Kolumne
: Sieben Wochen ohne Lüge - das ist gar nicht so einfach

Wie halten wir es mit der Wahrheit? Wohl nicht so genau.
Von
Camillo Kupke
Frankfurt (Oder)
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Camillo Kupke

Dietmar Horn

Insofern nimmt sich die evangelische Kirche in ihrer heute beginnenden Fastenaktion eines heiklen Themas an. „Mal ehrlich! Sieben Wochen ohne Lügen“ lautet das diesjährige Motto. Doch das dürfte gar nicht so leicht sein. Glaubt man Studien, laviert sich jeder Mensch mit bis zu 200 Schummeleien durch den Tag! Warum antworten wir auf Fragen wie „Hat’s geschmeckt?“ oder „Wie sehe ich heute aus?“ mit einer Unwahrheit? Weil wir die gute Stimmung halten, einen Streit vermeiden wollen?

Würde man niemandem mehr einen „guten Morgen“ wünschen, den man in Wirklichkeit nicht leiden kann, wäre das nicht nur brutal ehrlich, sondern auch unhöflich, gibt Rochus Leonhardt zu bedenken. Der Theologie-Professor an der Universität Leipzig sagt, es sei gar nicht so einfach zu klären, was alles unter den Begriff Wahrheit falle. Auch Martin Luther habe Lügen als ethisches Problem erkannt, sie aber bis zu einem bestimmten Grad gerechtfertigt, da sie in manchen Situationen ein „Liebesdienst“ sein könnten. Für Leonhardt ist letztlich entscheidend, dass eine Lüge niemandem schaden dürfe, etwa indem jemand schlechtgeredet werde.

Auch wenn es zuvorderst „um den alltäglichen Umgang mit Wahrnehmung und Wahrhaftigkeit“ in der Fastaktion „Mal ehrlich!“ gehe, wie deren Geschäftsführer Arnd Brummer betont, solle „die politische und mediale Ebene“ nicht ausgespart werden. Dafür erhält er Unterstützung von Manfred Schmitt. Der Psychologie-Professor von der Universität Koblenz-Landau sieht Politiker in einer Vorbildrolle: „Lügen mächtiger Personen nehmen Einfluss auf die Verbindlichkeit des Wahrheitsgebotes und tragen dadurch zur Legitimierbarkeit von Lügen bei“, warnt er. Wer bei einer Lüge ertappt werde, könne sich inzwischen sogar auf die einflussreichsten Männer der Welt wie US-Präsident Donald Trump berufen.

Ob heute mehr gelogen werde – nicht nur in der Politik –, müsse noch untersucht werden, meint der Münchener Arzt und Jurist Rainer Erlinger. Neu sei jedenfalls „eine Verachtung von Wahrheit und Fakten – von dem, was sich prüfen und bestätigen lässt.“ Es sei verheerend, „den Abgleich der eigenen Eindrücke und Gefühle mit der Realität für überflüssig zu halten“. Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen sieht sogar das „Ideal der Mündigkeit“ bedroht: Wenn sich über Soziale Medien „Fake News" – auch das sind Lügen – schneller verbreiten als wahrhaftige Nachrichten, wenn Erfundenes vorschnell für wahr gehalten wird, wenn nicht mehr die Frage, ob das Gesagte überhaupt stimmt, regiert, dann werde „das Gewebe der Gesellschaft angegriffen und gelockert“.