Kolumne
: Immer kürzer?

Die Liebhaber alter Rockmusik beobachten es schon länger: Lieder, die in den Charts erfolgreich sind, werden immer kürzer.
Von
Camillo Kupke
Berlin
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Camillo Kupke wünscht sich wieder mehr Aufmerksamkeit beim Musikhören

MMH/Gerd Markert

Songs mit epischen instrumentalen Intros wie in Guns N’ Roses’ „November Rain“ oder Led Zeppelins „Stairway To Heaven" – mit einer Gesamtlänge von acht und mehr Minuten eh ausufernd — sind äußerst selten, zumindest aber weniger hitlistentauglich geworden.

Das, was die Fans des klassischen Rock argwöhnisch vermuten, ist eine durch Studien belegte Tatsache. Zwischen 2013 und 2018 wurden die Songs in den US–Charts im Durchschnitt 20 Sekunden kürzer und liegen jetzt bei 3.30 Minuten, berichtete das Wirtschaftsportal qz.com. Die durchschnittliche Länge von Intros sei seit Mitte der 80er von 20 auf heute fünf Sekunden gesunken. Sind die Songschreiber träger geworden? Oder wir Hörer ungeduldiger?

Die Gründe sind komplex. Wenn es eine Hauptursache gibt, dann ist es der Kampf um Aufmerksamkeit, der durch die technologische Entwicklung immer härter wird. qz.com macht dafür vor allem die Streamingdienste verantwortlich. Durch Spotify und Co. sind Millionen Songs immer und überall abrufbereit. Das führt dazu, dass sich Hörer nur noch selten Zeit nehmen, ein Album konzentriert durchzuhören. Im Buhlen um Aufmerksamkeit müssen Lieder einerseits auffallen, andererseits vertraut wirken. Denn Vertrautes ist eingänglicher. An Fremdartiges muss man sich erst gewöhnen, das wiederum erfordert Zeit, Muße, Konzentration.

Wir haben aber keine Geduld mehr. Und Musik ist kein Einzelfall. Tatsächlich scheint die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne kürzer zu werden. „Wir stehen nur fünf Minuten in der Schlange im Café, doch schon diese fünf Minuten sind zu viel. Wir fühlen uns gestresst und holen unser Handy raus“, beschreibt der Psychologe Marc Wittmann ein vielen bekanntes Phänomen. Das Smartphone biete Ablenkung. Allerdings bleibe von den oberflächlich aufgenommenen Informationen kaum etwas hängen.

Das beobachtet auch die Kommunikationswissenschaftlerin Bianca Kellner–Zotz: „Wir verlieren den Blick für das Wesentliche, lassen uns ständig von Reizen überfluten.“ Sie rät, einfach mal daheim zu bleiben und Zeit mit Familie oder Freunden zu verbringen. Vielleicht auch wieder einen längeren Rockklassiker genießen. Wie wär’s mit Bob Dylans elfeinhalbminütiger Ballade „Desolation Row“? Oder „Riders On The Storm“ von The Doors? Magische sieben Minuten, inklusive Regen und Donnergrollen.