Interview mit Filmemacher: „Kinderfilm braucht mehr Beachtung!“

Streiter für gute Kinderfilme: der Filmemacher Eberhard Görner
Thomas BergerHerr Görner, die Sichtung der nominierten Titel ist nun abgeschlossen – wie steht es in Ihren Augen um den deutschen Kinderfilm?
In Deutschland leben 80 Millionen Bürger. Zum Deutschen Filmpreis 2019 wurden zehn Filme eingereicht. In der DDR hatte die Defa den Auftrag, pro Jahr mindestens drei Kinderfilme zu produzieren – bei 16 Millionen Einwohnern. Das heißt, das derzeitige Angebot an Kinderfilmen ist eindeutig unterrepräsentiert. Das muss sich ändern! Übrigens waren beim Sichten aller Filme Berliner Schüler dabei, die gleichberechtigt mit der Jury diskutiert haben.
Was fehlt? Geld, wichtige Preise, Sendeplätze, gute Drehbücher …?
Ein gutes Drehbuch kann die Grundlage für einen sehr guten Film sein. Aber die derzeitige Erzählkultur hat meines Erachtens Defizite in der Dramaturgie und eine gewisse Scheu vor sozialer Tiefe. Der deutsche Kinderfilm braucht unbedingt mehr Beachtung in der Öffentlichkeit. Die Deutsche Filmakademie engagiert sich dafür auf vielen Gebieten. Und in der Jury haben wir diskutiert, dass der deutsche Kinderfilm eine kräftigere Förderung braucht.
Was bräuchte es filmpolitisch, damit der Kinderfilm mehr Aufmerksamkeit bekommt?
Unter anderem eine andere, genauere Bewertung in der Auswahl. Der Film „Der Junge muss an die frische Luft“ von Caroline Link ist für mich ein wunderbarer Kinderfilm. Er wurde aber für die Kategorie Spielfilm nominiert.
Was zeichnet einen guten Kinderfilm überhaupt aus ?
Es geht meines Erachtens beim Kinderfilm um eine ästhetische Erziehung, es geht um die Anregung von Fantasie, es geht um die Achtung vor der Natur, es geht um die Liebe zwischen Eltern und Kind, es geht um Freundschaften, die es zu verteidigen gilt. Es sollten die besten Produzenten, Autoren, Regisseure und Schauspieler sich dem Kinderfilm verpflichtet fühlen, denn die Kinder sind die Zukunft unserer Gesellschaft.
Was für Perspektiven sind möglicherweise unterrepräsentiert?
Das Thema Gewalt hat für mich im Kinderfilm nichts zu suchen. Was mich bedenklich stimmt, das ist die Tendenz zum Krimi-Genre. Und ein Film nach dem anderen über „Pferde und Mädchen“ scheint mir auf die Dauer keine Perspektive. Wir erleben, wie vor unseren Augen die Natur in ihrer Schöpfungsvielfalt verschwindet. Was kann ein Kind dagegen tun? Wäre das nicht ein große Geschichte?
Was läuft für Filmemacher beim Kinderfilm anders?
Wenn Schauspielern von einer Agentur eine Rolle mit der Bemerkung „Es ist aber nur ein Kinderfilm!“ angeboten wird, ist das eine filmkünstlerische Diffamierung. Ich kann mir nicht vorstellen, dass so ein Satz fällt, wenn es um einen Thriller von Til Schweiger geht.
Welcher Film war in der Kindheit Ihr Liebling?
Meine großen Kino-Erlebnisse waren die Defa-Kinderfilme „Das kalte Herz“, natürlich „Der kleine Muck“, beide Märchen nach Wilhelm Hauff, aber vor allem die wunderbaren russischen Märchenfilme wie „Die Feuerrote Blume“, „Das Märchen vom Zaren Saltan“ und „Lockendes Glück“.
Zur Person
Eberhard Görner (74) ist Autor, Dramaturg, Filmemacher und Publizist. Im Jahr 2006 saß der Mitbegründer der Fernseh-Krimireihe "Polizeiruf 110" bereits in der Spielfilm-Jury für den Deutschen Filmpreis; für Kinder hat er unter anderem die Drehbücher zu den Puppentrickfilmen "Zwerg Nase" und "Das Myrtenfräulein" (aus dem Defa-Trickfilmstudio Dresden) sowie "Schwefelschwafel" nach einer Erzählung von Elisabeth Mann Borgese geschrieben.