Die Sängerin und Schauspielerin Eva-Maria Hagen ist tot. Hagen starb am Dienstag im Alter von 87 Jahren, wie das Management ihrer Tochter Nina Hagen am Freitag mitteilte. Hagen wurde in der DDR als Theater- und Filmschauspielerin bekannt, bevor sie wegen ihres Protests gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann mit einem Berufsverbot belegt wurde und in den Westen ging.
„Am 16. August 2022 hat unsere geliebte Eva-Maria Hagen diese irdische Welt verlassen und ist uns in die ewige Heimat vorausgegangen. Wir trauern voller Sehnsucht, in Liebe und Dankbarkeit. Nina, Cosma und Otis Hagen - sowie alle ihre Freunde, Freundinnen, Wegbegleiter und Wegbegleiterinnen“, so die Nachricht, die das Management im Auftrag der Familie verbreitete.

Flucht aus Hinterpommern

Geboren 1934 in Költschen in Hinterpommern im heutigen Polen, musste die Mutter mit ihren drei Kindern Ende des Zweiten Weltkriegs fliehen und fand eine neue Heimat im mecklenburgischen Perleberg. In ihrem Buch „Eva jenseits vom Paradies“ beschreibt Eva-Maria Hagen offen und ehrlich die Lage der Kriegskinder „und was sie traumatisiert hatte bis ins hohe Alter, weil sich kein Schwanz um die seelischen Wunden dieser Jungen und Mädchen gekümmert hat“. Durch Kreativität, Theaterspielen und Anerkennung im Beruf habe sie das Schreckliche und Grausame der Vertreibung verarbeitet, „obwohl bestimmte Tagträume und Anflüge von Verlorenheit mich nicht ganz verließen“.

Maschinenschlosser-Lehre in Wittenberge

Eigentlich sollte Eva-Maria Hagen Maschinenschlosserin werden. Daraus wurde nichts: Nach ihrer Lehre im Bahnbetriebswerk Wittenberge begann die junge Frau ein Schauspielstudium in Ost-Berlin, wo sie 1953 mit 19 Jahren unter der Leitung von Bertolt Brecht am Berliner Ensemble debütierte, im Stück "Katzgraben" von Erwin Strittmatter. Binnen kurzem avancierte sie zu einer der erfolgreichsten Schauspielerinnen der DDR, nicht zuletzt wegen ihres Dauererfolgs als Blumenmädchen Eliza im Musical „My Fair Lady“.
Die DEFA-Filmkomödie „Vergesst mir meine Traudel nicht“ hatte die Mutter von Punk-Sängerin Nina Hagen und Großmutter von Schauspielerin Cosma-Shiva Hagen 1957 populär gemacht, bis 1965 wirkte sie in rund 50 TV- und Kino-Filmen mit. Die zierliche Brünette verkörperte oft kurvige Blondinen, was ihr in der DDR den Titel „Brigitte Bardot des Ostens“ einbrachte.

Begegnung mit Wolf Biermann

Die Begegnung mit Liedermacher Wolf Biermann 1965 veränderte ihr Leben, sowohl beruflich wie privat. „Er war einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben“, sagte sie einmal. Als sie 1976 gegen Biermanns Ausbürgerung öffentlich protestierte, entließ man sie fristlos und belegte sie mit Berufsverbot. In ihrem Buch „Eva und der Wolf“ (1998) veröffentlichte Eva-Maria Hagen auch Stasi-Protokolle über das Paar. „Ich beschloss, den akribisch erfassten Beobachtungen der Aufschreiber vom Dienst meine Berichte und Briefe an und von meiner Liebe entgegenzusetzen und zu veröffentlichen, damit, wenn ich nicht mehr da bin, nicht nur das Geschmiere von den Horchern an der Wand übrig bleibt aus dieser wunderbaren und aufregenden Zeit“.
Die Schauspielerin und Sängerin Eva-Maria Hagen mit ihrer kleinen Tochter Nina auf dem Arm in Ost-Berlin in der DDR.
Die Schauspielerin und Sängerin Eva-Maria Hagen mit ihrer kleinen Tochter Nina auf dem Arm in Ost-Berlin in der DDR.
© Foto: dpa
1977 folgte sie dem Ex-Lebensgefährten nach Hamburg, wo sie bis zuletzt lebte. Zwischenzeitlich war Eva-Maria Hagen auch mit dem Regisseur Matti Geschonneck und dem Pianisten Siegfried Gerlich zusammen.
Neben dem Film und dem Theater baute sie sich im Westen eine zweite Karriere als Chansonsängerin auf. Auch als Autorin machte sie sich einen Namen, so veröffentlichte sie 1998 den Briefwechsel mit Biermann in ihrem Buch „Eva und der Wolf“.
Der Liedermacher Wolf Biermann (l), die Sängerin und Schauspielerin Eva-Maria Hagen (2.v.l.), ihre Tochter, die Sängerin Nina Hagen )vorn, r) und der DDR-Regimekritiker Ralf Hirsch (hinten, r).
Der Liedermacher Wolf Biermann (l), die Sängerin und Schauspielerin Eva-Maria Hagen (2.v.l.), ihre Tochter, die Sängerin Nina Hagen )vorn, r) und der DDR-Regimekritiker Ralf Hirsch (hinten, r).
© Foto: Michael Probst/dpa

Nina Hagen - „Godmother of Punk“

Nach der Wende drehte die Schauspielerin mit der natürlichen und sanften Ausstrahlung wieder Filme in Babelsberg in Potsdam, stand als „Medea“ oder „Mutter Courage“ auf der Bühne oder sang Brecht-Lieder. Auch im Fernsehen und im Kino sah man die vielseitige Künstlerin, zuletzt in Komödien wie „Dinosaurier - gegen uns seht ihr alt aus!“ (2009) oder Dramen wie „Lore“ (2012). Zusammen mit Tochter Nina und Enkelin Cosma-Shiva synchronisierte sie 2014 die Neuauflage des Zeichenfilm-Klassikers „Biene Maja“. Die drei Hagen-Frauen beschrieb sie so: „Wir lieben uns von Herzen, aber wir verkörpern drei unterschiedliche Welten.“
Nina Hagen (l) mit Mutter Eva-Maria Hagen (r) und Tochter Cosma Shiva (Archivfoto vom 8.12.1998). Tochter Nina gilt als Ikone der Punkbewegung, machte als Sängerin und TV-Jurorin Schlagzeilen. Enkelin Cosma-Shiva ist längst eine ernstzunehmende Schauspielerin und wurde jüngst zur «schönsten Frau Deutschlands» gewählt. Und auch Mutter und Oma Eva-Maria blickt auf eine bewegte Karriere zurück: In der DDR als Filmstar und Musical-Darstellerin gefeiert, lernte sie 1965 den Liedermacher Biermann kennen und wurde bis zu ihrer Ausbürgerung von der Staatssicherheit überwacht und wegen Staatsverleumdung angeklagt.
Nina Hagen (l) mit Mutter Eva-Maria Hagen (r) und Tochter Cosma Shiva (Archivfoto vom 8.12.1998). Tochter Nina gilt als Ikone der Punkbewegung, machte als Sängerin und TV-Jurorin Schlagzeilen. Enkelin Cosma-Shiva ist längst eine ernstzunehmende Schauspielerin und wurde jüngst zur «schönsten Frau Deutschlands» gewählt. Und auch Mutter und Oma Eva-Maria blickt auf eine bewegte Karriere zurück: In der DDR als Filmstar und Musical-Darstellerin gefeiert, lernte sie 1965 den Liedermacher Biermann kennen und wurde bis zu ihrer Ausbürgerung von der Staatssicherheit überwacht und wegen Staatsverleumdung angeklagt.
© Foto: Horst Ossinger
Auch mit Marie Biermann, der Tochter von Wolf Biermann, sang sie gemeinsam auf der Bühne. „Mit liegt sehr am Herzen, diesen umfangreichen Liedschatz, den ich mir während meiner Laufbahn einverleibt habe, der jungen Generation ans Herz zu legen“, sagte sie in einem dpa-Interview. Zusammen mit ihrem langjährigen Pianisten Siegfried Gerlich nahm sie zu ihrem 80. Geburtstag die CD „Ach, lass uns wieder gut sein“ mit jiddischen Liedern auf. Zuletzt lebte sie abwechselnd in Hamburg, Berlin und der Uckermark.
Angst vor dem Tod hatte sie keine. „In meinem Flur hängt im Dämmerlicht eine von mir bemalte Lichtbilderleinwand mit Schäfchenwolken am Himmel und einem Jüngling drauf, in einer mit himmelblauen und blutroten Blumen übersäten Wiese, durch die der Mäher seine Sense schwingt. So habe ich mir „Freund Hein“ ausgemalt zum Trost für triste Momente.“