Die Überraschungen lauern schon im Detail, in scheinbaren Randerscheinungen: Da gibt es in diesem Jahr auf dem Jazzfest Berlin keine Männer- und keine Frauentoiletten mehr, sondern, laut überklebten Türschildern, WCs „mit Urinal“ und „ohne Urinal“. Große Verwirrung bei vielen Gästen. Aber ja, die Ordner ermutigen das Publikum dazu, sich nicht entlang irgendwelcher Gender-Kategorien auf die Aborte zu verteilen, sondern nach eigenem Gutdünken. So liefert das Jazzfest in diesem Jahr im Haus der Festspiele einen ganz praktischen Beitrag zu den aktuell so intensiv geführten Identitätsdebatten ab.
Wie es ja im Jazz ohnehin eher um die sinnliche Ebene geht und nicht so sehr um den theoretischen Diskurs. Das Jazzfest Berlin war schon immer ein guter Ort für Veränderungen, für Neues, für Unerwartbares. Auch im 59. Durchlauf halten die Verantwortlichen von den Berliner Festspielen augenscheinlich an dieser Maßgabe fest. Und stellen erneut unter Beweis, dass die Reihe nach sechs Jahrzehnten noch nicht zum alten Eisen gehört.

Tomeka Reid spielt Rares von Julius Hemphill

Auftakt am Donnerstagabend, 18 Uhr mit der Cellistin Tomeka Reid aus den USA. Für ihr Streichquartett hat sie selten gehörte Arrangements aus der Feder des US-Saxofonisten Julius Hemphill (1938-1995) ausgewählt. Zum Teil basieren diese Arrangements auf Motiven aus der Feder des Bassisten Charles Mingus.
Haus der Festspiele, 3. November 2022: Das Hemphill Stringtet unter Leitung der Cellistin Tomeka Reid spielt zum Festivalauftakt des Jazzfestes Berlin am Arrangements aus der Feder von Julius Hemphill.
Haus der Festspiele, 3. November 2022: Das Hemphill Stringtet unter Leitung der Cellistin Tomeka Reid spielt zum Festivalauftakt des Jazzfestes Berlin am Arrangements aus der Feder von Julius Hemphill.
© Foto: Camille Blake
Es sind sehr konzentrierte und spannungsreiche, manchmal aber auch ganz einfache, melodieverliebte Stücke, die das Hemphill Stringtet, wie die 45-jährige Reid ihre Gruppe mit zwei Violinen, Bratsche und eben ihrem Cello getauft hat, zu Gehör bringt. In den fordernden Passagen erinnern ihre Aneignungen, die die vier Musikerinnen und Musiker spielen, fast ein bisschen an Igor Strawinsky. Ein spannender Auftakt, der dem Publikum gleichwohl hohe Konzentration abverlangt. Kräftiger Jubel.

Das Erweckungserlebnis des Hamid Drake

Weiter geht es mit einem Septett, das der Schlagzeuger Hamid Drake um sich geschart hat. Für sein Programm hat der 1955 im US-Bundesstaat Louisiana geborene Virtuose ein sehr persönliches Erlebnis zum Ausgang genommen: Als 16-Jähriger hat er Alice Coltrane (1937-2007) kennengelernt. Die Begegnung mit der Pianistin habe seinen Weg zum Musikerleben maßgeblich beeinflusst, wie Drake in einem der Stücke erklärt. Es ist der Versuch einer musikalisch-spirituellen Annäherung an die Gattin und Witwe von John Coltrane, die mit ihrem sphärischen Spiel, ihren Arpeggio-Läufen und lang gehaltenen Tönen nicht nur auf den Ethno-Jazz großen Einfluss ausgeübt hat.
Spirituell: Der Schlagzeuger Hamid Drake erzählt beim Jazzfest Berlin von seiner Begegnung mit der Pianistin Alice Coltrane.
Spirituell: Der Schlagzeuger Hamid Drake erzählt beim Jazzfest Berlin von seiner Begegnung mit der Pianistin Alice Coltrane.
© Foto: Camille Blake
Glanzmomente in diesem Set sind das lange Solo von Hamid Drake – was für ein ungeheuer präzise und leichthändig spielender Schlagwerker! – aber auch seiner Mitstreiter Pasquale Mirra am Vibraphon und Joshua Abrams am Kontrabass. Schöne Akzente setzen die syrische Flötistin Naïssam Jalal und der norwegische Elektronik-Klangkünstler Jan Bang. Sehr schön auch die Hammond-Orgel- und Fender-Rhodes-Läufe von Jamie Saft und die Trompete von Sheila Maurice-Grey.
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Auftragswerk mit Elektronika

Zum Abschluss des ersten großen Konzertblockes beim diesjährigen Jazzfest kommt der US-Pianist Craig Taborn, Jahrgang 1970, mit seiner Band auf die Bühne. Das experimentierfreudige, gleichwohl sicher zusammenspielende Quartett führt hier zum allerersten Mal eine Auftragskomposition auf, die auf Bestellung der Berliner Festspiele für diesen Anlass entstanden ist. Ein sehr atmosphärisches, atonales Werk mit komplexen rhythmischen Wechseln, aber auch mit reduzierten Momenten – die vier Darbietenden halten jederzeit die Spannung. Mat Maneri spielt die Geige, Kontrabassist Nick Dunston und Schlagwerkerin Sofia Borges ergänzen ihr Instrumentarium ebenso um elektronische Zutaten wie Taborn selbst.
Haus der Festspiele Berlin, 3. November 2022: Der Pianist Craig Taborn (l.) spielt mit seinem Quartett eine Auftragskomposition, die beim Jazzfest erstmals zu hören ist.
Haus der Festspiele Berlin, 3. November 2022: Der Pianist Craig Taborn (l.) spielt mit seinem Quartett eine Auftragskomposition, die beim Jazzfest erstmals zu hören ist.
© Foto: Camille Blake
In ihrer Einleitung zum diesjährigen Jazzfest sprechen die Festivalmacher um Programmchefin Nadin Deventer vom Jazz als „einer Strömung, die immer schon von Migration, Veränderung und Dialog geprägt war“. Das ist sicher nicht falsch, und die Auswahl der eingeladenen Musizierenden wird diesem Anspruch allemal gerecht. Man darf gespannt sein auf die folgenden Konzertabende, in denen zum Beispiel Schlagzeuger Hamid Drake noch einmal zu erleben sein wird, dieses Mal gemeinsam mit dem Saxofonisten Peter Brötzmann, mit dem er bereits im Jahr 2001 ein Album veröffentlicht hat (Freitag, 4. November, Großer Saal im Haus der Festspiele).
Jazzfest Berlin noch bis Sonntag, 6. November 2022. Info: www.berliner-festspiele.de