Am Sonntag führte Lewis Capaldi seine Europatournee zum ersten Album "Divinely uninspired to a hellish extent" nach Berlin in die Verti Music Hall. Mit 4500 Besuchern - unter ihnen auch zahlreiche Briten und Iren - war diese ausverkauft. Und die Fans waren laut, ohrenbetäubend laut. Von der ersten Liedzeile an "I'm not ready to be just another of your mistakes" (zu Deutsch: "Ich bin nicht bereit, ein weiterer deiner Fehler zu sein" aus dem Song "Grace") sang die ganze Halle leidenschaftlich mit.

Fans bringen ihm Deutsch bei
Die Stimme des 23-jährigen Röhren-Softie ist unverwechselbar wie sein Auftreten. Authentisch, menschelnd und ohne Allüren kommt der Blondschopf in Berlin daher, spielt in lässigem Schwarz-Weiß und lässt auch mal die schottischen Manieren vermissen, wenn er auf der Bühne rülpst. Unverwunden gibt er gleich zu Beginn zu, sich auch nicht die Mühe gemacht zu haben, extra Deutsch zu lernen. Für die Fans kein Problem: Sie bringen ihm gerne "Isch liebe dick" oder "Verpiss dich" bei.
Lewis Capaldi verkörpert die Formel aus der in einer schrill-bunten, unbeständigen Welt Superstars gemacht werden: Sympathische Authentizität, Bodenständigkeit und leicht-irrer Eigensinn. Diese Formel könnte ihm eine lange Verweildauer im Popbusiness garantieren. Doch auch die Tiefe seiner Balladentexte überzeugt: Sie umweht ein Hauch verlassene Nachdenklichkeit, die jeder im Publikum nachfühlen kann. Jeder, nicht nur die Frauen.
Was fürs Herz für Frau und Mann
Da gibt es beispielsweise diesen Engländer, der mit geschlossenen Augen und einem Bier in die Höhe gestreckt "Could we come close to havin’ it all? If you’re gonna waste my time, let’s waste it right" (zu Deutsch: "Könnten wir uns annähern, um all das zu haben? Wenn du meine Zeit verschwendest, lass sie uns richtig verschwenden") schmettert und sich leidend ans Herz fässt. Minutenlang hallt dieser Song "Hold me while you wait" im Publikum noch nach.

Doch diese Melancholie bricht Lewis Capaldi während seines Konzertes immer wieder auf: Mal kommentiert er herzlich das geworfene Kuscheltierherz einer Polin, mal beschimpft er verschmitzt einen Fan, der noch ein Geburtstagsständchen fordert. Dann klaut er einem anderen Jünger die mit Capaldis Gesicht bedruckte amerikanische Fahne oder er reagiert auf Auszieh-Forderungen mit lasziven Tanzeinlagen auf einer Treppe.
Neben all dem spielt Lewis Capaldi natürlich auch noch seine bekanntesten Hits wie "Bruises" und "Someone You Loved". Letzterer wurde auf Spotify schon rund eine Milliarde Mal gestreamt. Bei beiden Songs streckt fast jeder Fan in der Verti Music Hall das Handy in die Höhe und schafft sich Erinnerungen - für die Social-Media-Kanäle oder ganz altmodisch einfach nur für sich.
Star mit Selbstzweifeln
Wie Lewis Capaldi verrät, arbeitet er derzeit an seinem neuen Album. Wenn er nach Berlin zurückkomme, dann nur mit diesem im Gepäck, verspricht er am Ende seiner 80-minütigen Show. Er hoffe, dass das Album nicht "voll für‘n Arsch" sein werde.
Auch das gehört zu diesem Künstler: immer der leise Zweifel an sich selbst. In einem Interview sagte er einst, ihn mache der Gedanke nervös, dass der Zuschauer nach einem Konzert enttäuscht nach Hause gehen könnte. Bei den Berlinern und angereisten Briten war diese Sorge in jedem Fall unbegründet. Und wahrscheinlich ist sie es bezüglich des neuen Albums auch. Es wäre der Musikwelt jedenfalls zu wünschen.