Es gibt diese Momente im Leben, in denen einfach alles passt. Fügung wurde so etwas früher genannt, und die war bei diesem Auftritt von Dirk Michaelis und Gisela Steineckert im Theater am Rand erkennbar im Spiel. Da war zum einen die Kulisse: die Paare auf den Holzbänken, der Regen, der die Landschaft des Oderbruchs, die in dem offenen Holzbau das Bühnenbild ersetzt, in ein Gemälde verwandelte.  Im Rücken der Künstler lag ein Schiffswrack in den Wiesen,  von rechts galoppierte eine Pferdeherde ins Bild.  Das Rauschen des Wassers, das fahle Licht, und auf der Bühne ein Programm, dessen Name alles andere als Makulatur war:  "Seelenverwandt".
Seit fast 35 Jahren kennen sich die Schriftstellerin Gisela Steineckert und der Sänger Dirk Michaelis nun. Jahre, in denen viel passiert ist: Das Land, in dem sie künstlerisch groß wurden, ist von der Landkarte verschwunden, und im neuen machte sich die Wut und Verbitterung derer, die sich um ihr Lebens betrogen fühlten, breit. Gefühle, um die es in dem neuesten Song von Michaelis geht: "Wo bleibt Vertrauen, wenn sich jeder wütend wehrt. Was bleibt von Heimat, wenn sie keine Liebe lehrt?" Zwei Zeilen aus  dem gemeinsam geschriebenen "Heimat", bei denen nicht wenigen Theaterbesuchern die Tränen kamen.

Unbewusst die Gefühlslage einer Zeit zu treffen – das war es, was Steineckert und Michaelis einst berühmt gemacht hat. Denn ihr erster gemeinsamer Hit schrieb Wendegeschichte. Es war 1986, als Dirk Michaelis mit einer Kassette in Berlin bei Gisela Steineckert anklingelte. Die war damals nicht nur Lyrikerin und Liedtexterin, sondern auch Vorsitzende des Komitees für Unterhaltungskultur der DDR. Michaelis hatte gerade als Sänger bei der Band Karussell angeheuert, die sich eigentlich als Rockband verstand. Beim Soundcheck spielte der Neue immer die gleiche, sanfte Melodie an, bis die anderen fragten: "Was ist das eigentlich?" Das sei eine Melodie, die ihm mit 12 eingefallen sei, als er traurig war. Die Melodie klang so außergewöhnlich, dass die Band beschloss, sie auf die neue Platte mitzunehmen. Aber wer sollte den Text schreiben? Da rief jemand rief: "Gisela!" Gisela Steineckert war für Michaelis "ein Mythos", und so musste er seinen ganzen Mut zusammen nehmen, um ihr eine Aufnahme mit dem Lied zu überreichen. Sie war zunächst genervt über "den jungen Mann mit den langen Haaren und den kurzen Hosen". Nach fünf Wochen schob sie sie lustlos seine Kassette in den Rekorder. Als sie die Melodie hörte, ging ihr sofort ein Text durch Kopf: "Als ich fortging."
Das wurde ein Hit, und Michaelis zum Konzert zum 40. Jahrestag der DDR in den Palast der Republik eingeladen. Während er die Zeilen "Nichts ist von Dauer, so sieh das doch ein" sang, demonstrierten draußen die Massen. "Das war nie als politisches Lied gedacht," sagt der gebürtige Chemnitzer. ,Aber die Umstände haben es dazu gemacht."
Die Fügung, die nicht nur Steinert zur richtigen Zeit an den richtigen Ort bugsierte, sondern auch den jungen Mann und die ältere Dame eine Seelenverwandtschaft entdecken ließ, die "aus unseren Texten und Melodien mehr macht als die Summe der Teile," wie Steineckert erklärt. "Wir schreiben nie zusammen. Mal bekommt er einen Text von mir und setzt sich ans Klavier, mal höre ich eine Melodie von ihm, die bei mir etwas freisetzt."
So entstand auch im vergangenen Jahr das "Heimat"-Lied: Er sollte sie im Auto chauffieren, sie ließ ihn warten, weil sie einen Text im Kopf hatte. Er drängelte die ganze Fahrt, bis sie ihm das Papier schließlich das Manuskript gab. Dann setzte er sich ans Klavier und spielte spontan eine Melodie, die, so Steineckert, "den Worten etwas gab, was ich allein nie so hätte ausdrücken können."

Langsame Entfernung

Es ist diese gegenseitige, aufrichtige Anerkennung, die wesentlich dazu beitrug, dass der Abend im Theater am Rand den meisten Zuschauern  sichtlich unter die Haut ging. Steineckert las mit ihrer warmen Stimme eine der Miniaturen aus ihrem neuen Buch "Langsame Entfernung", das auch eine Trauerverarbeitung über den Tod ihres Mannes ist. Er schloss nahtlos mit einem seiner neueren Songs an, die ihn zu den Ursprüngen zurückführen: ein Mann am Klavier, der melancholische Lieder über den Verlust von Bindungen und die Liebe zur Welt singt – ohne Streicherteppich und Schlagerbeat. 
Am Ende gab es stehende Ovationen. "Ich habe dem Theater am Rand geschrieben: Wir schenken euch eine Vorstellung. Wir wollten unbedingt hier auftreten," sagt Gisela Steineckert. "Denn das ein Ort, der einem seine Lebenskraft lässt."

Im Theater am Rand

"Seelenverwandt" heißt die musikalische Lesung, in dessen Rahmen der 1961 geborene  Michaelis und Gisela Steinieckert, Jahrgang 1931, neue Lieder präsentierten. Im September treten sie zu einer kleiner Tournee nach Pirna, Magdeburg, Schwerin und Eisleben an. Termine unter: www.gisela-steineckert.de/termin. Bildergalerie und Video vom Abend in Zollbrücke auf moz.de.
Das Theater am Rand verkündete anlässlich der voll besetzten Veranstaltung eine frohe Botschaft: Das Theater wird dank großzügiger Spenden der Zuschauer wohl die Corona-Krise überleben. Im September gibt es in Zollbrücke unter anderem ein dreitägiges Akkordeonfestival (18. bis 20.9.)  Kindertheater (6. und 12. 9.) sowie Thomas Rühmann und Tobias Morgenstern, die die "Dshamilja"-Liebesgeschichte von Tschningis Aitmatow interpretieren (4. 9, 5., 25. und 26.9.). Programm und Kartenreservierung: www.theateramrand.de. mh