Herbert Dreilich: Mit seiner Stimme wurde Karat ein Erfolg über die DDR hinaus

So erinnern ihn seine Fans bis heute: Herbert Dreilich. Der Frontmann von Karat starb am 12. Dezember 2004.
Tom Maelsa/dpa- Herbert Dreilich, Frontmann von Karat, verhalf der Band zu großem Erfolg in der DDR und darüber hinaus.
- Dreilich wurde 1942 in Österreich geboren und verstarb 2004 an Leberkrebs.
- Karat, bekannt für Hits wie „Über sieben Brücken mußt du gehn“, war die zweiterfolgreichste Band der DDR.
- Dreilichs Sohn Claudius tritt heute in seine Fußstapfen als Sänger von Karat.
- Dreilichs Stimme bleibt unvergessen.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
„Wenn ein Schwan singt, lauschen die Tiere“, sang Herbert Dreilich in „Schwanenkönig“. Der Karat-Klassiker von 1980 bedient sich einer Metapher aus der Mythologie: Schwanengesang als poetische Auseinandersetzung mit dem Tod. In gewisser Weise enthält der Song aber auch ein Stück Selbstbeschreibung. Denn mit dem eigenen Gesang, der manchmal rau, oft melancholisch und immer ausdrucksstark daherkam, gilt Dreilich vielen bis heute als die Stimme der DDR-Kultband.
Wenn sich diese Stimme erhob, hingen die Menschen an Herbert Dreilichs Lippen. Ihm selbst dürfte das zum Vorteil gereicht haben. Immerhin sagte er einmal, dass er auf seinen Konzerten stets die Augen suche. Zwischen Sänger und Publikum entstand ein enges Band. Wohl auch deshalb zog er die Massen, die zu den Karat-Shows in Ost- wie Westdeutschland strömten, spielend in seinen Bann.
Herbert Dreilich: Frontmann von Karat, aber Erster unter Gleichen
Vollends fassbar wird die Persönlichkeit eines Künstlers aber erst, wenn man ihn abseits der Bühne betrachtet. Dort begegnete einem der Sänger von Karat, immerhin eine der namhaftesten Bands der DDR und eine der wenigen, die auch nach der Wende noch Erfolge feierte, oft zurückhaltend, fast schüchtern.
Da gibt es etwa den MDR-Beitrag zum 25. Bandjubiläum von Karat aus dem Jahr 2000. Für die Aufzeichnung wurden die fünf Bandmitglieder auf ein Boot gesetzt, um mit Moderatorin Ute Freudenberg die Hochs und Tiefs von Karat zu reminiszieren. Herbert Dreilich, dessen schulterlanges, ergrautes Haar im Fahrtwind weht, erinnert darin mit seinem schwarzen Pulli, aus dem ein grauer Hemdkragen spitzt, mehr an einen Oberstudienrat als an einen Rockstar. Im Gespräch ist er höflich, antwortet sehr bedacht. An keiner Stelle drängt er sich in den Vordergrund. Er war zwar Frontman, aber stets im Sinne eines primus inter pares – eines Ersten unter Gleichen.
Als Herbert Dreilich am 5. Dezember 1942 geboren wurde, war diese Rolle kaum absehbar. Nicht nur, weil er im österreichischen Mauterndorf zur Welt kam. Dort, in der beschaulich zwischen Salzburg, Innsbruck und Graz gelegenen Gemeinde, zeigte der Junge früh musikalisches Talent. Gemeinsam mit der Mutter sang er zweistimmig Kinderlieder. Später war er Teil von Schul- und Kirchenchören. Mit neun war Herbert gut genug, um die Salzburger Domspatzen auf sich aufmerksam zu machen.
Herbert Dreilich: „Ich sollte etwas Ordentliches lernen“
Doch der Vater, ein Ingenieur mit überschaubarem Hang zur Kunst, hielt von den musikalischen Ambitionen des Sohnemanns herzlich wenig. „Ich sollte etwas Ordentliches lernen“, erinnerte sich Herbert Dreilich später an die Worte seines Vaters. Der war mit seiner Familie 1959 nach Halle (Saale) gezogen, wo er sich bessere Karrierechancen erhoffte.
Statt einer musikalischen Karriere hieß es für den bald 18-jährigen Herbert also: Ausbildung. Er absolvierte eine Lehre als Gebrauchswerber und arbeitete anschließend als Schaufenstergestalter. Doch die Musik ließ ihn nie los.

Karat mit Herbert Dreilich (Mitte) am Mikrofon während eines Schülerkonzerts im Kino Babylon in Berlin-Mitte im Februar 1977.
Thomas Uhlemann/dpaFast heimlich brachte er sich Gitarre spielen bei, tüftelte auf dem heimischen Dachboden an Akkorden und Melodien. „Als wir angefangen haben mit Musik, hat jeder von uns erstmal nachgespielt“, erinnerte er sich später. Herbert Dreilich selbst hatten es vor allem Songs der Beatles, Rolling Stones und The Who angetan. Immerhin hatte vor seiner Übersiedlung in die DDR noch einige Zeit bei einer Tante in England gelebt.
Herbert Dreilich lernte an der Kaderschmiede des Ostrocks
Schließlich heuerte der Autodidakt bei verschiedenen Amateurbands an, spielte für die Jazz Youngsters in Halle, später für die Bell Boys in Leipzig, machte Musik mit Reinhard Lakomy. 1967 zog Dreilich nach Ost-Berlin, wo er sich an der Musikschule Berlin-Friedrichshain, der Kaderschmiede des Ostrocks, in Tanzmusik und Gitarre übte und seine Berufsmusiker-Lizenz machte.
In der Berliner Szene machte sich Dreilich schnell einen Namen. Auch dort spielte er in diversen Bands, darunter der Frühbesetzung der Puhdys. Auch kam er Ende der Sechziger zu den Alexanders, die mit einem Mix aus Rock und Jazz Aufsehen erregten. Dort lernte Dreilich auch Ed Swillms kennen. Die Begegnung mit dem klassisch ausgebildeten Musiker und talentierten Komponisten sollte sich als schicksalshaft erweisen. Zum Jahreswechsel 1975 formten sie aus dem, was zuvor die Gruppe Panta Rhei war, eine neue Band: Karat.
Zu Beginn sang nicht Herbert Dreilich bei Karat
Beim ersten Konzert am 22. Februar 1975 in Heidenau bei Dresden hatte Karat mit Hans-Joachim „Neumi“ Neumann zwar bereits einen Sänger. Doch Ed Swillms bestand darauf: nicht ohne Herbert Dreilich. Als Neumann nach zwei Jahren schließlich ausstieg, rückte der damals 34-Jährige, der bis dahin Gitarre spielte und die Background-Stimme lieferte, ans erste Mikrofon von Karat. Der Rest ist Geschichte.

So fing alles an: Karat alias Ulrich „Ed“ Swillms (v. l.), Hans-Joachim „Neumi“ Neumann, Henning Protzmann, Herbert Dreilich, Bernd Römer und Michael Schwandt 1976 in Ost-Berlin.
Günter Gueffroy/dpaMit Dreilich als Sänger stieg Karat zur kommerziell zweiterfolgreichsten Band der DDR hinter den Puhdys auf. Mit Songs wie „Über sieben Brücken mußt du gehn“ und Alben wie „Der blaue Planet“ feierte die Gruppe auf beiden Seiten der Mauer Erfolge. 1982 war sie die erste DDR-Band, die einen Auftritt bei „Wetten, dass..?“ hatte. Zwei Jahre später bekam Karat durch Erich Honecker der Nationalpreis für Kunst und Kultur verliehen.
Auch nach der Wende verschwand Karat nicht von der Bildfläche. Unvergessen bleiben Konzerte wie 1990 beim Open-Air-Festival auf dem Hockenheimring vor 120.000 Menschen, 1996 beim Rockpalast in der Waldbühne oder das Jubiläumskonzert zu 25 Jahren Karat in der Berliner Wuhlheide im Jahr 2000.
Das letzte Konzert fand 2003 in Neustadt (Orla) statt
Dreilich allerdings hatte ab Mitte der Neunziger bereits mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Bei einem Konzert 1997 in Magdeburg erlitt er einen Schlaganfall, von dem er sich aber wieder erholte. Dennoch fand das letzte Konzert mit ihm als Sänger nur wenige Jahre später, am 23. August 2003, in Neustadt (Orla) statt. Kurz darauf wurde bei dem 60-Jährigen ein Magengeschwür und schließlich Leberkrebs diagnostiziert. Am 12. Dezember 2004 erlag Herbert Dreilich seiner Krankheit.
Dass sein Sohn Claudius heute bei Karat am Mikrofon steht, dürfte Herbert Dreilich wohl gefallen. Dem Ersten unter Gleichen ging es schließlich stets um die Musik, nicht um die eigene Person. Dass seine Stimme heute nicht mehr erklingt, ist dennoch ein unwiederbringlicher Verlust.
Und wieder kommen die Zeilen des „Schwanenkönig“ in den Sinn, wo es heißt: „Wenn ein Schwan singt, schweigen die Tiere / Wenn ein Schwan singt, lauschen die Tiere / Und sie raunen sich leise zu, raunen sich leise zu / Es ist ein Schwanenkönig, der in Liebe stirbt“.



