Interview mit Christian Alvart
: Film „Freies Land“ thematisiert Ostdeutschland um 1992

Christian Alvarts neuer Thriller handelt 30 Jahre nach der Wende von enttäuschten Hoffnungen und zeigt Perspektivlosigkeiten im Osten.
Von
Jana Reimann-Grohs
Berlin
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  • Ost und West im Einsatz: Auf der Suche nach dem Mörder stellen die ermittelnden Kommissare Markus Bach (Felix Kramer, l.) und Patrick Stein (Trystan Pütter) einen "neugierigen" Dorfbewohner zur Rede.

    Ost und West im Einsatz: Auf der Suche nach dem Mörder stellen die ermittelnden Kommissare Markus Bach (Felix Kramer, l.) und Patrick Stein (Trystan Pütter) einen "neugierigen" Dorfbewohner zur Rede.

    Verleih Telepool
  • Vielseitig: der Berliner Filmregisseur Christian Alvart

    Vielseitig: der Berliner Filmregisseur Christian Alvart

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  • Die ungleichen Ermittler Patrick Stein (Trystan Pütter, links) und Michael Bach (Felix Kramer) führt das Verschwinden zweier Mädchen in ein abgelegenes Dorf.

    Die ungleichen Ermittler Patrick Stein (Trystan Pütter, links) und Michael Bach (Felix Kramer) führt das Verschwinden zweier Mädchen in ein abgelegenes Dorf.

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  • Eine Vermisstensuche wird zum Mordfall: Die Ermittler Michael Bach (Felix Kramer, links) und Patrick Stein (Trystan Pütter) nehmen bei der Beerdigung der Opfer jeden ins Visier.

    Eine Vermisstensuche wird zum Mordfall: Die Ermittler Michael Bach (Felix Kramer, links) und Patrick Stein (Trystan Pütter) nehmen bei der Beerdigung der Opfer jeden ins Visier.

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Mit Christian Alvart ist ein Allrounder am Werk: Er schreibt Drehbuch, macht Kamera, führt Regie. Gerne auch in Hollywood. Und mag es spannend: Ob Romanze, Sciene-Fiction, Horrorfilm, Thriller oder Action-"Tatort“ – Zuschauer werden emotional mitgerissen. Am Donnerstag kommt „Freies Land“ in die Kinos. Vorab spricht Alvart darüber, warum er Ostdeutschland um 1992 thematisiert.

Herr Alvart, den Film kennzeichnet eine sehr eindrucksvolle, öde Landschaft. Steht diese für die Nachwendezeit?

Für mich ist diese Zeit eine historisch einmalige Geschichte, die im Freudentaumel unterging: So eine Riesenumwälzung löst auch Ängste aus und unterbricht Biografien – wahnsinnig schwierig für viele, die sich vielleicht nicht so gehört gefühlt haben. Auch jetzt gibt es Deindustriealisierung, zum Beispiel in der Ukraine, wo wir gedreht haben: Die Leute haben Angst um ihren Arbeitsplatz, junge gebildete Menschen verlassen das Land. Ich wollte in Bildern einfangen, wie diese Epoche endet, wie sie rostet und abgewickelt wird, Lebensläufe unterbricht.

Ist das auch ein eigenes Bild vom Osten – obwohl Sie dort nicht aufgewachsen sind?

Ich habe mir Anfang der 1990er Jahre selbst Bitterfeld, Weißenfels und Arnstadt angeschaut, will aber gar nichts eins zu eins abbilden. Mir geht es eher um Stimmungen, Atmosphäre, Gefühle. Teilweise ist es auch eine Verdichtung und Überhöhung ins Mystische. Das Bild einer Umwälzung – wie das Land verschwindet, Gewissheiten verloren gehen und Unsicherheit herrscht – in Bildern einzufangen, gelingt manchmal besser, wenn man gar nicht so akkurat ist. Ein Genre-Film hat diese Freiheit. Wenn ich verfilmen will, warum Leute weggehen, kann ich nicht zeigen, wie schön ein Picknick am Ufer des Wassers ist. Es gibt diese Seite. Aber es auch ein Gefühl von Enge und Chancenlosigkeit. Menschen träumen von woanders.

Ist diese drückende Stimmung heute noch nachvollziehbar? Kommt es eher darauf an als auf das Positive der Wende?

Nein. Darauf kommt es nicht an. Auch andere Filme mit positiven Lebensgefühlen sind berechtigt. Die bedrückende Seite ist bisher nur vernachlässigt worden. Deshalb wollten wir etwas darüber machen – vor allem spannend und unterhaltend. In der Tristesse liegt ja auch Schönheit, das Verlorensein hat Poesie. Ich bewundere Leute, die dableiben und sagen: ‚Ich harre hier aus‘.

Dennoch hat der Film das Potenzial, Albträume zu hinterlassen. An den Händen des Ex-Stasi-Kommissars Bach klebt jede Menge Blut. Trotzdem kommt er gut weg...

Ich überlasse dem Zuschauer, was er daraus macht. Wenn man sich in die Verwerfungen, Verletzungen und Demütigungen nach 1990 einlässt, finde ich es als westdeutscher Filmemacher schwer, irgendwen belehren zu wollen. Letztlich ist es auch der Bogen zur westdeutschen Gegenfigur Kommissar Stein, der ja moralisch sehr überlegen in die Geschichte einsteigt, dann aber im Verlauf bei sich selbst bemerkt, dass er auch Verfehlungen hat. Es ist wahnsinnig schwer, als Nachgeborener vor Menschen, die nicht im gleichen System gelebt haben, mit geiferndem Besserwisser-Eifer zu argumentieren. Zu schnell wird heutzutage als Nichtbetroffener geurteilt. Wir sollten das den Gerichten überlassen.

Ermitteln deshalb zwei gegensätzliche Kommissare?

Ja. Es ist natürlich auch der Filmvorlage „La Isla Mínima – Mörderland“ (2014), ein Portrait Spaniens in der Post-Franco-Ära, geschuldet. Aber in „Freies Land“ geht es um das geteilte Deutschland. Dieses brauchte jeweils einen Repräsentanten. Die Gefahr war allerdings eine zu verallgemeinerte Darstellung. Es mussten Individuen daraus gemacht werden, die so spezifisch sind, dass sie jeweils nur für einen West- oder Ostdeutschen stehen – und nicht für alle.

Steckt hinter den Figuren auch die Botschaft, zwei Systeme voneinander lernen zu lassen?

Das wäre zu politisch ausgedrückt. Mich interessiert eher, was wir alles miteinander teilen. Die Darstellung der beiden Kommissare ist viel philosophischer und empathischer angelegt. Wir urteilen harsch über gesündigte und gefallene Menschen – je nachdem was es für jede Seite bedeutet. Eine gewisse Ambivalenz und Andersartigkeit muss man aber aushalten können, den Kontext verstehen: Wie sehr ist das Individuum im System moralisch korrumpiert? Nicht jeder schafft es, mental in den Widerstand zu gehen. Die Unterhaltung über die "Wahrheit“ startet erst, wenn das Publikum den Kinosaal verlässt. Und nicht schon im Film.

"Freies Land" – ein packender Thriller

Zwei Kommissare (schockierend nahbar von Felix Kramer und Trystan Pütter gespielt) ermitteln in einem ostdeutschen Dorf zur Nachwendezeit. Zwei Schwestern sind spurlos verschwunden; sie sollen sich in den Westen abgesetzt haben. Die Ermittler treffen auf eine schweigende Gemeinschaft. Als die Leichen gefunden werden, entpuppt sich der Fall als Mordserie. "Freies Land" (102 Min.) kommt am Donnerstag ins Kino. ⇥jrg