15 Minuten täglich, so lautet die Empfehlung der Stiftung Lesen. Davon aber sind die Deutschen weit entfernt. Fast ein Drittel der Eltern lese nie oder nur selten vor, bedauert Simone Ehmig von der Stiftung. Die Folge: Die Kinder bringen eine Bildungsbenachteiligung in die Schule mit, die sie später nur sehr schwer aufholen können. Jeder fünfte Grundschüler habe Probleme beim Lesen. Um darauf aufmerksam zu machen, wie wichtig Vorlesen ist – und wie viel Freude Bücher bereiten können –, richtet die Stiftung jedes Jahr im November den Vorlesetag aus. Auch an diesem Freitag werden sich wieder Hunderttausende Vorleser und Zuhörer an dieser Aktion beteiligen.
Eine immense Rolle spielt der Umgang mit Büchern zu Hause, da sind sich alle Fachleute einig. Vor allem beim Vorlesen fördern Eltern das Sprachvermögen und damit die spätere Lesekompetenz ihrer Kinder. "Wichtig ist nicht unbedingt der Inhalt der Bücher, sondern die Gespräche über das Gelesene, also der Umgang mit Sprache und die Reflexion", betont der Göttinger Psychologe Sascha Schroeder. Denn Vorlesen ist auch das gemeinsame Betrachten und Entdecken von Wimmelbildern oder das vereinte Reimen und Spielen mit Wörtern.
Virtuelle Vorleser wie Alexa, Siri und Co. können das Gespräch mit den Eltern nicht ersetzen, Lesen auf Smartphone und Tablet ebenso wenig. Der Ulmer Neurowissenschaftler Manfred Spitzer vertritt sogar die Position, wonach digitale Medien in Kindergärten und Grundschulen nichts zu suchen hätten. Sie würden der Sprachentwicklung schaden und zu Störungen der Aufmerksamkeit führen. Der Tübinger Hirnforscher Peter Gertjes sieht das ähnlich: "Lesen im Internet ist anstrengender und oberflächlicher. Ressourcen, die für ein tiefes Lesen nötig wären, werden durch Klicken und Multimedia verschwendet." Auch er favorisiert das Lesen auf Papier: "Was man dabei lernt – Konzentration, Gedankengänge länger verfolgen –, erweitert das Gehirn."