Kino
: Ein Regisseur greift ins Leben ein

1989 gedreht und 1990 prämiert, ist die Defa-Tragikomödie „Motivsuche“ heute fast vergessen. Jetzt wird sie noch einmal gezeigt.
Von
Camillo Kupke
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Anfang 1990 wurde der Film Motivsuche auf dem – westdeutschen – Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken aufgeführt und dort mit dem Spezialpreis geehrt.

Oliver Dietze/dpa

Doch dann überlegen es sich die Protagonisten anders. Und Rüdiger, der mitten im Leben filmen wollte, sieht sich gezwungen, zunehmend mitten ins Leben einzugreifen, damit er doch noch zu seinem Film kommt. Wobei er sich immer weiter verrennt …

In den letzten Monaten der SED-Herrschaft, im Sommer 1989, drehte der Ost-Berliner Defa-Regisseur Dietmar Hochmuth mit „Motivsuche“ eine so intelligente wie vergnügliche Tragikomödie über das Filmemachen und die Frage, wie weit Dokumentarfilmer auf das Gezeigte Einfluss nehmen dürfen – oder dies unwillkürlich tun. Neben dem Zusammenprall von Intellektuellen und Proletariat thematisiert Hochmuths Film auch die nach wie vor aktuelle Frage, wie unsicher die behagliche Existenz in der Mittelschicht oft ist.

Blick ins Berlin der späten 80er

Nicht zuletzt bietet „Motivsuche“ ein spannendes Bild davon, wie es im Ost-Berlin der späten 1980er-Jahre aussah und wie es sich dort lebte. Davon überzeugen können sich Besucher des Berliner Brotfabrikkinos. Dort wird der heute weitgehend unbekannte Film in der kommenden Woche noch einmal an drei Abenden gezeigt. Bei der ersten Aufführung am 13. Januar wird auch Hoch­­­­muth anwesend sein und seine halbstündige Dokumentation „Motivsuche – Schluss­klappe ’95“ präsentieren. Darin erkundete der Regisseur fünf Jahre nach den Dreharbeiten, was aus den wichtig­sten Darstellern seines Filmes geworden war.

Anfang 1990 auf dem – westdeutschen – Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken aufgeführt und dort mit dem Spezialpreis geehrt, zählte „Motivsuche“ bei seinem Kinostart im Sommer 1990 zu jenen Defa-Produktionen, die ein Jahr zuvor nicht nur in der DDR Aufsehen erregt hätten, nun aber vielen überholt schienen. Inzwischen war die SED-Diktatur zusammengebrochen, so mancher hielt die Geschichte eines Regisseurs, der endlich sein Können zeigen möchte und sich dabei heftig vergaloppiert, für veraltet. So ließen sich Publikum wie Kritik einen ungewöhnlichen Defa-Film entgehen: voll geistreicher Zitate und dezenter Experimente, mit zahlreichen Laien, an Originalschauplätzen in Berlin gedreht – und mit dem einen oder anderen Gag. Dazu gehört etwa der Auftritt des damaligen Rektors der Babelsberger Filmhochschule und späteren Linke-Politikers Lothar Bisky ­(1941–2013), der in „Motivsuche“ Rüdigers Chef Gerd spielt.

Wie viele Spielfilmregisseure der Defa konnte auch der 1954 geborene Hochmuth sein Schaffen im wiedervereinten Deutschland nicht angemessen fortsetzen. Nach dem Ende der DDR-Filmschmiede ist er als Regisseur – hauptsächlich fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen –, als Produzent, Autor, Herausgeber, Übersetzer sowie als Dozent und Ausstellungskurator tätig.

Dass Hochmuths „Motivsuche“ jetzt noch einmal auf die große Leinwand kommt, ist Berlin-Film-Katalog zu verdanken. Dieses vom Journalisten und Filmhistoriker Jan Gympel initiierte Projekt hat es sich zur Aufgabe gemacht, eine Datenbank zu erstellen, in der sämtliche Filme, die in Berlin gedreht wurden oder in Berlin spielen, zu erfassen. Und einmal im Monat wird im Brotfabrikkino eine Berliner Film-Rarität gezeigt.

„Motivsuche“: Filmvorführungen 13.–15.1., jeweils 18 Uhr, Brotfabrikkino, Caligariplatz 1, Berlin-Weißensee, Tel. 030 4714001