Konzert
: Schlager-Zeitreise mit Howard Carpendale in der Verti Music Hall

Mit 74 Jahren will Howard Carpendale es noch einmal wissen. Vier Tage lang präsentierte der gebürtige Südafrikaner in der Verti Music Hall in Berlin die Show seines Lebens.
Von
Andreas Wendt
Berlin
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Die Show seines Lebens: Howard Carpendale trat in der Verti Music Hall in Berlin.

Peter Endig/dpa

Mehr als drei Stunden lang entführte Carpendale sein Publikum auf eine Schlager-Zeitreise, die 1966 in Deutschland beginnt. Seit 50 Jahren steht Carpendale auf der Bühne, für ihn ein Grund zum Feiern, und das setzt er nach dem Auftakt seiner neuen Tour in Rostock vergangene Woche mit einem Konzertmarathon in Berlin um. Denn mit Berlin verbindet der Künstler viel: Hier war er immer wieder mit seinen Songs in der ZDF-Hitparade bei Dieter Thomas Heck zu Gast, hier, sagt er, pulsiert für ihn das Leben und das Berliner Publikum ist der Gradmesser dafür, ob seine Shows den Nerv seiner Fans treffen.

Die Show seines Lebens ist Nostalgie pur. Nicht allein wegen „Hello again“, „Samstagnacht“ und „Ti Amo“. Songs, die Carpendales Leben prägten, mit denen er sich in der Welt des Schlagers unsterblich machte und die Garant für seine Karriere auf der Bühne sind. Der Carpendale im Jahr 2020 ist einer, der mit seinem Alter kokettiert, nicht nur singt, sondern Entertainerqualitäten beweist und auch seinen Kollegen Respekt zollt. Als sein Sohn Wayne ihn darum bat, auf der Hochzeit mit seiner Frau Annemarie zu singen, fühlt sich Carpendale geschmeichelt und fragt ihn, ob er das seinen Gästen wirklich antun will. Als sein Sohn aber konkreter wird und preis gibt, dass es kein Carpendale-Song sein soll, sondern „What a wunderful world“ von Louis Armstrong, und dass Carpendale dieses Lied bitte nicht mit seiner so typischen Stimme, sondern möglichst mit der des Originals interpretieren soll, ist er irritiert, tut es aber. Seine Version des Klassikers ist eine, die man ihm stimmlich kaum zugetraut hätte, und das Publikum in Berlin ist aus dem Häuschen.

Doch damit nicht genug. Er dreht in seiner Show die Uhr zurück, wohl wissend, dass in der Verti Music Hall größtenteils Fans sitzen, die mit der ZDF-Hitparade groß geworden sind. Auf der Schlager-Zeitreise gibt er deshalb auch den Oldies seiner Kollegen eine Bühne – der Münchner Freiheit ("Ohne Dich") oder auch Peter Maffay ("So bist Du"). „In der Hitparade habe ich oft gedacht, als die Kollegen auf der Bühne standen: ‚Mist, warum ist Dir dieser Song nicht eingefallen?‘“, erzählt er. Apropos erzählen: Der Carpendale 2020 ist nachdenklich und auch ein wenig politisch. Wenn er das nicht wäre, sagt er, hätte er in seinem Leben etwas falsch gemacht. Zwei Minuten bittet er seine Fans ihm zuzuhören, und er echauffiert sich über die Welt, über deren Schicksal wenige einflussreiche Leute und Lobbyisten entscheiden, und macht sich Sorgen um die Zukunft seiner Kinder und seines Enkels Mads.

Auch wenn Carpendale, seit vielen Jahren an Multipler Sklerose erkrankt, in Interviews über das Ende seiner Karriere und auch den Tod nachdenkt, sich an Schicksalsschläge und den langen, gemeinsamen Kampf gegen die Alkoholsucht seiner Frau Donnice erinnert, auf der Bühne macht der 74-Jährige noch immer eine gute Figur und will das auch in den nächsten Jahren noch tun. Als er am Sonntagabend einen seiner neueren Songs „Unter einem Himmel“ anstimmt, schickt er augenzwinkernd die Botschaft voraus, er werde diesen Song noch solange singen, bis er endlich zu den Top-Liedern gehört – und wenn das noch 30 Jahre dauert. Mit Witz, Charme, seinem unnachahmlichem Slang und natürlich dem Repertoire aus fünf Jahrzehnten Bühnenerfahrung beschert Carpendale Berlinern und Brandenburgern vier Abende hintereinander lang ein Konzerterlebnis, das an alles andere als ein mögliches Ende seiner Karriere erinnert.