Herr Schöne, seit Jahrzehnten singen Sie: "Werd ich noch jung sein, wenn ich älter bin" – haben Sie mit 77 Jahren eine Antwort darauf gefunden?

Ja, aber das ist nicht meine Interpretation, sondern die anderer, zum Beispiel meiner Frau. Das Lied habe ich 1977 zusammen mit Konstantin Wecker geschrieben, es war der Titelsong eines Albums. Heute ist es bei Auftritten die Zugabe. Meine politischen Lieder sind mir wichtiger. Ich gehörte in der DDR zum Hootenanny-Club, dem späteren Oktoberklub (die politische Singebewegung lehnte sich an die US-amerikanische Folk-und Protestbewegung an, Anm. d. Red.). Ich hatte mich ganz schnell ausgeklinkt, weil es zur Parteidirektive wurde.

Welche Rolle spielt das Politische heute in Ihrem Programm?

Keine große. Es gibt das eine oder andere politische Lied: meinen Antiwaffensong "Kills The American Dream", den Mauersong. Ich komme ja aus der DDR-Protest-Sänger-Bewegung und lese oder singe heute viele nachdenkliche Geschichten. Menschen wollen nicht nur oberflächlich unterhalten werden. Ich möchte die Leute mitnehmen in mein Leben. Kurioserweise haben mich meine Protest-Lieder in den Westen gebracht. Eine Einladung für ein Konzert in West-Berlin 1968 habe ich schamlos ausgenutzt und bin dageblieben.

Wollten Sie schon immer Schauspieler oder Sänger werden?

Bis zum fünfzehnten Lebensjahr wollte ich Seemann werden. Für meine Jugendliebe Inge habe ich mit sechzehn den Kindheitstraum über Board geschmissen. Dann war die erste Liebe vorbei und der Wunsch kam auf, Schauspieler zu werden. Irgendwann wollte ich aber doch lieber Pastor werden. Meine Mutter meinte dann: "Jetzt nicht schon wieder alles umschmeißen: erst Seemann, dann Schauspieler und Pastor – jetzt wirst du Schauspieler!"

Sie hatten sich bis 1968 bei der Defa etabliert. Warum sind Sie nicht in der DDR geblieben?

Es gab noch eine große Unterdrückung mit ständigen Verboten und Kontrollen, was man singen durfte. Es waren auch nicht unbedingt politische Gründe, die mich zum Gehen gebracht haben. Ich wollte eine Weltreise machen. Es war mir alles zu eng. Als ich weggegangen bin, wurde mir sogar der Intendant nachgeschickt, um mich ans Theater zurückzuholen. Er stand plötzlich nach einem Auftritt im Westen in der Hoteltür. Das ist natürlich nicht geglückt. Ich war ja froh, dass ich raus war.

Sie erzählen "wahre Geschichten" über den Osten. Wie wichtig ist die Aufarbeitung der eigenen Herkunft?

Das ist meine Identität. Ich bezeichne mich ja immer als "Assi" (amerikanischer "Ossi"). Weimar – meine Kindheit und ersten Jahre in der DDR – sind mir schon wichtig. Genauso aber auch die ersten Jahre in München und in Amerika. Ich hatte nicht die gleichen Probleme wie sehr viele meiner Kollegen aus dem Osten – die sagten, im Westen war es so kalt. Eher empfinde ich es jetzt als kalt. Damals hatte ich sofort einen warmen Einstand mit den Musicals "Hair", "Jesus Christ Superstar" und anderen Dingen.

Bei Konzerten oder Lesungen treffen Sie auch auf alte Fans aus DDR-Zeiten. Wie ist das so?

Obwohl ich nur wenige Jahre dort war, sind die Fans im Osten anhänglich. Das finde ich schön. Es ist einfach herzlicher. Es ist so rührend, wenn Menschen zu mir mit Fotos kommen – von einem Ereignis, an das ich mich gar nicht mehr erinnern kann.

Als Synchronstimme in Filmen wie "Transformers" haben Sie viele junge Fans dazugewonnen. Welche Arbeit erfüllt Sie am meisten?

Das macht mir Spaß, aber meine Prioritäten sind Lieder schreiben, Drehen und Bücher. Das Schreiben ist eine sehr erfüllende Sache. Es redet einem keiner rein. Ein Rock’n-Roll-Märchen für Erwachsene und Jugendliche und ein Kindermärchen kommen bald heraus. Da geht die Seele auf. Dafür habe ich die letzten Jahre sehr gebrannt.
"Songs und Stories", 7.12., 19.30 Uhr, Kulturforum Scharwenka, Moorstr. 3, Bad Saarow. Karten und Reservierungen: 033631 599245.

Von der Defa nach Hollywood


Reiner Schöne wurde 1942 im nordhessischen Fritzlar geboren. Aufgewachsen ist er in Weimar und war dort am Nationaltheater beschäftigt. Neben dem Theater drehte er Defa-Filme und nahm Schallplatten auf. 1968 setzte sich der 1,94 Meter große Schauspieler nach einem Konzert in den Westen ab und wurde Musical-Star (u.a. "Hair", "Jesus Christ Superstar"). 1985 begann seine Karriere in Hollywoodfilmen und -serien. Als Synchronstimme spricht er William Dafoe, Sam Elliot und "Optimus Prime" (Roboterfigur aus der Science-Fiction-Reihe "Transformers"). Nach fast 20 Jahren auf einer Ranch nahe Los Angeles kehrte er 2002 nach Deutschland zurück. jrg