Grau war dieser 1. Dezember 2022 in Berlin. Und kalt. Sehr kalt sogar. Bräuchte es ein Symbolbild für unerbittlichen Winterblues, die Hauptstadt hätte ein denkbar würdiges Motiv abgegeben. Das heißt fast. Jene nämlich, die das Glück hatten, am Abend in der Max-Schmeling-Halle zu stehen, dürften den Tag anders in Erinnerung behalten. Sie fanden sich in einer von Indie-Riffs und politischen Sprechgesang befeuerten Enklave wieder, in der Temperaturen näher am Siede- als am Gefrierpunkt lagen. Von Tristesse keine Spur. Der vorherrschende Gemütszustand hieß Euphorie – Kraftklub sei Dank.

Berlin bekam das K in Kraftklub besonders wuchtig von der Bühne geschleudert

Die Chemnitzer Band ist derzeit mit ihrem neuen Album „Kargo“ auf Tour. Nach einigen krankheitsbedingten Konzertabsagen, etwa in Düsseldorf und Stuttgart, konnten die Berliner Fans jedoch aufatmen. Sie mussten ihre Tickets nicht für einen Nachholtermin umtauschen. Stattdessen bekamen sie das K in Kraftklub besonders wuchtig von der Bühne geschleudert. Mit „In meinem Kopf“ wurde direkt der letzte Song des aktuellen Albums zum Opener – und zur ersten Gelegenheit, die eigene Textsicherheit lauthals unter Beweis zu stellen. Die war bei Klassikern wie „Karl-Marx-Stadt“ – die (inoffizielle) Hymne auf die Geburtsstadt der Bandmitglieder –, „Chemie Chemie Ya“ oder „Schüsse in die Luft“ ohnehin vorhanden. Doch auch für die Songs von „Kargo“ – die allesamt auf der Setlist standen – stimmte jede Zeile.
Wer sich das Spektakel ansah, konnte fast vergessen, dass Kraftklub geschlagene fünf Jahre pausierten. Sicher, Frontmann Felix Brummer legte in dieser Zeit den Künstlernamen ab und mit bürgerlichen Nachnamen als „Kummer“ ein sehr erfolgreiches Solo-Intermezzo hin – Nummer-1-Album mit „Kiox“ inklusive. Die dazugehörige Tour ließ er nach mehreren coronabedingten Unterbrechungen im September mit dem „Letzten Konzert“ in einem ausverkauften Doppel-Gig in der Berliner Wuhlheide enden. Und auch Gitarrist Steffen Israel verschwand nicht ganz von der Bildfläche. Auf der 2020 erschienenen EP „Pet Peeves“ der Dortmunder Surfpunker „Drens“ trat er als Produzent in Erscheinung.

Kraftklub ist sich selbst als deutsches Indie-„Flagschiff“ treu geblieben

Dennoch, diese instant wieder vorhandene Vertrautheit ist erstaunlich. Grund dafür ist sicher auch, dass sich Kraftklub selbst nach ihrem Aufstieg zu Deutschlands Indie-„Flagschiff“ treu geblieben sind. Ganz im Sinne ihres Hits „Ich will nicht nach Berlin“ vom Debüt-Album „Mit K“, leben sie nach wie vor in Chemnitz. Mehr noch, sie haben die dortige Szene quasi im Alleingang planiert und den Boden für lokale Band wie Blond und Power Plush geebnet. Für alle, die sich jetzt fragen: Ja, der Berlin-Schmäh-Song erklang auch am Donnerstagabend – und wurde derart frenetisch mitgesungen, dass bei Teilen des Hauptstadt-Publikums von akuter geografischer Selbstverleugnung ausgegangen werden muss.
Brüder und Bandkollegen: Sänger Felix Brummer und Bassist Till Brummer
Brüder und Bandkollegen: Sänger Felix Brummer und Bassist Till Brummer
© Foto: Michael Heider
Die Band mit K blieb sich auch musikalisch auf ihrem vierten Studioalbum treu. Dass Kraftklub auch heute noch so klingt wie, nun ja, Kraftklub, wurde im feuilletonistischen Reflex gerne mal als Redundanz angemahnt. In Berlin wurden die Chemnitzer dafür gefeiert. Denn spätestens, wer Kraftklub live erlebt, versteht gerade den gewohnten Mix aus E-Gitarren-Staccato, politischen Texten und Rap-Flows nicht nur – sondern lernt ihn auch zu schätzen. Immerhin haben es diese fünf ostdeutschen Jungs bei ihrem Aufstieg aus Klubs wie dem Chemnitzer Atomino bis in die Arenen des Landes geschafft, die Essenz einer verdammt fantastischen Live-Show zu destillieren. Warum sollte also man eine solche Mixtur antasten?

Auch das Glücksrad kam in der Max-Schmeling-Halle wieder zum Einsatz

Und wie es sich für eine Kraftklub-Show gehört, geht es dabei nie nur um den Inhalt, namentlich Moshpit beschwörende Songs. Auch die Form spielt eine Rolle. So hatte auch in der Max-Schmeling-Halle das „Glücksrad“ der Band wieder einen Einsatz. Die Kategorien? Coversong, bandeigene Abreisser wie „500k“ oder Zigarettenpause. Dass es nicht zu letzterer kam, war erneut dem kleinen Arthur zu verdanken. Der vielleicht elfjährige Fan hatte bereits Ende September auf dem Lollapalooza am Rad drehen dürfen, wo er sich als „kleiner Frechdachs“ (Brummer) erwies und ein wenig schummelte, um seine Lieblingskategorie zu erhalten. Ein Verhalten, das mit einem Gästelistenplatz für das Konzert in der Max-Schmeling-Halle belohnt wurde. Dort landete Arthur auf „Scheissindiedisco“, was einen fast hallenbreiten Moshpit nach sich zog.
Ebenfalls typisch für Kraftklub ist eine deutliche politische Positionierung gegen Rechts. Gesellschaftskritik verpackt die Band dabei nicht nur in eingängigen Texten. Nach der Protest-Hymne „Schüsse in die Luft“ ergriff Sänger Felix Brummer das Wort und äußerte Verständnis für die Aktionen der „Letzten Generation“ und deren Anliegen, den Klimaschutz in den Vordergrund politischen Handels zu rücken. „Man muss stören“, so Brummer. „Und man sollte lieber darüber reden, warum dieser Protest nötig ist.“ In Berlin traf er mit dieser Meinung auf kollektive Zustimmung, ausgedrückt durch wiederholte „Scheiss CDU“-Rufe.
Support und Feature: Die Indie-Pop-Sängerin Mia Morgen begleitet Kraftklub für einige Konzerte der "Kargo"-Tour
Support und Feature: Die Indie-Pop-Sängerin Mia Morgen begleitet Kraftklub für einige Konzerte der "Kargo"-Tour
© Foto: Michael Heider

Ebenfalls in Berlin mit auf der Bühne: Mia Morgan und Blond

Am Ende des Konzerts dürften bei Band wie Fans kaum Wünsche offen geblieben sein. Letztere feierten immerhin auch die Kasseler Indie-Popperin Mia Morgan nicht nur für ihr Feature bei „Kein Gott, kein Staat, nur du“, sondern auch als Support-Act für die Berliner Show mit gebührender Euphorie. Was im übrigen auch für die Formation Blond galt, die ebenfalls mit Kraftklub einen kurzen Auftritt beim gemeinsamen Song „So schön“ hatte.
Lang war der Weg für Kraftklub von ihrem ersten Berlin-Konzert im Knaack-Klub, den es schon seit 2010 nicht mehr gibt, bis zu diesem 1. Dezember in der Max-Schmeling-Halle. Das weiß auch Felix Brummer. „Doch nach all der Zeit sind wir immer noch das, wofür wir uns immer gehalten haben: eine Live-Band.“ Eine Einschätzung, die viele, die nach drei Stunden wieder in die eisige Berliner Nacht zurückkehrten, teilen dürften.