Kristallnacht
: Neue Viadrina-Ausstellung beschäftigt sich mit 9. November

Mit einer Ausstellung und einem Symposium zeigt die Viadrina neue Dimensionen zum 9. November.
Von
Nancy Waldmann
Frankfurt (Oder)
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  • Im Gespräch: Irene Runge an der Viadrina

    Im Gespräch: Irene Runge an der Viadrina

    Ulrike Polley
  • Aus der Oder geborgen: dieser jüdische Grabstein. Frankfurts alter jüdischer Friedhof ist auch Thema der Ausstellung.

    Aus der Oder geborgen: dieser jüdische Grabstein. Frankfurts alter jüdischer Friedhof ist auch Thema der Ausstellung.

    Konrad Tschäpe
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Dieser 9. November in Frankfurt hatte es in sich. Erstmals ging es nicht „nur“ um Gedenken und Mahnen am Erinnerungsstein für die einstige Synagoge, sondern auch um das Erfassen dessen, was verloren ging – dafür steht die Wanderausstellung „Jüdisches Leben an der Oder“ die im Gräfin-Dönhoff-Gebäude der Viadrina eröffnet wurde – sowie um das Reflektieren über den Umgang mit diesem Datum, das den Beginn der Entrechtung und Erniedrigung der deutschen Juden darstellt, so definierte es Christian Dietrich von der Professur für deutsch-jüdische Literatur- und Kulturgeschichte, Moderator des Symposiums „Überschriebenes Gedächtnis? – Die Reichspogromnacht im Spiegel kultureller Erinnerungen“. Symposium bedeutete ein inhaltliches Arrangement aus wissenschaftlichem Gespräch und ausgewählten Kompositionen jüdischer Exilanten und Shoah-Überlebender wie dem oben gemeinten Hans Krása, vorgetragen von einem Quartett des Staatsorchesters.

Es war die als Zeitzeugin geladene Irene Runge, 1942 im Exil geborene Jüdin, Soziologin, Ostberlinerin, die 1988 einen Text im Vorfeld des 50. Jahrestags verfasste, den sie unter dem Titel „Kristallnacht“ veröffentlichen wollte. Runge hatte 1983 den jüdischen Kulturverein in Ostberlin begründet. Um sie herum sammelten sich Leute, die mit der von überlebenden „alten Männern“ geprägten und auf Gottesdienste konzentrierten Gemeinde nichts anfangen konnten. Sie unterhielten sich über ihr Jüdischsein, erzählten sich jüdische Witze, kochten jüdisches Essen. „Jüdischsein wurde damals modisch“, so Runge, und zwar über die Gruppe hinaus. Bemerkenswert, da der Antifaschismus der DDR die Auseinandersetzung mit Schuld und Shoah vermied und dem Westen zuwies. So stand auch der 9. November im Schatten des Tages der Opfer des Faschismus am zweiten Sonntag im September. Glasnost und Perestrojka veränderten aber etwas, so dass das erste gesamtdeutsch geplante Gedenken stattfand – das konfliktreich ist. Der Zentralratsvorsitzende Heinz Galinski entscheidet sich zu dem Anlass vor der Volkskammer statt im Bundestag zu sprechen. Diese wiederum endet mit dem Rücktritt des Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger.

Irene Runges Absicht bestand darin, das Pogromgeschehen aus der Entrückheit der Schwarz-Weiß-Bilder zu holen. Sie rekonstruiert aus Wetterbericht und Kinoprogramm in Zeitungen 1938 den Alltag der „Kristallnacht“, und verwob das mit der noch längst nicht anerkannten Oral-History-Methode, sprach mit Bewohnern Ostberliner Häuser, in denen Juden gewohnt hatten. „Kristallnacht ist für mich ein alter Begriff der Berliner Schnauze, der das Scharren und das Klirren der zerschlagenen Scheiben wiedergibt“, sagt Runge. Obwohl nicht belegt, galt er schon 1988 in der DDR als Nazi-Begriff. Schließlich stimmte sie dem Titel "Pogromnacht“ – unter der Bedingung, dass die Auflage auf 50.000 erhöht werde. Im Westen erscheint das Buch dann doch unter dem ursprünglichen Titel.

„Reichskristallnacht ist kein Nazi-Begriff. Er taucht erstmals in Briefen ausgewiesener Sozialdemokraten auf“, merkte die Literaturwissenschaftlerin Irmela von der Lühe an. Dass man ihn nicht mehr verwendete, habe 1978 in der Bundesrepublik begonnen als es erstmals eine staatliche Gedenkfeier gab. Der damals geprägten Begriff „Reichspogromnacht“ sei jedoch „merkwürdig“.

Die Ausstellung "Im Fluss der Zeit"

Von Breslau über Frankfurt (Oder), Meseritz nach Stettin thematisiert die Ausstellung in Momenten Schicksale deutscher und polnischer Juden in der Oderregion. Erarbeitet wurde sie von der Viadrina-Historikerin Magda Abraham-Diefenbach und Magdalena Gebala vom Potsdamer Kulturforum. Zu sehen bis 12. Dezember im Gräfin-Dönhoff-Gebäude der Viadrina. ⇥nmw