Intendant Bernd Wilms ist tot
: Was er für die Berliner Theaterszene bedeutet hat

Wie prägte Bernd Wilms das Berliner Theater? Der ehemalige Intendant des Deutschen Theaters und Maxim-Gorki-Theaters führte die Bühnen in schwierigen Zeiten zu neuer Größe.
Von
Christina Tilmann
Berlin
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Bernd Wilms: 05.01.2006, Berlin: Der damalige Intendant des Deutschen Theaters Berlin, Bernd Wilms, aufgenommen am 05.01.2006 in Berlin. ** SW-VERSION ** (zu dpa: «Deutsches Theater: Früherer Intendant Bernd Wilms gestorben») Foto: Soeren Stache/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Als Westdeutscher an Ost-Berliner Bühnen: Der damalige Intendant des Deutschen Theaters Berlin, Bernd Wilms, aufgenommen am 05.01.2006 in Berlin. Am 21. Januar ist er mit 85 Jahren verstorben.

Soeren Stache/dpa
  • Bernd Wilms, ehemaliger Intendant des Deutschen und Maxim-Gorki-Theaters, verstarb am 21. Januar mit 85 Jahren.
  • Er leitete die Berliner Bühnen nach der Wiedervereinigung und prägte sie trotz schwieriger Zeiten entscheidend.
  • Wilms schuf Erfolge wie „Berlin Alexanderplatz“ und formte starke Ensembles aus Ost- und West-Schauspielern.
  • Unter seiner Leitung wurde das Deutsche Theater 2008 „Theater des Jahres“ und erreichte künstlerische Höhen.
  • Nach seinem Abschied arbeitete er als Kurator des Hauptstadtkulturfonds und blieb bis zuletzt engagiert.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Was er Regisseuren oder Schauspielern auf der Premierenfeier sagen würde, wenn er ihr Stück nicht gelungen fand, wurde Bernd Wilms in einem Fragebogen zum 50. Jubiläum des Theatertreffens gefragt. Er würde ihnen die Hand auf die Schulter legen, ihnen freundlich in die Augen blicken und sagen: „Ach, Mensch ....“ war die Antwort.

So war Bernd Wilms. Freundlich, höflich, zugewandt. Ein Menschenfreund, der auch in schwierigen Situationen den anderen ernstnahm als Gegenüber. Und schwierige SItuationen gab es nicht wenige, für den westdeutschen Theatermann, der nach der Wiedervereinigung nacheinander zwei legendäre Ost-Berliner Bühnen leitete: erst ab 1994 das  Maxim-Gorki-Theater und dann von 2001 bis 2008 das Deutsche Theater.

Da war er frisch aus Ulm gekommen, wo er nach drei Jahren hingeworfen hatte, um gegen die Sparpläne zu protestieren, und weil sein avanciertes Programm nicht wirklich ankam beim dortigen Publikum. Und fand sich im Nachwende-Berlin auf deutlich heißerem Pflaster wieder, mitten in den Neuverteilungskämpfen der Kulturwelt, in der die Doppel-Stadt plötzlich nach Marktgesichtpunkten funktionieren sollte und die Theater einen enormen Besucherschwund erlebten. Dass Wilms, etwa mit Oliver Reeses Fassung von Döblins „Berlin Alexanderplatz“ mit Ben Becker als Franz Bieberkopf, 1999 am Gorki-Theater, da durchaus auch zu Boulevardmitteln griff und sie zu Triumphen brachte, half dem Besucherproblem. Für die Anerkennung in der Szene brauchte es mehr.

Anknüpfen an den Ruhm der DDR-Zeit

Und doch, trotz aller frühen Ost-West-Differenzen: Dass es Wilms gelungen ist, an beiden Häusern an den legendären Ruf zu DDR-Zeiten anzuknüpfen, trotz des Bedeutungsverlusts, den die für Widerstand und widerständiges Wort in der DDR so gefeierten Ost-Berliner Theater in der neuen marktwirtschaftlichen Freiheit hinnehmen mussten, ist seine große Kunst. Und sicherlich auch der freundlich-aufmerksamen Menschlichkeit zu verdanken.

Er hatte es, gerade am Deutschen Theater, mit höchst selbstbewussten Ost-Schauspielern wie Ulrich Mühe, Jürgen Holtz, Christian Grashof, Dieter Mann, Corinna Harfouch oder Jutta Wachowiak zu tun, und brachte nicht minder selbstbewusste Westdeutsche wie Ulrich Matthes, Nina Hoss, Ingo Hülsmann oder Wolfram Koch mit. Aus ihnen allen ein Ensemble zu formen, das unter Regisseuren wie Jürgen Gosch, Michael Thalheimer, Barbara Frey oder Dimiter Gotscheff das Deutsche Theater in den 2000ern - neben Frank Castorfs Volksbühne - zum spannendsten Theaterhaus Berlins zu machen, ist ein bleibender Verdienst. Wer damals die Zeit miterlebte, wurde fürs Leben geprägt.

Das hatte sicherlich auch damit zu tun, dass Wilms selbst keine Ambitionen zur Kunst hatte, sich als Manager, als Ermöglicher verstand, und offen war für höchst unterschiedliche Handschriften. Da war der strenge Formalismus und die Sprachvirtuosität eines Michael Thalheimer, der mit „Emilia Galotti“ und „Faust I“ und „Faust II“ jahrelange Dauerbrenner entwarf - der Faust-Schriftzug „Verweile doch“ stand auch nach Wilms' Abschied lange noch vor dem Deutschen Theater. Aber auch Jürgen Goschs weltenkluge Tschechow-Inszenierungen, die das ganze Ensemble wie Zuschauer auf der Bühne Platz nehmen ließen, um dann in ihre Rollen zu treten und wieder hinaus, sind unvergessene Höhepunkte der Ära Wilms.

Michael Thalheimers „Faust I“ am Deutschen Theater Berlin:

Auch Dimiter Gotscheffs Heiner Müller-Inszenierungen gehören dazu, nur wenige Jahre nach dem Tod des großen ostdeutschen Dramatikers, der an „seinem“ Berliner Ensemble keinen Platz mehr fand, aber am Deutschen Theater - und der Volksbühne - durchaus. Zu gern hätte man heute noch mal eine dieser Inszenierungen gesehen. Und selbst Filmregisseur Andreas Dresen holte er für Ödön von Horvaths „Kasimir und Karoline“ ans Theater - natürlich mit der Musik der 17 Hippies.

Ein Abschied auf der Höhe des Erfolgs

2008, im Jahr seines Abschieds, war das Deutsche Theater auf der Höhe seiner Kunst, mit Preisen überhäuft, zum „Theater des Jahres“ erklärt und mit ausverkauften Vorstellungen gesegnet. Für Bernd Wilms ging der Weg danach weiter im Dienste der Kunst, als Kurator des Hauptstadtkulturfonds, der verantwortlich war für die Förderung vieler kleiner, engagierter, freier Gruppen. Unglamourös, der Job, ganz anders als die große Bühne der Hauptstadt, aber Bernd Wilms hat auch diese Aufgabe erfüllt: freundlich, zugewandt, weitsichtig, offen für alles Neue. Bis zuletzt, als schwere Krankheit ihn belastete, blieb er so, im Gespräch und in der Begegnung. Ach, Mensch.

Bei seiner Abschiedsvorstellung im Deutschen Theater haben sie Pink Floyd gespielt, „Wish you were here“. Ob der Musikfreund und Hobby-Jazzer Wilms es sich gewünscht hat, oder ob es der Dank des Ensembles war? Zum Tod würdigt seine einstige Wirkungsstätte ihn so: „Mit seinem klugen Blick hat Bernd Wilms am Deutschen Theater eine Ära geprägt. Er hat das Haus zu großen Höhen geführt und aufgehört, als es am allerschönsten war. Das Deutsche Theater erinnert sich an ihn als einen Entdecker, Förderer und kollegialen Theaterleiter. Viele Menschen in unserem Haus sind Bernd Wilms in großer Dankbarkeit verbunden. „Verweile doch“ – der Faustsche Appell ans Leben stand über seinen Theatertüren.“ Nun ist Bernd Wilms am 21. Januar im Alter von 85 Jahren verstorben.