Sie mag für melodisches Geraune, gehauchte Hooks und lieblichen Gesang bekannt sein, doch ihr Konzert am Donnerstagabend in der Berliner Mercedes-Benz Arena startet Billie Eilish mit brachialem Popbombast. Was die von der Decke baumelnden Lautsprecher-Reihen in die Halle pusten sind treibende Beats und ein markerschütternd tief wummernder Bass. Mit „bury a friend“, einem Song aus ihrem Debütalbum „When We All Fall Asleep, Where Do We Go?“ stimmt der Superstar die ausverkaufte Arena auf eine zweistündige Mega-Show ein, an deren Ende Scharen heiser gekreischter Fans zurückbleiben.

Schon Tage vorher harrten Fans auf dem Platz vor der Mercedes-Benz Arena aus

Eilish befindet sich seit Anfang Februar auf ihrer „Happier Than Ever, The World Tour“. 77 Konzerte auf vier Kontinenten werden es bis September sein. Berlin war das letzte von nur drei Deutschlandkonzerten (den aus der Reihe laufenden Akustik-Gig Anfang Juni in Bonn nicht mitgezählt). Entsprechend groß war der Andrang. Schon Tage vorher harrten Fans – sengender Hitze zum Trotz – auf dem Platz vor der Arena aus, um sich am Konzertabend Plätze direkt vor der Bühne zu sichern.
Überhaupt die Fans. Taylor Swift hat ihre „Swifties“, Justin Bieber seine „Beliebers“ und One Direction die „Directioners“ – da grenzt es fast an ein Wunder, dass der Billie Eilish-Fandom noch ohne Eigennamen dasteht. Das vom Instagram-Handle des Stars (@wherearetheavocados) abgeleitete „Avocados“ hat sich jedenfalls nicht durchgesetzt. Dabei ist Eilish, mehr als andere aktuelle Mitglieder des Pop-Olymps, längst eine Ikone der Generation Z. Darüber herrscht auch am Donnerstag in Berlin nicht der Hauch eines Zweifels. Viele der Konzertbesucherinnen (es waren mehrheitlich weibliche) dürften jedenfalls erst in diesem Jahrtausend das Licht der Welt erblickt haben. Manche sind gar so jung, dass auch der ein oder andere Elternteil seiner Aufsichtspflicht nachkommen muss.

Wie um Himmels willen, ist ein menschliches Wesen derart begnadet?

Was sie zu sehen bekommen, ist nicht nur eine gute Show. Es ist sogar eine ziemlich fantastische. In gewisser Weise ist es fast unerhört. Wie um Himmels willen kann es sein, dass ein menschliches Wesen nicht nur musikalisch derart begnadet ist, sondern zusätzlich eine Bühnenpräsenz besitzt, die selbst Berufs-Charismatiker vom Schlage eines Mick Jaggers vor Neid erblassen lassen könnte? Je nach Rhythmus changiert Eilish zwischen Tippeln, Tanzen und Turnen. Mal rekelt sie sich lasziv, mal dehnt und krümmt sie sich wie in einem Grusel-Streifen. Beim von Trap-Beats getrtagenen „You Should See Me in a Crown“ kickt sie auch einfach mal ihre weißen Nike-Sneaker in die Luft.
Eigentlich braucht es nur sie selbst: die hochwertige, aber reduzierte Bühne in der Mercedes-Benz Arena ließ Billie Eilish ausreichend Platz für ihre energiegeladene Performance.
Eigentlich braucht es nur sie selbst: die hochwertige, aber reduzierte Bühne in der Mercedes-Benz Arena ließ Billie Eilish ausreichend Platz für ihre energiegeladene Performance.
© Foto: Matty Vogel
Umso besser, dass in Sachen Bühnenbild gleichermaßen auf Qualität wie Reduktion gesetzt wird. Die lasergeladene Lichtshow ist spektakulär, auch die riesigen Animationen auf dem Bühnenrücken sind es. Bei Songs des von Horror-Thematik durchsetzten ersten Albums bestehen letztere aus Spinnen, Zombies und anderen düsteren Wesen. Dennoch lässt man vor allem einer Show-Komponente viel Raum: Billie Eilish selbst.

Die Fans fallen einer regelrechten „Billiemania“ anheim

Und die weiß ihn zu nutzen. Immer wieder läuft die Musikerin auf dem Steg, der von der spitz zulaufenden Bühne aus durch die Menge schneidet, auf und ab. Während sich auf der Bühne Eilishs Bruder, der Multiinstrumentalist Finneas, und Schlagzeuger Andrew Marshall dezent zurückhalten, heizt die Sängerin vorne dem Publikum ein, dirigiert es regelrecht – zu den Songs passende Hinweise, wann in die Hocke gegangen und wann gesprungen wird, inklusive.
Der Beatlemania der 60er nicht unähnlich, scheinen die Fans einer regelrechten „Billiemania“ anheimzufallen: Auch jeder noch so verstohlene, kleine Schulterblick des Stars löst eine träneninduzierte Hysterie bei den Betrachteten aus. Zur Mitte des Sets lässt sich die 20-Jährige dann noch von einer Art Kran über das Publikum hinweg tragen. So kommt Eilish zwar auch den auf Tribünen platzierten Fans etwas näher, deren Gekreische zuverlässig mit der Ausrichtung des Krans wandert – der Show tut dies jedoch weniger gut. Die sonst so atemberaubende Intensität des Performance-Talents wirkt auf nur einem Quadratmeter wie eingezäunt.
Star ganz nah: per Kran schwebte Billie Eilish durch die Arena. Das Gekreische auf den Tribünen wanderte zuverlässig mit der Ausrichtung des Teleskoparms.
Star ganz nah: per Kran schwebte Billie Eilish durch die Arena. Das Gekreische auf den Tribünen wanderte zuverlässig mit der Ausrichtung des Teleskoparms.
© Foto: Matty Vogel

Eine Performerin wie ein Oxymoron

Am Ende bleibt es Klagen auf hohem Niveau. Immerhin gelingt Eilish das Kunststück, eine ganze Arena zur ausschweifenden Party zu verwandeln, ohne die Intimität eines Clubkonzerts zu opfern. Eine Performerin wie ein Oxymoron. So funktionieren wirkmächtige, aber gedeckte Songs ihres jüngsten Albums „Happier Than Ever“, etwa die akustische Ballade „Your Power“ oder das nachdenkliche „Getting Older“, in der Riesenkulisse genauso gut wie die „älteren“ von reudig-pressenden Beats getragenen Hits à la „Bad Guy“. Die Billie Eilish-Fans – wie auch immer man sie nun nennen möchte – haben eine zu Beginn von ihrem Idol ausgegebene Regel jedenfalls besonders beherzigt: „Have Fun, Bitch!“