Nie kommt einem der Tod so nahe/ wie morgens vorm Spiegel./ Kurzfristig kaschierte Identität./ Unübersehbare Verwandtschaft.“ Das schrieb Günter Kunert in seinem Gedicht „Schlecht geschlafen“. Können diese Zeilen nicht auch für den Sinn politischen Kabaretts stehen? Doch wie verhält es sich mit den Protagonisten? Werner Finck, Wolfgang Neuss, Dietrich Kittner, Dieter Hildebrandt, Werner Schneyder sind tot. Henning Venske, Georg Schramm, Volker Pispers haben das Handtuch geworfen. Jan Böhmermann nennt den türkischen Präsidenten einen Ziegenficker. Dieter Nuhr erntet im Netz einen Shitstorm, weil er einen satirischen Blick auf das Gebaren um Greta Thunberg geworfen hat. Die in Leipzig lebende österreichische Kabarettistin Lisa Eckhart wird als Rassistin beschimpft. Der MDR trennt sich von Uwe Steimle wegen „Nestbeschmutzung“… Ist uns der Sinn für Satire, für Ironie abhanden gekommen? Silvia Fichtner sprach mit dem Kabarettisten Uwe Steimle, der demnächst in Frankfurt (Oder) gastiert.

Ein Bedürfnis nach politischem Kabarett

Herr Steimle, scheitert politisches Kabarett in diesem Land an der mangelnden Lust nachzudenken?

Ich sehe keine mangelnde Lust am Nachdenken. Zu meinen Abenden kommen bis zu 800 Zuschauer, und wäre mir das Coronavirus nicht in die Parade gefahren – alle Auftritte in diesem Sommer waren schon ausverkauft. Zeigt das nicht, dass es sehr wohl ein Bedürfnis nach politischem Kabarett gibt? Und wenn am Ende, wie kurz vor Corona in Hoyerswerda, das Publikum im Saal aufsteht und so applaudiert, dass ich den Luftstrom oben auf der Bühne merke, weist das nicht auf Seelenverwandtschaft hin? Brecht sprach von der Kunst des Zusehens. Mein Publikum beherrscht die Kunst des Zuhörens.

Der Rauswurf beim MDR

Auf Ihren Rauswurf beim MDR haben Sie aber doch sehr emotional reagiert. Das hat Sie schon gekränkt, oder?

Mir ging es dabei nicht um mich. Die Sendung „Steimles Welt“, in der es um Lebenswirklichkeit ging, um ganz normale Leute und deren Geschichten, war sehr beliebt beim Fernsehpublikum. Wenn 50.000 Menschen mit ihrer Unterschrift eine Fortsetzung fordern, dann ist das ein Zeichen. Aber nun ist es ja nicht so, dass ich mundtot gemacht bin wie einst der Conférencier O.F. Weidling in der DDR. Ich habe nach wie vor die Möglichkeit aufzutreten – auf der Bühne. Und in den zurückliegenden Monaten haben wir, ein Team und ich, geackert: „Steimles NEUE Welt“ ist mit Hilfe vieler Spenden gedreht worden und hatte am 1. September auf  YouTube Premiere. Und es gibt immer sonntags auf meiner Webseite einen „Abendgruß“.

Die Meinungsfreiheit in der Kunst gerät fast regelmäßig in die Schlagzeilen. Dieter Nuhr sieht eine „Stufe der Hysterie, in der Meinungsvielfalt weder möglich noch erwünscht“ ist, erreicht. 1975 nahm das ZDF eine Folge von Hildebrands Sendereihe „Notizen aus der Provinz“ aus dem Programm, um den „Scheibenwischer“ wurde hinter den Kulissen stets gerungen. 1986 schaltete ihn der Bayrische Rundfunk einfach mittendrin ab. Weidling haben Sie erwähnt. Lisa Fitz wird als antisemitisch beschimpft und mal von links, mal von rechts stigmatisiert. Ist die Demokratie malade?

Werner Finck hat mal gesagt: „Lächeln ist die schönste Art, dem Gegner die Zähne zu zeigen.“  Je bösartiger die anderen werden, desto weicher werde ich. Hass ist mir fremd. Ich beleidige nicht. Wenn ich aber nicht stoisch an die Reformierbarkeit der Gesellschaft glauben würde, würde ich verrückt werden. Erinnern Sie sich an Hans Christian Andersens Märchen „Die Schneekönigin“? Am Ende des Märchens schmilzt das Eis – durch die Wärme der Tränen. Was für ein Bild! Und solange das Publikum zu meinen Auftritten kommt, kann ich sicher sein, dass es sehr wohl weiß, wo mein Herz schlägt. Es weiß, dass ich mit Nazis nichts am Hut habe, auch wenn das öffentliche Medien gelegentlich suggerieren wollen. Wo landen wir, wenn man Satire, Ironie erklären muss! Opportunismus ist der Weltfeind Nummer Eins. Darüber hat Stefan Zweig ganz wunderbar geschrieben. Kann ich nur empfehlen, das mal wieder zu lesen.

Kabarettisten machen Mut

Doch warum geben so profilierte Kollegen wie Schramm, Venske, Pispers auf?

In ihrem Buch „Guten Morgen, Du Schöne“ schrieb Maxi Wander: „Es bleibt eine Frage der Kraft, wie man zum Leben steht.“ Meine Kraft erwächst nicht nur aus dem Applaus des Publikums, sondern auch aus Begegnungen. Zum Beispiel: Nach dem Auftritt in Cunewalde bei Bautzen habe ich, zwar halbtot nach der Vorstellung, noch Autogramme geschrieben. Da stand dann irgendwann ein Herr vor mir, der sagte plötzlich: „Toll, dass Sie mit einem Edding-Stift schreiben.“ Ich gucke ganz verdutzt, darauf er: „Die werden in Bautzen produziert! Ich stehe da Tag für Tag an der Maschine.“ Solche Begegnungen bedeuten mir was. Am 15. Dezember laden übrigens verschiedene Kabarettisten zu der Mutmachveranstaltung „Heute ich! Morgen Du...? Gedanken sind frei!“ in die Ballsportarena Dresden ein. Lisa Fitz wird dabei sein, Gabi Decker, ich und auch der hier an der Oder gut bekannte Lothar Bölck, der übrigens in Fürstenwalde geboren ist. Wenn jemand Lust hat – von Frankfurt ist man mit dem Zug in zweieinhalb Stunden in Dresden.

Das Besondere an Frankfurt

Nach Frankfurt kommen Sie nicht zum ersten Mal. Diesmal servieren Sie „Feinkost“. Aus welchen Zutaten?

Ursprünglich war ja der 22. März geplant, doch dann kam nicht ich, sondern Corona. Ich wollte aber unbedingt nach Frankfurt. Die Leute sind sehr aufgeschlossen, herzlich, mit gesundem Menschenverstand ausgestattet. Sie haben die Fähigkeit, Halbsätze zu ergänzen, Zwischentöne zu hören. Ich freue mich schon. Natürlich ist hier – wie überall an der Peripherie des Landes – auch zu spüren, dass man sich ziemlich allein gelassen fühlt mit den sozialen Problemen, die aus dem Wegbrechen früherer Arbeitsmöglichkeiten erwachsen und bis heute nicht kompensiert sind. Der Mensch definiert sich nun mal über die Arbeit. Vielleicht gelingt es mir, das Selbstwertgefühl zu stärken, indem ich an Zusammenhänge erinnere. Das Programm FeinKost, Fein und Ost verbunden mit dem K von Konsum, ist ein Rückblick und ein Einblick zugleich. Man muss wissen woher man kommt, um die Welt, in der man jetzt lebt, besser zu verstehen. Lassen wir uns nicht in Denkkorridore schubsen! Unabhängig denken zu dürfen – auch dafür sind wir 1989 auf die Straße gegangen. Friedrich Schiller eilt uns zu Hilfe: In seinem Drama „Don Carlos“ bittet Marquis von Posa Spaniens König Philipp II. „Geben Sie Gedankenfreiheit!“ Ich bin Kabarettist seit drei Jahrzehnten – aus Überzeugung. Ich wechsle meine Meinung nicht der Nützlichkeit wegen! Ein Land, das seinen Kasperln die Köpfe abschlägt, in dem liegen die Nerven blank.

Uwe Steimle, „FeinKost“: 18.9., 19.30 Uhr,  neuer Veranstaltungsort: Messehalle 1, Frankfurt. Bereits erworbene Karten für den ursprünglichen Veranstaltungstermin (22.3.) sind gültig, Restkarten unter 0335 4010120.

Zur Person


Uwe Steimle wird 1963 in Dresden geboren. Nach einer Berufsausbildung als Industrieschmied beginnt er 1985 ein Studium an der Theaterhochschule Hans Otto in Leipzig, das er 1989 abschließt. Theaterengagements in Dresden, Halle/S. und Erfurt folgen.

Im Fernsehen ist Uwe Steimle bereits während seiner Studienzeit zu sehen. Als Erich Honecker–Imitator bringt er nicht nur das Publikum zugehörender "Bretter" zum Lachen, sondern landet damit im ersten „Tatort“ von Peter Sodann und Bernd Michael Lade.1993 beginnt der NDR mit einem neuen „Polizeiruf 110“. Die Kommissare sind Uwe Steimle und Kurt Böwe. Nach Kurt Böwe kommt Henry Hübchen als Partner. Es folgen Angebote fürs Fernsehen und Kino, etwa im Kinofilm „Sushi in Suhl“. 

1989 wird Steimle Mitglied des Dresdner Kabaretts Herkuleskeule. Das Wort „Ostalgie“ geht auf Steimles gleichnamiges Programm von 1992 zurück. Für seine Kabarettprogramme erhält er 2003 den Salzburger Stier. „Steimles Welt“, seit 2013 vom MDR Fernsehen produziert, wird Ende 2019 abgesetzt. Eine Online-Petition für die Wiederaufnahme der Sendung unterzeichneten über 50.000 Menschen