Komposition oder Improvisation? Es sind diese ewigen Antipoden in der Musik, die sich als treibende Kräfte hinter dem Schaffen von Markus Stockhausen erweisen. Im vergangenen Jahr hat der Kölner Trompeter mit seiner Begleitband ein opulentes Triple-Album veröffentlicht, „Tales“, auf dem die Stücke gegliedert sind in die Bereiche „composition“ (eine CD) und „improvisation“ (zwei CDs). Am Freitag (18.11.) gastiert Stockhausen mit seinem Quartett bei den 21. Fürstenwalder Jazztagen in der dortigen Kulturfabrik. Zu hören sind voraussichtlich etliche Stücke von „Tales“, aber auch ältere Werke und freie Improvisationen.
Es überrascht, wie konzentriert und artikuliert auch die frei improvisierten Stücke auf „Tales“ geraten sind. Das Album liefert Lehrstunden darin, wie ein musikalisches Kollektiv durch hochsensibles Zusammenspiel gemeinsam agieren kann – mit dem Resultat, dass die einzelnen Instrumentalisten in ihren Soloparts fabelhaft aufeinander reagieren, sich ergänzen und sich an den richtigen Stellen auch einmal zurücknehmen können. Es sind Stücke, die eine große meditative Qualität entfalten. Begleitet wird der Bandleader von der eher ungewöhnlichen Instrumentierung aus Klavier, Schlagzeug und Cello (statt Bass).
Markus Stockhausen (2. v. l.) mit seinem aktuellen Quartett
Markus Stockhausen (2. v. l.) mit seinem aktuellen Quartett
© Foto: André Elbing

Drei CDs in zweimal drei Tagen

Erstaunlich komplex und in sauberer Klangqualität sind die Stücke ausgearbeitet, die Stockhausen und seine Mitstreiter in zwei Sessions von jeweils drei Tagen Dauer eingespielt haben. Dabei ging eine Hälfte für die frei improvisierten Werke drauf, während die komplexeren ausnotierten Werke, obwohl sie nur eine CD einnehmen, ebenfalls drei Tage Einspielzeit benötigten. Die Musiker hatten Zeit, es war die Corona-Auszeit.
Natürlich unterscheiden sich Komponiertes und Improvisiertes dennoch. In den Worten Stockhausens: „Tonartwechsel zum Beispiel können in der improvisierten Musik nicht so kurzfristig von allen Musikern abgenommen werden. Kleine harmonische Schemata werden spontan erfunden, oder wir spielen modal, also auf eine Tonleiter bezogen.“ Komplexe Tonartwechsel und Akkordprogressionen und komplexere Formverläufe, die die Kompositionen auszeichnen, bleiben bei den Improvisationen naturgemäß aus. Für den Hörer erstaunlich, dass die Musiker sich vor ihren Improvisationen nicht absprachen, sondern alle Entscheidungen im Moment trafen.

Von Free Jazz bis Klassik

Markus Stockhausen; Jahrgang 1957, ist ein vielseitiger Musiker, der nicht nur in der deutschen Jazzszene zu den großen Namen gehört. Im Spannungsfeld zwischen ausnotierter, „klassischer“ Musik und dem abenteuerlichen Aufbruch ins gänzlich Ungewisse pendelt sein Schaffen seit Beginn seiner musikalischen Laufbahn.
Markus Stockhausen auf einer undatierten älteren Aufnahme in seiner Heimatstadt Köln
Markus Stockhausen auf einer undatierten älteren Aufnahme in seiner Heimatstadt Köln
© Foto: Rolf Zavelberg
Als Musiker mit einem großen Namen ist ihm zudem ein echtes Kunststück gelungen: Kaum jemand zieht in Beiträgen und Äußerungen über Markus Stockhausen heute noch Parallelen zu seinem Vater Karlheinz Stockhausen (1928-2007), einem der wichtigsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Der Sprung aus dem Schatten des scheinbar übermächtigen Vaters ist ihm im Laufe der Jahre sehr elegant gelungen. Doch spätestens mit frühen Meisterwerken wie dem Trio-Album „Continuum“, das Markus Stockhausen im Jahr 1983 gemeinsam mit dem Pianisten Rainer Brüninghaus und dem Schlagzeuger Fredy Studer in Oslo aufgenommen hat, war klar, dass die Musikwelt hier eine ganz eigene, innovative Stimme hinzugewonnen hat.
In der Vergangenheit hat er unter anderem auch Auftragskompositionen geliefert, zum Beispiel für den evangelischen Kirchentag 2007 in Köln („Abendglühen“). Prägende Lehrjahre hatte Stockhausen bei dem Trompeter Manfred Schoof, der vor allem im Free Jazz bahnbrechende Einspielungen veröffentlicht und mehrere Ensembles wie das Manfred Schoof Orchestra leitete, eine Big Band, bei der Markus Stockhausen zeitweilig die Lead-Trompete spielte.
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Zum Free Jazz hatte Stockhausen allerdings keine wirkliche Vorliebe, weil der sich „ästhetisch in einem sehr engen Raum“ bewege. Es sei für ihn eine „zeitgebundene und fast anarchische Musik, die versucht sich durch Energie und Chaos abzusetzen von allem anderen“. Markus aber nahm den Faden der Intuitiven Musik seines Vaters auf und entwickelte ihn weiter, was auf vielen Einspielungen dokumentiert ist („Possible Worlds“, „Karta“, „Ritual“, „Spaces & Spheres“, „Wild Life“).

Von Vorbildern und vom Vater losgelöst

Wenn Stockhausen über frühe Vorbilder spricht, gerät er ins Schwärmen. Freddie Hubbard, Kenny Wheeler und natürlich Miles Davis – das seien wichtige Einflüsse gewesen. Auch der Niederländer Ack van Rooyen und der Däne Palle Mikkelborg seien wichtig für ihn gewesen. Über den Punkt, sich über Vorbilder zu definieren, ist er freilich längst hinaus.
Für seinen kristallklaren Ton wird Markus Stockhausen seit Jahren von Kritikern und Fans gewürdigt. Da schnarrt nichts, da kommen keine heiser gehauchten Klänge aus dem Horn, da werden Töne auch nicht rachitisch weggehechelt – die Melodien kommen stets sehr artikuliert und klar aus dem Instrument. Dieser distinkte Ton ist nicht für umsonst zu haben. „Zwei Stunden Proben pro Tag“ seien unabdingbar, um sich den geschmeidigen Ton zu erhalten. Als Auszeichnung erhielt er 2021 den Deutschen Jazzpreis als bester Blechbläser.

Kritik an Corona-Schutzmaßnahmen

Mit großer Sorge blickt Stockhausen auf den gegenwärtigen Kulturbetrieb, der durch die Corona-Pandemie nachhaltig aus dem Geleise geraten ist. Er selbst merkt am schleppenden Konzert-Booking, dass die Situation schwieriger geworden ist. Das Publikum kommt nicht mehr so zahlreich wie früher: „Es hat tatsächlich eine Entwöhnung stattgefunden.“ Noch dazu leiden jetzt auch die Konzertveranstalter unter den steigenden Energiepreisen. Aber er ist zuversichtlich, denn das Erlebnis der Live-Konzerte sei durch nichts zu ersetzen.
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Stockhausen hat sich in der Vergangenheit mehrfach kritisch über die strikten Corona-Beschränkungen geäußert, die Ungeimpfte diskriminierten und ausschlossen. Auch solche, die begründete Argumente für ihre Skepsis gegenüber Schutzmaßnahmen wie Impfen und Isolation vorbringen würden: „Jeder sollte seine eigene Entscheidung treffen dürfen.“ Der Trompeter sprach sich in dieser Debatte aus „für mehr Dialog, Respekt und Eigenverantwortung“. Auf seiner persönlichen Website gibt er naturheilkundliche Ratschläge zum Vorbeugen gegenüber Corona-Erkrankungen und zur Stärkung des Immunsystems.
Auch zum Krieg in der Ukraine hat Markus Stockhausen eine Meinung, die vom derzeitigen gesellschaftlichen Mainstream in Deutschland abweicht: „Ich bin Pazifist. Jede Waffe, die tötet, ist eine zu viel.“
Markus Stockhausen Group am Freitag (18.11.) um 19 Uhr in der Kulturfabrik Fürstenwalde; Programm und Info: https://fwkv.de, Website von Markus Stockhausen: www.markusstockhausen.de