall“ erscheint 1999 trotzdem erstmals und wird das wichtigste Zeitzeugendokument für die unangepasste Jugend im Leipzig der Spät-DDR. Punks, Breakdancer, HipHopper, Skinheads, Gruftis, Fußballfans – sie alle kommen in dieser einmaligen Oral History der DDR-Jugendkulturen ungeschönt zu Wort und berichten über eine Zeit, in der oft allein ihr Anderssein ein ganzes System heraus- und überforderte.
Haare auf Krawall - das Buch erzählt in dieser Form bislang einmalig die Geschichte verschiedener Jugendkulturen in der DDR.
Haare auf Krawall - das Buch erzählt in dieser Form bislang einmalig die Geschichte verschiedener Jugendkulturen in der DDR.
© Foto: Backroad Diaries
„Über 20 Jahre nach der Ersterscheinung liegt Haare auf Krawall endlich in erweiterter und neu gestalteter Fassung vor“, wirbt der Verlag im Winter 2020. Denn das Buch ist mittlerweile bei der vierten Auflage angekommen. Drei Zeitzeugen sind hinzugekommen. Einer davon ist Ratte.
Fügt man seine Geschichte mit der der Mitherausgeberin Connie Mareth zusammen, die in einem Kapitel des Buches selbst zu Wort kommt, ergibt sich eine Blaupause, die sehr viel aussagt über die unangepasste Jugend und über die Opposition in der DDR allgemein: Connie und Ratte waren gegen das System, blutjung und unangepasst; beide waren Punks, als man sie wegen ein paar Sprühereien ins Gefängnis steckte.

„Wir wollen raus!“ und „Wir bleiben hier!“

Aber während Ratte nach dem Knastaufenthalt in Unterwellenborn sofort die Ausreise beantragte und später tatsächlich in den Westen ging, tat die junge Connie genau das Gegenteil: Sie wollte in Leipzig etwas bewegen, eine bessere DDR, keine Flucht in den Westen. Sie war bei den ersten Montagsdemonstrationen dabei, gehörte zu den „Wir bleiben hier“-Ruferinnen und -Rufern, die auf den Montagsdemonstrationen nicht nur gegen das verhasste System, sondern auch gegen das viel zitierte „Wir wollen raus!“ anbrüllten.
Dieses wichtige Detail wird im Rückblick auf den Untergang der DDR gern übersehen. Viele (junge) Menschen wollten nicht einfach raus aus diesem Land. Sie wollten es verändern. Und von denen, die gegangen sind, sind viele auch zurückgekehrt. So wie Ratte, der heute wieder in Leipzig lebt.

Connie Mareth und Ray Schneider (Hgg.): Haare auf Krawall – Jugendsubkultur in Leipzig 1980 bis 1991


  • 352 Seiten
  • ISBN-10 : 3981602390
  • ISBN-13 : 978-3981602395
  • Verlag: Backroad Diaries (September 2020)
  • 25,90 Euro
  • bestellbar über: www.backroad-diaries.de