Götz Rausch baut Musikinstrumente speziell für den therapeutischen Einsatz. Zu seinen Kunden zählen Psycho- und Physiotherapeuten, Musiktherapeuten, Wohneinrichtungen und Kliniken, aber auch Kindergärten. Manche seiner Saiteninstrumente sind besonders einfach zu spielen, ohne Kenntnisse von Tonleitern und Akkorden. Es sind die Schwingungen, um die es hier geht. Die beruhigende Wirkung der Klänge. Die Vibrationen breiten sich im menschlichen Körper aus – Musik als Berührung, ganz buchstäblich. Eine meditative Wirkung kann das entfalten, es soll den Zugang zu tief legenden seelischen Schichten öffnen. Ein Bewusstseinszustand zwischen Wachen, Traum und Trance.
Zwischen Instrument und Möbel
Um die gewünschte Wirkung zu erzielen, haben spezialisierte Musikinstrumentenbauer in den zurückliegenden Jahren in Zusammenarbeit mit Therapeuten eine Reihe von Innovationen ertüftelt. Klangstühle zum Beispiel, bei denen die Saiten an der Rückenlehne direkt hinter dem Rücken der Patienten gezupft werden. Oder Klangliegen. Unterhalb der Liegefläche ist eine Reihe von vorgestimmten Saiten – bei Götz Rausch sind es 64 an der Zahl – angebracht, die besonders lange und tief resonieren.
Seit jeher sei er an "meditativen Klängen aller Art" interessiert gewesen. Wohl weil er sich früh schon spirituellen Fragen gewidmet hat – etwa "herauszufinden, worum es im Leben geht", wie er das ausdrückt. Auch als Yoga-Lehrer ist er zwitweise aktiv gewesen, hat gar eine eigene Yoga-Form entwickelt.
Sein Handwerk hat Götz Rausch schließlich mit Mitte 20 bei dem Berliner Instrumentenbauer Bernhard Deutz erlernt, einem Vorreiter für therapeutische Musiziergerätschaften. Deutschland sei beim klinischen Einsatz von therapeutischen Instrumenten weiter als viele andere Länder, sagt Rausch. Heute teilt der 1973 geborene Rausch sich seine Werkstatträume in der Gemeinde Lunow-Stolzenhagen mit zwei Freunden, einem Tischler und einem Raumgestalter. Er lebt auf dem nahe gelegenen Gutshof, einem ökologisch-sozialen Wohnprojekt.
Nach rund 20 Jahren im Geschäft hat Rausch sich einen gewissen Ruf erarbeitet. Er ist in einem überschaubaren Markt gut vernetzt: "Nischenprodukte sind im Internet relativ gut zu vermarkten.". Weil jeder, der "Kotamo" oder "Sitar-Tambura" in die Suchmaske eingibt, sogleich auf seiner Webseite landet. Inzwischen blickt Rausch auch auf eigene Erfindungen und Weiterentwicklungen bestehender Instrumente zurück. Zum Beispiel seine spezielle Bauart des bereits erwähnten Kotamo. Dies ist ein Konstrukt, das drei traditionelle Saiteninstrumente in sich vereint: Das japanische Koto mit 14 Saiten, die viersaitige indische Tanpura – bekannt für ihren schnarrenden Klang – und das Monochord, das je nach Ausführung um die 30 Saiten hat.
Auf das Holz kommt es an
Den exotischen, durchdringenden Klang dieser Instrumente wissen längst nicht nur Therapeuten zu schätzen. Auch Musiker setzen die Produkte von Götz Rausch ein; er selbst ist damit auch schon konzertant aufgetreten. Meditativ, beruhigend und dennoch aufregend fremd, so klingt die Musik meist. Nachzuhören auf den Internetseiten von Rausch. Alles eine Frage nicht nur der Spielfertigkeit, sondern auch des Baumaterials. Einen Großteil der verarbeiteten Hölzer bezieht Rausch aus regionalen Wäldern. Erle vor allem, eine Baumart, die er vorrangig für die Rahmen und die Zargen seiner Instrumente verwendet. Walnuss und Buche nutzt er für kleinere Bauteile.
Besonders wichtig aber ist die Korpusdecke, denn sie entscheidet wesentlich darüber, wie gut sich die Schwingungen ausbreiten. Götz Rausch fertigt seine Decken aus dem Holz der Bergfichte an, dass er eigens aus der Schweiz importiert. Baumstamm für Baumstamm nimmt er dort in Augenschein und lässt das Holz noch vor Ort in acht Millimeter dünne Platten sägen. Es sollen ausschließlich Bäume sein, die in Nordhanglage gestanden haben – weil die wegen der geringen Sonneneinstrahlung besonders langsam wachsen. "Die klingen einfach besser", ist Rausch überzeugt. Bei der Auswahl komme ihm die Erfahrung zugute, die er vor Jahren in Eberswalde sammeln konnte, als er dort ein Semester lang an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung (HNE) im Studiengang für Forstwirtschaft eingeschrieben war. Dennoch: Ein bisschen Zufall sei immer dabei, jeder Stamm klinge anders. "Oft merke man das allerdings erst beim fertigen Instrument", so Rausch.
Ein Großteil der Bauzeit besteht aus Schleifarbeit. Mit speziellen Werkzeugen passt Rausch die Bauteile millimetergenau ein – Wirbel, Zargen, Stege und bei seiner Sitar-Tambura auch Bünde. Das Holz wird geölt, nicht lackiert. Durchschnittlich etwa 30 Stunden Arbeitszeit erfordere es, ein Instrument zu bauen. Am Ende zieht er Klavier- oder Westerngitarrensaiten auf: "Die haben einen größeren Obertonreichtum als Nylonsaiten."
Erster eigener Song mit 15 Jahren
Im Norden Hamburgs ist Götz Rausch aufgewachsen. Mit 15 Jahren kam er zur Gitarre, bald schon wurde im Schulumfeld eine Band gegründet. Seinen ersten Song hat er noch im selben Jahr geschrieben: "Drei Akkorde, und dann ging es gleich los." Lange Zeit war für ihn nicht klar, was die Oberhand gewinnen würde: ein Brotberuf oder die Musik. Am Ende ist es dann beides geworden, in gewisser Weise. Denn nebenher nimmt Rausch weiterhin Musik auf und geht sowohl mit seiner Band als auch solo auf die Bühne. Insgesamt sieben Alben hat er seit 2003 veröffentlicht, zuletzt 2019 "Wie die Zeit zerfällt". Der Pianist Dirk Flatau ist seit Jahren sein fester Begleiter.
"Es gab eine Zeit, da wünschte ich mir eine Insel auf dem Meer", so singt Götz Rausch in dem Lied "Das Boot" von 2015. Im dazugehörigen Video stapft er mit Koffer durch hohes Schilfgras, das Haar vom Wind zerzaust. Er lässt den Blick in die Ferne schweifen. Es sieht ganz so aus, als habe Rausch seine Insel gefunden. Vor seinem Umzug nach Stolzenhagen vor einigen Jahren hat er lange in Mecklenburg gelebt und dort ebenfalls Instrumente gebaut. Noch weiter davor hat er aber auch schon einige Monate in Melchow, ebenfalls im Barnim, in der Öko-Landwirtschaft gearbeitet. Was ihn am äußersten östlichen Zipfel des Landkreises Barnim fasziniert? "Die Weite der Landschaft" natürlich, und "das Gefühl, dass man hier in Stolzenhagen so ein bisschen am Ende der Welt angekommen ist". Tatsächlich ist das Dorf an der Grenze zu Polen bis heute über eine einzige gut ausgebaute Straße – und ein paar Schleichwege – zu erreichen.
Die Coronakrise habe einen "totalen Perspektivwechsel" für ihn gebracht. Vorher habe "das Geldverdienen an erster Stelle" gestanden. Jetzt geht er am Vormittag auch schon einmal zielstrebig an der Werkstatt vorbei und hängt sich stattdessen die Gitarre um, um ein paar neue Harmonien auszuprobieren, zu Texten oder die Rohfassung eines neuen Liedes aufzunehmen. "Und dann gehe ich eben nachmittags in die Werkstatt." Seine Auftraggeber "müssen jetzt auch mal drei Wochen warten", sagt er und klingt dabei sehr gelassen.
Internetauftritt als Liedermacher: www.goetzrausch.de; als Instrumentenbauer: www.meerklang-musikinstrumente.de

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