Jubiläum: 30 Jahre MOZ - ein Gespräch
Kerstin Macht: Sascha, ich habe das Archiv durchforstet – du hast erstaunlich viele Spuren hinterlassen in den 30 Jahren, seit es die „Märkische Oderzeitung“ gibt. Warst du in deinen ersten Lebensjahren eher passiv beteiligt – wir brauchten deine Schwester und dich zum Beispiel als Fotoobjekte zur Illustrierung eines Beitrages – wurde bald auch über dich berichtet. Als Zwölfjähriger hast du den Vorlesewettbewerb auf Stadt- und Landesebene gewonnen und fuhrst als Vertreter Brandenburgs zum Bundesentscheid nach Frankfurt/Main. In dieser Zeit fingst du an, dich ernsthaft mit dem Schreiben zu beschäftigen. Es folgten Schreibwerkstätten in verschiedenen Orten Brandenburgs, von den meisten wurde auch in den jeweiligen Lokalausgaben berichtet. Später warst du eine Zeit lang Mitglied in der Jugendredaktion des „Frankfurter Stadtboten“. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Bericht über eine Luftgitarrenmeisterschaft. Die Zeitung war in unserer Familie immer präsent, schon zum Frühstück blätterten dein Vater und ich darin. Ich kann allerdings nicht genau sagen, wann du mit dem Zeitungslesen begonnen hast.
Sascha Macht: Dass ich immer schon ein eifriger Zeitungsleser war, ist nicht die erste Kindheitserinnerung, die mir in den Sinn kommen würde. Ich glaube, es hatte eher etwas mit dem Lesen an sich zu tun: Ob Romane oder Lokalnachrichten, ob Gedichte oder Feuilleton – ich hatte immer das Gefühl, etwas erfahren zu wollen, und deshalb lese ich auch immer noch sehr viel, meistens querbeet. Im Übrigen mache ich da bis heute keine großen Unterschiede – der Journalismus erzählt mir genauso etwas über die Welt wie die Literatur, nur die jeweiligen Werkzeuge dafür unterscheiden sich. Meistens ist es sogar so, dass mir Zeitungsartikel oder Dokumentationen im Fernsehen erst die Ideen für einen literarischen Text liefern.
Anfang der 1990er-Jahre nannte sich die „Märkische Oderzeitung“ „Heimatzeitung mit Herz“ oder auch „Brandenburger Zeitung für das Land von Berlin bis zur Oder“. Ich musste mich erst daran gewöhnen, nun im Land Brandenburg zu Hause zu sein und die drei ehemaligen DDR-Bezirke Potsdam, Frankfurt (Oder) und Cottbus als ein neues Ganzes wahrzunehmen. Heute fühle ich mich als Brandenburgerin. Wenn ich in Frankfurt den Bahnhofsvorplatz betrete, dann bin ich einfach wieder zu Hause. Du bist in Frankfurt aufgewachsen, lebst aber inzwischen seit vielen Jahren in Leipzig. Im vergangenen Jahr warst du als Burgschreiber von Beeskow wieder einmal längere Zeit in der Region. In deinen Kolumnen für die MOZ spielte auch der Heimatbegriff eine Rolle, ebenso wie in den Beeskower Fiktionen, einer Gesprächsrunde auf der Burg Beeskow, zu der du den Schriftsteller Christian Bangel, der in Frankfurt aufgewachsen ist, den jetzigen Burgschreiber Stefan Hornbach und meinen ehemaligen Kollegen Uwe Stiehler eingeladen hattest. Ihr habt über den Heimatbegriff debattiert, euch aber nicht festgelegt, was genau das für euch bedeutet.
Das lag auch daran, dass wir einhellig der Meinung waren, dass jeder von uns eine eigene und sehr persönliche Vorstellung vom schwierigen Begriff der „Heimat“ hat, der ja nicht mit dem Begriff der „Herkunft“ gleichzusetzen ist. Ich kann für mich nur schwer formulieren, warum genau ich eine besondere Beziehung zu Brandenburg und Frankfurt (Oder) verspüre, zu Sachsen und Leipzig jedoch irgendwie nicht. So interessiert mich zum Beispiel alles, was in und rund um Berlin passiert, viel mehr als das, was in Sachsen so vor sich geht. Möglicherweise lebe ich ja vielleicht irgendwann einmal in Moldawien und fange dann an, dieses Land als meine „Heimat“ zu bezeichnen – wer weiß das schon? Vielleicht hat das aber alles auch bloß mit einer mir eigentlich unbegreiflichen Art von Heimweh zu tun, die mich dazu verführt, eher „Brandenburg aktuell“ beim rbb zu schauen als die Abendnachrichten des MDR. Du siehst: Heimat ist was sehr Kompliziertes. Sehr problematisch wird der Heimatbegriff für mich, wenn er darauf abzielt, andere Menschen bewusst ausschließen zu wollen, weil sie in irgendeiner Weise nicht zu den eigenen Vorstellungen einer „Heimat“ passen. Dann verweigert man diesem Begriff nämlich seine positive Qualität: Ein Begriff zu sein, den jeder für sich so gestalten kann, wie er es gerne möchte – und seien die eigenen Gefühle im Hinblick darauf noch so vertrackt.
Ich erinnere mich, dass du einmal gefragt wurdest, ob du denn auch Journalist werden willst. Du hast das vehement abgelehnt, „weil man dann ja nur Tatsachen schreiben dürfe“. Du wolltest deine eigenen literarischen Welten erschaffen. So heißt es in deiner Burgschreiber-Kolumne „Pizzafleischbrötchen“ zum Beispiel: „Journalismus und Literatur aber sind so grundverschieden wie ein Glas Tee und eine Flasche Schnaps, ... , ein Vogel und ein Traktor. Der Journalismus hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Wirklichkeit zu archivieren und relevante Vorgänge darin kommentierend zu begleiten. Die Literatur hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Wirklichkeit über den Haufen zu werfen und zu schauen, was dann davon noch übrig bleibt ...“ Was möchtest du mit deinen Romanen beim Leser erreichen?
Der wichtigste Unterschied zwischen Journalismus und Literatur ist in meinen Augen folgender: Der Journalismus stellt immer die Frage danach, was gerade auf der Welt so los ist; die Literatur stellt immer die Frage danach, was da noch sein könnte. Dabei beziehen sich beide grundsätzlich auf das, was da ist – also auf die Wirklichkeit –, ziehen aber andere Schlüsse daraus. Während der Journalismus den Menschen die Welt erklärt, macht die Literatur den Menschen die Welt erfahrbar. Erfahrung erfordert jedoch eine kräftezehrende gedankliche Mitarbeit, denn die Vermittlung von Informationen, die ein Roman, ein Theaterstück oder ein Gedicht leistet, funktioniert nur dann, wenn die Leserinnen und Leser diese Informationen mit ihren eigenen Gedanken und Empfindungen dazu verknüpfen. Oder kurz gesagt: Ohne Leser keine Literatur. Die Nachricht, die in der Zeitung steht, braucht eigentlich niemanden, der sie liest – sie ist ja als Ereignis schon passiert auf der Welt.
Die Medienlandschaft ist im Wandel und auch eine Regionalzeitung wie die MOZ ist davon betroffen. Als aus dem damaligen „Neuen Tag“ die „Märkische Oderzeitung“ wurde, war tägliches Zeitunglesen für die meisten noch selbstverständlich. Gerade in den Jahren nach der politischen Wende informierte die Zeitung nicht nur über aktuelle Ereignisse, sie hatte auch eine wichtige Orientierungsfunktion. Deine Generation informiert sich heute eher in den sozialen Medien, das Smartphone ersetzt die gedruckte Zeitung. Was meinst du, welche Zukunft eine Zeitung wie die MOZ hat? Hat sie überhaupt eine?
Ich glaube schon, wenn auch vielleicht in einer ganz anderen Form als die, in der wir sie heute noch kennen. Das Bedürfnis nach Informationen ist ja seit dem Aufstieg der Internets nicht weniger geworden – nur die Rahmenbedingungen haben sich komplett verändert. Dass es immer eine Nachfrage nach Druckerzeugnissen geben wird, davon bin ich überzeugt – sie ist eben nur nicht mehr so hoch wie noch vor dreißig Jahren. Wäre es nicht cool, ein Online-Portal für Lokalnachrichten zu haben, in dem den Bürgern aller Altersstufen, Firmen, Bildungseinrichtungen und Kulturinstitutionen der Region die Möglichkeit gegeben wird, sich zu vernetzen? Oder die Druckausgabe der MOZ nur noch am Sonnabend erscheinen zu lassen, aber dafür in umfangreicherer Form, mit politischen Analysen, Reportagen, Kulturberichten? Ich glaube, es geht jetzt darum, Ideen zu entwickeln und Experimente zu wagen, auch und gerade weil es keine Gewissheit auf Erfolg gibt.


