Heinrich von Kleist
: Neues Werk? Fünf Briefe des Dichters in Innsbruck entdeckt

Fünf Briefe Heinrich von Kleists (1777-1811) sind in Innsbruck entdeckt worden. Der Sensationsfund legt nahe, dass es noch ein unbekanntes Werk von ihm geben könnte.
Von
Boris Kruse
Berlin/Frankfurt (Oder)
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Ein Auszug aus dem zweiten der fünf Briefe Heinrich von Kleists, die im Herbst 2023 im Archiv des Tiroler Landesmuseums gefunden worden sind. Der Autor fasste ihn am 23. mai 1809 in Stockerau in Niederösterreich ab. Der Adressat war Joespeh von Buol (1749-1817).

Ein Auszug aus dem zweiten der fünf Briefe Heinrich von Kleists, die im Herbst 2023 im Archiv des Tiroler Landesmuseums gefunden worden sind. Der Autor fasste ihn am 23. Mai 1809 in Stockerau in Niederösterreich ab. Der Adressat war Joespeh von Buol (1749-1817).

Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum in Innsbruck
  • Fünf unveröffentlichte Briefe von Heinrich von Kleist in Innsbruck entdeckt.
  • Die Briefe beleuchten Kleists anti-napoleonische Haltung und historische Ereignisse.
  • Enthüllung möglicher Bearbeitung von "Don Quixote" durch Kleist.
  • Fund durch den Germanisten Hermann Weiss im Tiroler Landesmuseum.
  • Briefe werfen neues Licht auf Kleists Leben und Werk.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Wer einen „Jahrhundertfund“ ankündigt, muss schon wahrlich etwas Großes zu verkünden haben, sonst wird es peinlich. Aber in diesem Falle ist das werbende Wort keineswegs zu hoch gegriffen: Gleich fünf unbekannte Briefe Heinrich von Kleists sind unlängst in einem Innsbrucker Museumsarchiv entdeckt worden.

Sie wurden der Öffentlichkeit am Donnerstag, 19. September in Berlin präsentiert. In der Freien Universität Berlin fand die Pressekonferenz statt, bei der das Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum in Innsbruck, das Kleist-Museum mit Sitz in des Dichters Geburtsstadt Frankfurt (Oder) und die Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft die Entdeckung vorstellten. Es ist der erste Fund von originalen Kleist-Handschriften seit über 100 Jahren. Das schmale, aber gewichtige Gesamtwerk des Frühverstorbenen (1777-1811) wird dadurch um einige Erklärungen reicher. Vor allem erhellen die Briefe seine politische Haltung.

Es geht um fünf Briefe, die Heinrich von Kleist zwischen Mai 1809 und Januar 1810 an Joseph Ignaz von Buol-Berenberg (1749-1817) geschrieben hatte, einen hochrangigen Militär und Diplomaten aus österreichischem Adelsgeschlecht. Von Buol sah in dem jüngeren Dichter einen Alliierten im Widerstand gegen das damalige napoleonische Besatzungsregime. Er war zunächst österreichischer Gesandter in Dresden und wurde dann nach Prag beordert. Die Germanistin Anne Fleig, Professorin an der Freien Universität Berlin und Präsidentin der Heinrich von Kleist-Gesellschaft, sprach bei der Präsentation der Briefe von einem „heimlich organisierten Widerstand gegen Napoleon“, den von Buol initiiert habe. Und von Kleist sollte Teil dieses Geheimbundes sein.

Schilderungen der Schlacht bei Aspern aus erster Hand

Zu erleben ist hier also der verbissen patriotische Heinrich von Kleist, der gegen die Besetzung Preußens durch Frankreich opponierte. „Noch stärker als bisher bekannt“, so Fleig, zeigt Kleist sich in den fünf Briefen als radikal anti-napoleonisch eingestellt. Ein paar Worte zur historischen Einordnung: Sachsen kämpfte damals im Jahr 1809, während des Fünften Koalitionskrieges, an der Seite Frankreichs gegen Österreich. „Kleist setzte in dieser Situation alle seine Hoffnungen auf Österreich“, so Anne Fleig.

Eine große Sensation des Brieffundes ist nun, dass Heinrich von Kleist darin aus erster Hand Informationen über die Schlacht bei Aspern – heute ein Stadtteil von Wien – liefert. Am Tage nach der großen Schlacht war Kleist auf eine Anhöhe bei Wien gestiegen, um Truppenbewegungen und Zerstörungen zu dokumentieren. Er würdigt die militärischen Erfolge der österreichischen Truppen dort in zwei Briefen vom 22. und 23. Mai in überschwänglichen Worten.

Flammender Patriot: Heinrich von Kleist auf einer undatierten Kreidezeichnung. Es gibt nur sehr wenige Bildnisse von dem 1811 im Alter von 34 Jahren gestorbenen Dichter.

Flammender Patriot: Heinrich von Kleist auf einer undatierten Kreidezeichnung. Es gibt nur sehr wenige Bildnisse von dem 1811 im Alter von 34 Jahren gestorbenen Dichter.

Kleist-Museum

Seine Stimmung schlägt im dritten Brief um, der vom 24. Juli 1809 datiert und den Sieg Napoleons in der Schlacht bei Wagram verhandelt. Seine Hoffnungen auf Befreiung vom napoleonischen Joch haben sich inzwischen verflüchtigt. Nicht allein in der Übermacht des französischen Gegners sieht Kleist das Verderben, sondern „in den Brüsten der Deutschen liegt ihr Feind“. Die deutsche Kleinstaaterei mit ihren Partikularinteressen hat es in seiner Sicht verhindert, dass ein kollektiver Ruck durch die besetzten Gebiete ging. Was für eine jähe Enttäuschung! Im Vorjahr hatte er noch das große Drama „Die Hermannsschlacht“ geschrieben - und gehofft, damit seine Landsleute zu einen und gegen die Besatzungsmacht aufzupeitschen. Für die Zeitgenossen war es ein Leichtes, zu erkennen, dass mit den Römern in dem Stück die Franzosen unter Napoleon gemeint waren.

Heinrich von Kleist und Don Quixote?

Im vierten Brief, datierend vom 18. August 1809 und verfasst in Prag, erwähnt der Autor ein Werk, das bislang nicht bekannt war – und es ist derzeit nicht zu beantworten, ob es Fragment geblieben ist. Kleist erwähnt hier einen „Don Quixote“, also womöglich eine geplante oder begonnene Bearbeitung des Cervantes-Stoffes. An diesem Befund dürften sich die Germanisten noch lange die Zähne ausbeißen. Und er dürfte Hoffnungen auf weitere Archivfunde befeuern.

Der fünfte Brief schließlich, datierend vom 28. Januar 1810 in Gotha, bringt ein wenig Licht in ein weitgehend unbekanntes Kapitel aus dem kurzen Leben Heinrich von Kleists. Er handelt von einer Rückreise aus Frankfurt am Main, die er aufgrund eines nicht näher bezeichneten gescheiterten Projektes unternommen habe. Auch hier dürften Literaturhistoriker den neuen Baustein ausgiebig daraufhin abklopfen, was er über Kleists Lebensstationen in dieser Zeit zu verraten vermag. Erschwerend kommt in diesem Fall allerdings hinzu, dass der intensive Briefwechsel mit von Buol aus dieser Zeit sehr lückenhaft überliefert ist – da ist schon einiges an Kombinatorik gefragt, um noch weitere Aufschlüsse zu gewinnen.

Scheiternde Projekte, militärische Niederlagen – oft ist beschrieben worden, wie sich Heinrich von Kleists Gemütszustand in dieser Zeit verfinstert hat. „Mit diesem letzten Brief sieht man schon das Lebensende aufziehen“, sagt die Berliner Germanistin Anne Fleig. Am Ende steht der wohl berühmteste Doppel-Selbstmord der Literaturgeschichte, als der Autor sich am 21. November 1811 gemeinsam mit der unheilbar krebskranken Henriette Vogel am Kleinen Wannsee erschoss.

Germanist Hermann Weiss und das Innsbrucker Museum

Entdeckt hat die Briefe der 87-jährige Germanist Hermann Weiss, der seit 1968 an der University of Michigan in Ann Arbor lehrte. „Bereits in den 1980ern erwachte mein Interesse an Buol“, sagt der über Video aus den USA zugeschaltete Weiss. Doch lange Zeit war kein Herankommen an dessen umfangreichen Nachlass, der in zwei Jahrhunderten eine wahre Odyssee hingelegt hat und noch dazu auf zwei Sammlungen verteilt worden ist, bevor vieles davon im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum eingelagert und zugänglich gemacht worden ist. Mit Hilfe eines Innsbrucker Bibliothekars gelang es, das sage und schreibe 289 Kisten umfassende Familienarchiv dort zu erschließen – und die fünf Briefe zu identifizieren. Auch zahlreiche weitere Korrespondenzen aus dem engeren Umfeld Kleists konnten darin gefunden werden.

Die erste Seite des fünften Briefes Heinrich von Kleists, der in einem Innsbrucker Museumsarchiv entdeckt worden ist. In diesem Schriftstück vom 28. Januar 1810, abgesendet in Gotha, berichtet der Dichter seinem Korrespondenzpartner Joseph von Buol von einem nicht nähre bezeichneten gescheiterten Projekt.

Die erste Seite des fünften Briefes Heinrich von Kleists, der in einem Innsbrucker Museumsarchiv entdeckt worden ist. In diesem Schriftstück vom 28. Januar 1810, abgesendet in Gotha, berichtet der Dichter seinem Korrespondenzpartner Joseph von Buol von einem nicht nähre bezeichneten gescheiterten Projekt.

Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum in Innsbruck

Die Wochen im Herbst 2023, als nach und nach die fünf Briefe auftauchten, beschreibt der emeritierte Professor als die aufregendsten in seinem langen Forscherleben: „Es ist schon großartig, wenn man etwas so Vergrabenes findet. Wenn man das nicht selbst erlebt hat, kann man es sich nicht vorstellen.“ Er habe sich „zum Teil als Detektiv gesehen. Als Literatur-Detektiv“.

Streichungen und Überschreibungen verraten einiges, sagt Barbara Gribnitz

Mehrere Experten haben sich seither über die mehr als 200 Jahre alten Papierbögen gebeugt. Die Schrift sei zum Teil sehr schwer entzifferbar gewesen; das Schriftbild gebe aber Aufschluss weit über das Inhaltliche hinaus, wie die Germanistin und Kuratorin Barbara Gribnitz von der Stiftung Kleist-Museum erklärte: „Briefe können auch als Objekte etwas über ihre Geschichte aussagen.“ Papier und Tinte, der Abstand zwischen den Wörtern sowie Streichungen und Überschreibungen – all dies gewähre Aufschluss über Kleists Befinden zum Zeitpunkt der Niederschrift.

Nicht zuletzt, sagt Anne Fleig, zeige sich Heinrich von Kleist in den fünf neu entdeckten Schriftstücken im Vergleich zu seinen frühen Briefen als „rhetorisch versierten Stilisten“.

So richtig viel gibt es von den Briefen übrigens während der Präsentation an der Freien Universität am 19. September dann doch nicht zu sehen. Der zugeschaltete Roland Sila, Bibliotheksleiter des Ferdinandeums in Innsbruck, wedelt einmal kurz mit einem handschriftlich beschriebenen Blatt vor der Kamera, das war`s. In der Pressemappe gibt es einige wenige Zitate aus den Briefen, sowie erläuternde Zusammenfassungen. Die Kleist-Forscher zelebrieren diesen Fund genüsslich und haben das Outing im Vorfeld sorgsam kuratiert. Parallel zur Präsentation erscheint das Kleist-Jahrbuch, in dem sich ein ausführlicher Aufsatz von Prof. Hermann Weiss zum Thema befindet. Und im neuen Herbstprogramm des Kleist Museums wird bereits eine Lesung der Briefe samt Kurzvorträgen angepriesen, die das Haus aus Frankfurt (Oder) im November als Gastspiel im Humboldtsaal der Staatsbibliothek zu Berlin veranstaltet.

„Kleist-Museum on Tour: Sensationelle Kleist-Funde am Sonnabend“, 16. November, Humboldtsaal der Staatsbibliothek, Unter den Linden 8, 10117 Berlin, Anmeldung unter robanus@kleist-museum.de, Uhrzeit wird noch bekanntgegeben

Anne Fleig, Barbara Gribnitz, Christian Moser, Anke Pätsch, Adrian Robanus und Martin Roussel (Hrsg.): „Kleist-Jahrbuch 2024“, J.B. Metzler, 450 S., 39,99 Euro