Es wird wieder laut im kleinen Dorf Jamel bei Wismar in Nordwestmecklenburg. Das „Jamel rockt den Förster“-Festival ist spätestens seit 2015 weit über die Grenzen der kleinen Gemeinde hinaus bekannt und wartet neben hochkarätigen Musikstars vor allem mit einer klaren politischen Aussage auf: „Für die demokratische, offene Gesellschaft ohne Hass, Rassismus und Ausgrenzung“.
Das Line-Up ist wie jedes Jahr eine Überraschung. „Wer auftreten wird, halten wir wie gewohnt geheim. In diesem Jahr lassen mein Mann und ich uns sogar selbst überraschen“, erklärt Initiatorin Birgit Lohmeyer. „Wir vertrauen da voll und ganz unserem Booking-Team.“
„Ich glaube, das wird eine richtig große fette Jubiläumsparty für uns alle und darauf freuen wir uns schon total“, sagt Lohmeyer. Das Festival fand vor 15 Jahren zum ersten Mal statt, um auf die starke Neonazi-Szene in dem Ort aufmerksam zu machen. Damit das Dorf nicht von Zuschauern überrannt wird, wird nie vorher mitgeteilt, welche Musiker erwartet werden.Das Konzept habe sich bewährt, so Lohmeyer, „damit alle, die nicht nur an den fantastischen Bands, sondern auch an der politischen Aussage des Festivals interessiert sind, die Chance haben, Tickets zu bekommen.“
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Besucher sollten keinesfalls spontan anreisen

Neben der Musik gibt es wieder viele Infostände, Workshops, einen Film und zum ersten Mal eine Kleinkunstbühne für die Auftritte lokaler Künstler im Rahmenprogramm. Tickets gibt es ausschließlich online. „Wir weisen noch einmal ausdrücklich darauf hin, dass es keine Abendkasse vor Ort gibt“, so Lohmeyer. Eine spontane Anreise wäre also nicht lohneswert, „denn wir können hier in unserem Sackgassendorf niemanden ohne Ticket aufs Gelände lassen.“
Mit 3500 angebotenen Tickets hoffen die Veranstalter, in diesem Jahr sogar mehr Menschen anzulocken als im Vor-Pandemie-Jahr 2019. Der Ticketverkauf war wie auch bei anderen Festivals in Mecklenburg-Vorpommern etwas schleppender verlaufen. Daher hatten viele ehemalige Stargäste wie Die Toten Hosen, die Antilopengang oder die Beatsteaks auf ihren Social-Media-Kanälen Werbung gemacht. Die Toten Hosen schrieben: „Unsere Empfehlung für eine Veranstaltung, bei der jeder mal gewesen sein sollte!“ Antilopengang-Mitglied Danger Dan war erst im vergangenen Jahr gemeinsam mit Pianist Igor Levit zu Gast.
Horst und Birgit Lohmeyer – er Musiker, sie Schriftstellerin – übernahmen 2004 den idyllisch am Waldrand gelegenen Forsthof im Wismarer Umland. In den Folgejahren zogen mehrere Familien aus der rechtsradikalen Szene nach Jamel und begannen, das Dorf nach ihrem völkischen Ideal zu prägen, Andersdenkende zu drangsalieren und zu verfolgen. Seither engagieren sich die Lohmeyers aktiv und lautstark für Demokratie und Toleranz, da in ihrem Heimatdorf die bekennenden Nazis nun 95 Prozent der Bevölkerung stellen.
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Brandanschlag auf den Hof sorgte für traurige Berühmtheit

Ab 2007 beschlossen die Lohmeyers mit öffentlichen Veranstaltungen gegen die Abschottung ihres Dorfes und dessen Vereinnahmung durch die Rechtsradikalen vorzugehen und öffneten zum ersten Mal die Pforten ihres Hofes für die Öffentlichkeit. Als 2015 ein Brandanschlag auf dem Gelände der Lohmeyers verübt wurde, bei dem beinahe auch das Wohnhaus der Lohmeyers den Flammen zum Opfer fiel, hat das Festival an Popularität massiv gewonnen. Mittlerweile ist aus dem reinen Musikfestival ein Festival mit gesellschaftspolitischem Informations- und Workshopprogramm, hoher Medienpräsenz und vielen berühmten Musikerinnen und Musikern geworden.