Konzertbericht: Standing Ovations für Phil Collins im Olympiastadion

Sänger Phil Collins
dpa/Christoph SchmidtNebeneinander sitzend klopfen einer der erfolgreichsten Musiker unserer Zeit, Phil Collins, und sein 18-jähriger Sohn Nicholas auf Kistentrommeln herum. Hier der alternde Musiker, dort sein vor Kraft strotzender Sprössling. Keine Melodie, kein Gesang, nur Rhythmus. Und da, zwischen den dumpfen Schlägen, bricht es aus dem Publikum heraus. Die Menschen wollen zu dieser Familie gehören. Also lauschen sie nicht nur, sie klatschen mit, sie werden zum Teil der Musik. Obwohl das Konzert schon zur Hälfte rum ist, hat es jetzt erst begonnen.
Das Musikfest am Freitagabend im Berliner Olympiastadion war die zweite Station der „Still Not Dead Yet“-Tour von Phil Collins. Übersetzt bedeutet der selbstironische Titel: „Immer noch nicht tot“ – und ist angelehnt an seine Biographie „Not dead yet“, die 2016 erschien. Ja, er lebt noch. Und das zeigte der 68-jährige Brite den Tausenden Besuchern, die das Stadion nahezu bis zum letzten Platz ausfüllten, mit jeder einzelnen Note. Das Besondere bei dieser Reise: Er hatte nicht nur seinen Sohn im Gepäck, sondern auch Freunde, mit denen er teils 50 Jahre Musik macht. So etwa den Ex-Genesis-Kollegen Mike Rutherford, mit dem Collins zusammen die Schmonzette „Follow you, follow me“ performte. Es ist eine Tournee mit der Familie für die Familie.
Denn Collins berührt die Herzen von Generationen. Er macht Musik, die Mütter mit Töchtern und Väter mit Söhnen vereint. Deshalb sangen an jenem lauen Sommerabend Opas mit ihren Enkeln „Can’t hurry love“, deshalb wippten auf den Rängen junge Paare zu „Sussudio“ und ältere Paare lagen sich bei „In the Air tonight“ in den Armen. Der letztgenannte war jener Song, den die meisten Zuschauer sehnsüchtig erwartet hatten. Das Schlagzeug-Break, das Collins als einer der besten Drummer unserer Zeit früher selbst gespielt hatte, inszenierte nun sein Sohn kraftvoll, energisch, mit jener typischen Collins-Verve eben. Währenddessen stand sein Vater am Mikrophon und bildete den Konterpart zu den krachenden Schlägen. Auch wenn sich viele in jenem Moment Phil selbst an den Drums gewünscht hätten – die Einheit von Sohn und Vater entschädigte.
Dass der 68-jährige Ex-Schlagzeuger von Genesis nicht zu den Stöcken griff, hat mit seiner Krankheitsgeschichte zu tun. Aufgrund eines Nervenschadens kann er sich nicht mehr hinter die Trommeln und Becken klemmen. Zudem ist nach einer Rückenoperation sein rechter Fuß gelähmt. Deshalb humpelte Collins mit einem Gehstock auf die Bühne. Das Konzert verbrachte er größtenteils im Sitzen. So saß auf jenem ledernen Barhocker über zwei Stunden lang ein Mann mit teils brüchiger Stimme und grauem Stoppelbart, der sich die Seele aus dem Leib sang. Passenderweise stimmte er als erstes Lied an: „Against all odds“ - „Entgegen aller Widrigkeiten“.
Doch Collins wäre nicht Collins, wenn er seine körperliche Zerbrechlichkeit nicht in ironische Sprüche verpacken würde. Sein Humor, den er in seiner Karriere etwa durch so Songs wie „I can’t dance“ ("Ich kann nicht tanzen") bewiesen hatte, blitzte im Laufe des Konzerts immer wieder auf. Etwa, als er ein Lied mit seinem Sohn am Klavier anstimmte. Nicholas sei die Songs seines Vaters durchgegangen, erzählte Phil. Nur ein Lied im Repertoire und einer jahrzehntelangen Karriere voller Nummer-1-Hits hätte Nicholas gefallen. „Nur eines! Ich hatte ja auf zwei gehofft“, sagte Phil und lachte, während Nicholas die Schultern zuckte und den Zeigefinger als Symbol für das eine Lied nach oben streckte. Und als Phil seinen Sohn dem Publikum vorstellte und tosender Applaus aufbrandete, winkte der Sänger nur lachend ab: „Jetzt hört auf, der wird noch Geld für den Auftritt verlangen wollen."
„Ich dachte, ich würde mich unbemerkt zurückziehen“, hatte Collins vor seiner Tour gesagt. Seine Familie hätte ihn jedoch zum Comeback überredet. „Es ist an der Zeit, alles noch einmal zu machen. Es fühlt sich einfach richtig an.“ Seine Fans quittierten es ihm mit stehenden Ovationen und indem sie lauthals mitsangen, mittanzten, mitlachten. Es brauchte nicht mehr Show, es brauchte keine flirrenden Laserelemente, keine aufwendigen Kostüme. Es brauchte nur eine Familie, die zusammenkam, um Musik zu machen und Musik zu genießen.
