Kolumne: Leseförderung ist politisch

Anje Scherer fände es gut, wenn "Kino im Kopf" Bildungsziel würde.
MMH/Gerd Markert2001 war das anders, da diskutierte noch halb Deutschland über Schulformen und das unterschiedliche Niveau in den Bundesländern. Auch wenn Leistungsvergleiche bei Heranwachsenden viele Tücken haben – diese Daten sind nicht nur für Fachleute relevant. Sondern entscheiden möglicherweise über den Fortbestand der Demokratie.
Denn knapp 20 Jahre später ist mitnichten alles gut: Jeder fünfte Schüler hat große Mühe, Texte zu lesen und zu verstehen; abseits der Gymnasien ist es sogar fast jeder dritte. Tendenz steigend. Das bedeutet zum Beispiel, dass viele Ironie und Sarkasmus nicht erkennen können. Im berühmten Vorschlag von Jonathan Swift etwa, sich der armen Kinder Irlands zu entledigen, indem man sie esse – 1729 ätzte er damit gegen die herrschende britische Oberschicht. Viele heutige Jugendliche wären kaum mehr in der Lage, das nachzuvollziehen.
Wen aber schon indirekte Rede überfordert — weil er nicht kapiert, dass „laut xy sollen schwarze/weiße/blaue Menschen kriminell sein“ nicht bedeutet, dass Schwarze/Weiße/Blaue kriminell sind, sondern nur, dass es jemand behauptet –, der hat praktisch keine Chance, Fake News zu entlarven. Und das beeinflusst uns nach und nach alle.
„Leseförderung ist politisch“, sagt denn auch die Präsidentin des deutschen PEN, Regula Venske. Zwischen Lesen, Information und Demokratie gebe es eine direkte Verbindung. Die Schriftstellerin fordert deswegen, der Förderung des Lesens einen neuen Status zuzuerkennen.
Die gute Nachricht: Leseförderung ist nicht so schwer. Dreimal pro Woche 15 Minuten vorlesen, das reicht. Diese leckere Medizin muss allerdings mindestens die gesamte Grundschulzeit verabreicht werden. Denn vor dem Lesen kommt Lauschen, darin sind sich Fachleute einig: Über das Hören identifiziert man sich mit einer literarischen Figur, und das „Kino im Kopf“ entsteht — die Basis späterer Leselust. Weil das in schriftfernen Familien kaum passiert, haben deren Kinder wenig Chancen, Leseratten zu werden.
Die zweite gute Nachricht: Schule kann das nachholen. Bloß wie? Wo Lehrer, Schüler und Eltern unter Druck und vollen Stundenplänen ächzen … Im Zweifel dann doch lieber eine Stunde weniger Bio und Raum für lebenswichtige Inhalte — Ronja Räubertochter, Momo, Harry Potter & Co.