Kleist-Preisträger
: „Ein Wahnsinns-Glücksfall“

Arbeiter, die unter sklavenähnlichen Bedingungen in einem Bergwerk schuften. Ein Baby, das auf der Bühne totgetreten wird.
Von
Antje Scherer
Frankfurt (Oder)
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Neuer Träger des Kleist-Förderpreises: Offiziell wird Peter Thiers, Jahrgang 1991, im Oktober bei den Kleist-Festtagen geehrt.

Winfried Mausolf

Durchgesetzt hat sich, das wurde am Donnerstag auf einer Pressekonferenz mitgeteilt, Peter Thiers (27) mit seinem Erstlingswerk „Warten auf Sturm“. Das „monumentale Debüt“ sei eine „überzeugende Parabel des modernen Arbeitslebens“, heißt es in der Begründung der Jury. Es spielt im Bergbau in einer dystopischen Welt. Dort rackert sich der „Chor der Cleaner“ täglich 18 Stunden lang in giftigen Dämpfen und völliger Dunkelheit ab, um denen über Tage zu Wohlstand zu verhelfen. Aber auch dort oben ist keiner glücklich; das wird rasch klar, als auf dem Hof zwei Familien aufeinandertreffen.

Auch wenn die Cleaner Coltan aus dem Berg kratzen, das in der Realität im Kongo unter ebenfalls abstoßenden Bedingungen für Smartphones aus der Erde geholt wird, gehe es in dem Stück nicht eins zu eins um Dinge, die man „auch auf Spiegel Online nachlesen kann“, betont Thiers. Das Bergwerk steht eher symbolisch für das Gefangensein in einer Arbeitswelt, die Raubbau an Mensch und Natur betreibt und die unterschiedlichsten Abhängigkeitsverhältnisse hervorbringt.

Das Stück könnte in der Gegenwart oder der nahen Zukunft spielen; die genaue Zeit und der Ort bleiben absichtlich vage. Unmenschliche Arbeitsbedingungen gebe es auch bei uns, so Thiers, und die Schere zwischen Arm und Reich gehe immer weiter auf. Ihn treiben die scheinbar unumstößlichen Gesetze des Kapitalismus und die Frage nach Formen der Solidarität um. Er habe sich beim Schreiben viel mit dystopischen Klassikern wie George Orwell und Aldous Huxley beschäftigt, erzählt Thiers: „Da geht es 98 Prozent der Menschen schlecht und zwei Prozent gut – das kommt einem doch bekannt vor.“

Florian Vogel, Vorsitzender der Jury, erzählt, dass es selbst nach der Einigung auf das Stück noch Gesprächsbedarf innerhalb der Jury gegeben habe – „einfach, weil immer neue Ebenen auftauchen“.

Thiers, der 1991 in Gera geboren wurde und in Rostock aufgewachsen ist, bezeichnete den Preis als „große Ehre“. Er sei voller Vorfreude zu erleben, wie die Figuren, mit denen er „zwei oder drei Jahre“ recht einsam gerungen habe,  auf der Bühne lebendig werden. Er kennt den Theaterbetrieb aus vielen Perspektiven: Er hat als Poetry-Slammer selbst schon auf der Bühne gestanden, hat in Leipzig und Hamburg Dramaturgie studiert, inszeniert und arbeitet aktuell im Hauptberuf als Regieassistent am Thalia Theater (Hamburg).

Inszenieren wird das Stück das Staatstheater Cottbus. Dramaturg Lukas Pohlmann, der auch in der Jury saß, bezeichnete den Text als „Wahnsinns-Glücksfall“. Man habe ja mit der Einwilligung, das Preisträgerstück zu produzieren, eine „Katze im Sack gekauft“. Jetzt „passen Dinge auf wundersame Weise unglaublich zusammen“, das sei so überhaupt nicht zu erwarten gewesen. Ein Stück, das im Bergwerk spiele, in der Lausitz zu spielen, so etwas könne man sich gar nicht erträumen. Darüber hinaus seien die Figuren wunderbar gezeichnet, sei das Stück geprägt von enormer formaler Stärke und großem sprachlichen Bewusstsein.

Man versuche,  unter dem neuen Schauspieldirektor Jo Fabian mit Gegenwartsstücken Wirklichkeit wahrzunehmen und zugleich darüber hinaus zu verweisen – „Warten auf Sturm“ passe exakt in dieses Programm. Und sei eine „wunderbare Voraussetzung, um mit dem Publikum in Kontakt zu kommen“.

Die offizielle Preisverleihung findet zur Eröffnung der Kleist-Festtage am 17. Oktober statt. Am selben Abend  erlebt auch das Stück seine Frankfurter Premiere (die Uraufführung ist bereits am 28. September in Cottbus). Die Kooperation mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen ist nach acht Jahren beendet.

Es könnte gut sein, dass Frankfurt den Preisträger darüber hinaus noch aus einer anderen Perspektive kennenlernen wird – als Peter Thiers am Rande der Pressekonferenz erzählt, dass er wahnsinnig gerne mal Kleist – „diesen fantastischen Autor“ – inszenieren würde, sagt Florian Vogel spontan: „Dann mach das hier!“.